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Die Fernsehserie The Bund [ auch Shanghai Beach ], die 1980 in Run Run Shaws Television Broadcasts Limited ausgestrahlt wurde und entscheidend die Karrieren von Chow Yun Fat und Ray Lui startete, hat bis in die heutige Zeit weitreichende Nachwirkungen auf Zuschauer und Filmemacher.
Nicht nur, dass es zur Serie selber direkte Fortsetzungen gab und unter der Regie von Chiu Jan-Keung 1983 zwei Zusammenschnitte in die Kinos gelangten, auch inspirierte Nachfolger, Remakes, Parodien und andere Hommagen erschienen zahlreich.
1991 gab es mit dem Stephen Chow Film God of Gamblers III: Back to Shanghai eine Rückkehr in das Sujet selber. 1996 vollzog man mit der Tsui Hark Produktion Shanghai Grand eine aufwendige Kinoversion, die 2007 mit Alexi Tans Blood Brothers noch gesteigert werden soll und von dem angesetzten Produktionsvolumen und der Besetzung auch alle Möglichkeiten dazu hat.

Auch Shanghai Grand erweist sich als prächtig ausgestattete Apparatur, die in so gut wie allen Belangen mit Handwerks-, Rüstzeug und Prominenz aufwarten kann und sich emsig im luxuriös - prunkenden Lebensstil darum bemüht, die Atmosphäre im pulsierenden Shanghai der 30er Jahre verklärend für die Leinwand nachzuahmen. Verkehrsumbrandete Strassenzüge, Autokolonnen, Menschenmassen, Schienenstränge der Metro, Schlangen vor den Vom Winde verweht spielenden Lichtspieltheatern stellen den romantisch - operhaften Rahmen für die verbrecherischen Taten hinter dem Glanz dar. Die Bezüge zu der - im Vergleich fast einer tristen Alltagswirklichkeit entstammenden - Serie sind in den übernommenen Namen sowie der verhängnisvollen Dreiecksgeschichte und ganz allgemein den Grundzügen identisch, ohne sich jetzt aber als Best of berühmter Szenen herauszustellen; auch wenn dies in der abgehackt scheinenden Zielstrebigkeit der vereinfachenden Adaption so wirken mag.

Ding Lik [ Andy Lau ] ist ein armer Schlucker, der sich und seine Freunde nur mühselig mit niederer Arbeit am Leben erhalten kann, wobei er es auch hinnehmen muss von Anderen beleidigt und gedemütigt zu werden. Allerding hat er Träume von einem besseren Leben, in dem auch die reiche Fung Ching Ching [ Ning Jing ] eingeschlossen ist. Als er eines Tages ihre Entführung verhindert und sich zusammen mit dem an den Strand gespühlten Hui Man Keung [ Leslie Cheung ] an den zuständigen Verbrecher rächt, erregt er die Aufmerksamkeit ihres Vaters Fung King Yiu [ Wu Hsing-Guo ]. Doch spielt weder der ein ehrliches Spiel noch ist Hui so harmlos, wie er vorzugeben scheint.

Für Diejenigen, die sich mit den 24 Episoden des TVB Dramas auskennen, tauchen hierbei wahrscheinlich noch weniger Überraschungen auf als man so schon erwarten kann. Nahm die Serie bereits Elemente der ab 1986 auftauchenden Heroic Bloodsheds vorweg, so muss sich der Film eher als Nachzügler dieses Genres bezeichnen lassen; hat demnach auch seine Mühe, sowohl materiell als auch formell irgendwelche Abänderungen zu erschaffen. Von Originalität bezüglich der illegalen Erfüllung eines Traumes nach Macht und Geld ganz zu schweigen. Regisseur Poon Man Kit verzichtet dann auch eine ungewöhnliche Herangehensweise hinsichtlich des Versuches eines Neuanfangs innerhalb der Kriminalität und handhabt die von Liebe und Gewalt eingegrenzten Themen weitgehend risikolos; man bekommt statt einer weiteren Geschichte vielmehr die Geschichte noch einmal erzählt. Sowohl abermals den mythisch - tragischen Urtypus des Der Kleine Caesar [ 1931 ] in Variation als auch das Nonplusultra, dass in einer Art zusammenfassenden Krönung die letzten fünfzehn Jahre Hong Kong Filmgeschichte in 100min Spielzeit domestiziert.
Dabei weist man entscheidende Gemeinsamkeiten im Umgang mit dem Kanon von Loyalität, Brüderlichkeit, Treue, Ergebenheit, Solidarität, Gerechtigkeit, Anständigkeit, Redlichkeit und ihren Antonymen auf.

