Mit „Teufelskreis Y“ lieferte der britische Regisseur Roy Boulting („Der Sonne entgegen“) im Jahre 1968 einen Thriller mit psychologischen Motiven ab, der zudem Züge eines Familiendramas trägt und die Grenze zum Horror streift.
Der junge Martin Dunley (Hywel Bennett, „Shelley“) blickt auf eine prekäre familiäre Situation: Sein Bruder leidet am Down-Syndrom, wurde in einer Anstalt untergebracht und hat nicht mehr lange zu leben. Seine überfürsorgliche Mutter (Phyllis Calvert, „Indiskret“) gibt sich derweil mit einem Kotzbrocken von Mann (Frank Finlay, „Lifeforce – Die tödliche Bedrohung“) ab, den Martin nicht als Stiefvater akzeptiert. Als Martin bei einem Ladendiebstahl ertappt wird, flüchtet er sich in die Rolle des mental zurückgebliebenen Georgie und lernt dadurch die attraktive Susan Harper (Hayley Mills, „Der Millionenschatz“) kennen. Ihr gegenüber bleibt er in seiner Rolle, stellt ihr nach und legt es darauf an, dauerhaft in ihre Nähe zu kommen. Der Plan geht auf und er zieht zu Susan und ihrer Mutter Joan (Billie Whitelaw, „Das Omen“) ins Haus, das an zwei weitere Herren untervermietet wird. Aus Martins Spiel wird Ernst...
Für „Teufelskreis Y“ stellt das Drehbuch gewagte pseudowissenschaftliche Thesen von genetischen Zusammenhängen des Down-Syndroms mit der Entwicklung psychopathischer Wesenszüge auf, die gefährlichen Ideologien von Sippenhaft und Diskriminierung Tür und Tor öffnen, weist aber direkt zu Beginn auf die Fiktivität dieser Überlegungen hin. Das ist gut so, denn „Teufelskreis Y“ ist kein selbstzweckhafter, auf vordergründige optische Schauwerte ausgerichteter Exploitation-Film, sondern gibt sich den Anstrich eines feinfühligen, vielschichtigen, niveauvollen Thrillers mit psychologischem Tiefgang. Nichtsdestotrotz ist Boultings Film natürlich im Exploitation-Bereich zuhause, wenn er sich vor pseudowissenschaftlichem Hintergrund latente Ängste des Publikums vor der Unberechenbarkeit geistig Behinderter zunutze macht, um daraus einen spannenden, unterhaltsamen Film zu spinnen.
Doch der Anspruch von „Teufelskreis Y“ geht weit darüber hinaus und das ist es, was ihn zu etwas Besonderem macht: Boulting lässt die Frage offen, wo bewusste Realitätsflucht zum Selbstschutz oder zur Durchführung von Straftaten endet und wo neurotischer, unkontrollierbar gewordener Wahn beginnt. All das vermischt das Drehbuch und macht es damit zu einer faszinierenden Angelegenheit für den Zuschauer, die Entwicklung der Geschichte zu verfolgen und über Martins bzw. Georgies Motive und Pläne zu rätseln. Zudem entwickelt sich Martin vom anfänglichen Sympathieträger zu einer handfesten Bedrohung, was die schizophrene Ambivalenz der Rolle ausmacht. Martins infantile Rückfalle in die Rolle des scheinbar kindlich-naiven Georgie sind zunächst eindeutig als Schauspielerei durchschaubar, doch die mit ihr einhergehenden, sich bahnbrechenden psychischen Abgründe stehen im krassen Gegensatz zu ihr und die Grenzen verschwimmen immer mehr.
Interessant ist dabei auch die Rolle, die beiden Familien – Martins eigentlicher und seiner auserkorenen – zuteilwird. Beide sind weit davon entfernt, Vorzeige-Bilderbuchfamilien zu sein, doch während Martin mit enormen psychischen Belastungen zu kämpfen hat, scheint das Verhalten seiner Gastmutter, die gerne mal ihre Gästen zu sich ins Bett hüpfen lässt, keinerlei negative Auswirkungen auf die intelligente und lebenslustige Susan zu haben. Was sich demnach genau in Martins Psyche abspielt, steht irgendwo zwischen den Zeilen geschrieben und bietet Interpretationsspielraum für das Publikum. Dieses kann sich darüber hinaus an einer Inszenierung erfreuen, die bei allen menschlichen Dramen und Tragödien genug Raum lässt für humorvolle Dialoge, im Zuge derer sich insbesondere der als Karikatur britischer selbstgefälliger Alltagsrassisten angelegte Gerry Henderson (Barry Foster, „Frenzy“) positiv hervortut. Sicherlich erfüllen einzelne Charaktere diverse Klischees, was jedoch zur Auswirkung hat, dass Martin innerhalb dieses Umfelds umso außergewöhnlicher wirkt. Die Überlänge merkt man „Teufelskreis Y“ kaum an, nach alter Hitchcock-Schule beherrscht Boulting Spannungsaufbau und Dramaturgie.
Die Stimmung des Films lebt von der Undurchsichtigkeit Martins und dem Zusteuern auf eine unvermeidbare Eskalation der Ereignisse, von der der Zuschauer nicht weiß, wann und in welcher Form sie auftreten wird. Atmosphärische Unterstützung erfährt Boulting dabei von der gepfiffenen Titelmelodie Bernhard Herrmans, die, zunächst harmlos und vergnügt klingend, zum Originaltitel „Twisted Nerve“ passend auf Dauer ein enervierendes, manisches Potential offenbart und über den kompletten Film verteilt in unterschiedlicher Form und Intonierung immer wieder eingesetzt wird. Quentin Tarrantino recycelte das Stück für „Kill Bill“, wodurch es zu ungeahnter Popularität gelangte. Die Glaubwürdigkeit der Handlung steht auf einem anderen Blatt, doch wer sich auf das genretypische Spiel mit der unberechenbaren menschlichen Psyche einlassen kann, sollte nur auf wenig Unzulänglichkeiten stoßen, da der Film in weiser Voraussicht eben nicht alles haarklein auseinanderseziert und erklärt. Mir persönlich ging in erster Linie die Phase, in der Martin sich in Vorbereitung auf sein Vorhaben beispielsweise einen muskulösen Körper antrainiert, etwas sehr schnell; als würde es nur wenig Aufwand erfordern, sich sowohl äußerlich wie innerlich in eine solche Rolle hineinzufinden.
Fazit: „Teufelskreis Y“ ist ein vielschichtiger, den Zuschauer vereinnahmender Psycho-Thriller mit einem Hauch Phantastik, der technisch wie schauspielerisch ohne Tadel Genrekost auf hohem Niveau und ohne sich selbst in vorgefertigten Muster einzuengen bietet, angenehm-typisch britisch mit viel Lokalkolorit ausfiel und sicherlich nicht so intelligent ist, wie er zu sein vorgibt, aber dennoch länger im Gedächtnis des Rezipienten nachwirkt. Ich liege zunächst bei vorsichtigen 7/10 Punkten, möchte dem Film aber noch eine gewisse Luft nach oben attestieren. Aufschluss wird beizeiten eine Zweitsichtung bringen.