Als 2015 in Düsseldorf eine Stadt erkannten Videothek ihre Pforten schloss und deren Betreiber mit dem Vorhaben finanzieller Schadensbegrenzung begannen, deren Filmfundus zu verscherbeln wurde ich auf eine Kopie dieses Filmes aufmerksam, um dessen Reputation und Beschlagnahme ich wusste und der mich daher durchaus neugierig machte: ein Tagesausflug in die Hölle aus Sicht einer Unschuld vom Lande, das könnte doch interessant werden.
Die Scheibe wechselte für ein paar Euro mehr den Besitzer (der Ladenbetreiber wusste scheinbar, was das Teil zeitweise mal wert war) und... Wurde jahrelang nicht so wirklich angerührt, da ich es nach dem langatmigen Prolog mit dem Kindermörder kaum weiter schaffte: "Japanese Hell" ist etwas zäher ausgefallen als erhofft, brachte aber auch durchaus einige interessante Aspekte mit sich, weshalb ich die Scheibe auch nicht dran gab, sondern behielt und schließlich just gerade erstmals vollständig sah. Mein Fazit: Ich habe Fragen. Fragen zu umherziehenden Höllenronin auf Viagrasuche, Nacktgebetszirkeln und menschenfressenden Gummivögeln. Davon ab gefiel mir der Film tatsächlich.
Die hat auch die junge Rika, als sie kurz nach dem Vorspann von einer alten Dame angesprochen wird. Statt ihr eine direkte Antwort zu geben entschuldigt sich Ömchen für das, was Rika noch bevorstehen würde, da sie ja ausersehen sei, die Leute von den Gefahren der Hölle zu warnen.
Was Rika nicht ahnt: die alte ist die Teufel in Person und vom Moral Verlust der Menschheit mehr als angefressen. Statt aber immer mehr und blutiger Exempel zu statuieren, an die eh kein Schwanz glaubt, beauftragt sie Rika nun, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und sich auch ja alles zu merken, damit sie zurück auf Erden davon berichten und vor der drohenden Höllenfahrt warnen könne. Als abschreckende Beispiele dienen ihr und den ZuschauerInnen ein Kindermörder sowie diverse Sektenmitglieder, - gurus und - anwälte.
Der japanische G.W.A.R.-Fanclub lädt Mitglieder und Interessierte zum psychedelischen Volkstheater mit anschließendem Gulaschdinner ein: Klingt zwar erstmal total Panne, macht aber abseits der beiden Episoden innerhalb des Filmes einen Riesenspaß, der stellenweise an alte asiatische Suoerheldenproduktionen a la "Super Sentai" oder "Kamen Rider" erinnert und dann mit der aufkeimenden Uberdrehtheit der DarstellerInnen die Frage, von welcher verbotenen Frucht die Beteiligten beim Dreh genascht haben fast schon beantwortet: wahrscheinlich Peyote oder Tollkirsche. Die entsprechend artifiziell oder absurd wirkenden Elemente erwecken aber nie den Eindruck, deplatziert zu sein, im Gegenteil: die umherlaufenden Oni scheinen bewusst unrealistisch (aber dennoch beeindruckend) auszusehen, gerade WEIL sie einer vollkommen anderen Welt entstammen. Persönlich gefallen haben mir die absurden Riesenmasken der Sektenheinis, deren Antlitz die Fresse ihres verkommenen Chefs zeigt und den Führerkult solcher Gruppen persiflieren.
Glücklicherweise erspart uns die Episode mit dem Kindermörder explizite Gewaltdarstellungen, wirkt aber auch sonst eher unspektakulär, während die Sektenstoryline mit dem dauerfluchenden Guru und diversen künstlichen Schaben und Ratten im Schlafsaal der Glaubensgeschwister optisch durchaus zum Ekeln, bei näherem Hinsehen dann aber auch zum Schmunzeln einladen. In beiden Handlungssträngen hat Teruo Ishii sich übrigens an zwei japanischen Nationaltraumata bedient: während die Mordserie des namenlosen Otakus auf den Serienmörder Tsutomo Miyazaki in Kurzform verarbeitet wird werden im weitaus längeren der beiden Stränge die Taten der Aum-Sekte thematisiert. Dass beides eindringlich verurteilt wird ergibt sich allein daraus, dass über die entsprechenden Herren in der Hölle gerichtet wird. Auch im Sektengefüge bleibt und abgesehen von einer Exekution und mehreren Vergewaltigungen allzu explizite erspart, wobei die Nachstellung des berüchtigten U-Bahn-Attentates von Tokyo auch ohne Goremomente voll an die Nieren geht.
Von einer Berufsschülerin zur Botschafterin der Hölle, das nenne ich mal Karrieresprung! Am Ende erweist sich der Teufel als paradoxerweise fürsorglicher Sittenwächter (war wohl mal bei der BPjM tätig) und Rika ist vor ihrem drohenden Schicksal als Sektenknechtin gerettet, solange sie genug Seelen vor dem Tod erlösen kann. Wäre der Film nicht an einigen Stellen absurd lang im Zahn und würde auf eine Menge Flapsigkeiten sowie einige nicht genauer erläuterte Absurditäten wie den amoklaufenden Robing gegen Ende verzichten käme Ishiis Agenda der Gesellschafts bzw. Religionskritik etwas unmissverständlicher rüber. Dafür bekommen wir einen eindrucksvollen Einblick in japanische Film kultur und - mythologie, der viele Fehler des Streifens ausbügelt.
Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass man dieses absurde Stück Film mal gesehen haben sollte und sei es nur, um für einige Zeit in Form eines absurden Theaterstückes in eine uns Europäern manchmal völlig unbegreifliche Filmkultur einzutauchen, die scheinbar bewusst artifiziell ist, ohne dass irgendein Kritiker direkt "Trash!" schreit. Ich bezweifle, dass Ishii hier ein ernsthaft religiöses Ansinnen hegte, sehr wohl aber einige kritische Gedanken im Kopf, die ihn nach 20 Jahren künstlerischer Pause wieder in den Regie Stuhl zu treiben, um mit einer absolut kaputten Welt und denen, die daraus noch Gewinn ziehen, abzurechnen. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn sich in Bälde irgendein Label um die juristische Freigabe des Filmes bemühen würde.
Ein letzter Ratschlag: hier ist von der deutschen Fassung erstmals abgeraten. Nicht ob der Sprecherwahl, die hervorragend ist (vor allem mit Luise Lunow als Satan!), aber ob des teils flapsigen Tones, der hier oft deplatziert wirkt. Kann man sich auf geben, aber zur Erstsichtung rate ich doch eher zum O-Ton und Untertiteln.