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Dem Comics und eine alte TV-Serie zugrunde liegenden Kinofilm „Die Addams Family“, der 1991 das Debüt des US-amerikanischen Komödien-Regisseurs Barry Sonnenfeld („Ein Concierge zum Verlieben“) darstellte, folgte zwei Jahre später die Fortsetzung „Die Addams Family in verrückter Tradition“, für die erneut Sonnenfeld auf dem Regiestuhl platznahm und über dasselbe Team verfügen konnte. Die schwarze Komödie mit einigen Grusel-/Fantasy-Anleihen um die skurrile, morbide Familie Addams ist erneut Kino „für die ganze Familie“, aber doch so ganz anders als Familienunterhaltung à la Disney & Co.

Sehr zu ihrem Leidwesen haben die Addams-Kinder Pugsley (Jimmy Workman, „Besser geht’s nicht“) und Wednesday (Christina Ricci, „Monster“) ein Geschwisterchen bekommen: den kleinen Pubert. Unter anderem, um ihn vor seinen älteren Geschwistern zu beschützen, wird mit Debbie Jellinsky (Joan Cusack, „High Fidelity“) nach längerer erfolgloser Suche ein Kindermädchen eingestellt, in das sich Fester Addams (Christopher Lloyd, „Zurück in die Zukunft“) prompt verguckt. Debbie scheint Festers Gefühle zu erwidern, doch was noch niemand weiß: Bei Debbie handelt es sich um eine mörderische, gesuchte Heiratsschwindlerin, die Fester ehelichen, umbringen und dessen Reichtum kassieren möchte…

Man bleibt auch in der Fortsetzung dem Konzept treu, das in der Umkehr gängiger Schönheitsideale und -empfindungen, der Sympathiewerbung für verschrobene Individualisten, hier in den Personen der das Düstere und den Tod verehrenden Familie Addams, und zahlreichen makabren, schwarzen Gags besteht. Noch stärker als zuvor ist die antikonformistische Aussage Teil der Handlung: Pugsley und Wednesday werden in ein Feriencamp gesteckt, wo insbesondere Wednesday enorm aufdreht und zur (un)heimlichen Hauptrolle avanciert. Nach allen Regeln der Addams-Kunst wird die sich nach außen hin pädagogisch und kinderfreundlich gebende, letztlich jedoch auf Gruppenzwang und Unterdrückung der freien Persönlichkeit basierende, vermeintlich heile Camp-Welt mit ihrem verordneten Frohsinn auf Korn genommen und von Wednesday mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln torpediert – meines Erachtens die stärksten Szenen des Films. Doch damit nicht genug, erstaunlich direkt wird im Rahmen der Camp-Thanksgiving-Aufführung der US-amerikanische Völkermord an den Ureinwohnern thematisiert – frei von jeglicher Betroffenheit und Gefühlsduselei, dafür vor schwarzem Humor und anklagendem Sarkasmus nur so strotzend.

Generell jagt ein makabrer Spruch den nächsten, gibt es Wortwitze en masse und viele morbide Details zu entdecken, insbesondere in den nach wie vor großartigen Kulissen des am Friedhof gelegenen Addams-Schlosses. Die Trefferanzahl an gelungenen Gags ist hoch, die eigentliche Haupthandlung um Fester und seine vermeintliche große Liebe steckt zudem voller Anspielungen auf ungleiche Liebesbeziehungen und emotionale Abhängigkeiten. Parallel dazu entwickelt sich eine Außenseiter-Romantik zwischen Wednesday und einer Camp-Bekanntschaft, was zuckersüß anzusehen ist. Zum Finale hin wird das alles jedoch dann doch ein bisschen arg albern und nutzt sich der Humor etwas ab. Technisch und insbesondere schauspielerisch ist „Die Addams Family in verrückter Tradition“ jedoch wieder erste Sahne: Jedes einzelne Familienmitglied wird von voll in seiner Rolle aufgehenden Darstellern verkörpert, wobei Christina Ricci als Wednesday mit stoischer Miene und bösem Blick diesmal besonders hervorsticht und im überagierenden Camp-Aufseher ihren dankbaren Kontrast gefunden hat. Nach der Erstsichtung zücke ich 7,5 von 10 eiskalten Händchen, attestiere den seltenen Fall einer Fortsetzung, die ihren Vorgänger toppt, und behalte meiner Wertung Luft nach oben vor.

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