Da man bereits von Beginn weg von Coppolas Der Pate angeregt und beflügelt war, bekommt man im narrativen Fortgang natürlich denselben üblichen plot von Aufstieg und Fall in der Gangsterwelt aktiviert. Die dramaturgische Konzeption gründet sich auf der kompositionellen Unität der Handlungslinien und damit auf die beiden Protagonisten und finalen Antagonisten: Den autark und offen Herrschenden mit einem konkreten Programm und dem behutsamen Individuellen, der diskrekt und unmerklich gegen viele Zweifel und Feinde kämpft.
Durch den Bekanntheitsgrad der jeweiligen Quellen fasst sich Regisseur Poon kurz und kennzeichnet das Geschehen grösstenteils beschirmt im Vorübergehen; wodurch man einen umfassend wirkenden Überblick in der speed-reading version bekommt, und ein greifender emotionaler Bezug direkt ausbleiben muss. Auch beim mehrmaligen Sehen hat man nie das Gefühl, sich in die Epoche und das Leben der Personen hineinversetzen zu können, auch nur irgendwie dazuzugehören oder anderweitig beteiligt zu sein. Poon, der hiermit seinen vorläufigen Abschiedsfilm kredenzt, hat sich von Anfang seiner Karriere an mit dem System des Triadenfilmes beschäftigt und dies auch in mehreren differenzierten Sichtweisen und Erzählarten; kommt aber letztlich prinzipientreu immer auf das Gleiche hinaus.

Von Hero of Tomorrow [ 1988 ] über Lung Fung Restaurant [ 1990 ] hin zu To be Number One [ 1991 ] und den beiden Lord of China East Seas Arbeiten [ 1993 ] wird man zwar immer epischer, beansprucht mehr Dauer, mehr Dekoration, mehr Gewalt, ändert auch die Perspektive von ganz unten angesiedelten Auftragskillern zu den scheinbar unantastbaren Führern und das Setting von der Gegenwart zur Vergangenheit der 60er oder 20er. Aber legt trotzdem immer mehr Wert auf die vordergründige Entstehung von Gewalt und deren Ausübung als den Einblick in die Innenleben; an deren Präsentation er entweder unfähig oder ganz einfach desinteressiert ist. Auch Shanghai Grand geht diesen Weg und bleibt trotz aller warmen, altertümlich gefärbten Brauntöne und unmöglichen Lieben ein recht kalter Film ohne Raum für eine sentimentale Aufwertung und auch nicht identifikationsfähig im Sinne einer Soap Opera oder zumindest eines Actiondramas. Sondern eine Oberfläche, an der man sich zwar nicht sattsehen mag, dies aber auch schon die Hauptattraktion und das Maximum charakteristischer Eigenheiten gleich mit darstellt.

Dabei ist noch nicht einmal ein Höchstmaß an Direktheit vorhanden; das Drehbuch besteht auf Kapiteleinteilung, die je eine Person des Beziehungsdreiecks Ding, Hui und Fung spezieller in Augenschein nimmt und sich dabei auch nicht gegen eine getragene Rückblende wehrt. Plus der halbherzige Versuch, die damalige politische Historie einzubinden. Eine komplett lineare Erzählweise ist damit nicht gegeben, zumal noch Erinnerungen dazukommen. Ansonsten wird aber auf Abschweifungen verzichtet und ökonomische Wege der Darstellung hochgetriebener Sinnleere genommen, incl. kurzgehaltener Ausdrucksmittel dynamischer Bewegungsformen und excl. Tiefgründigkeit, Ambition und Seele.
Überraschend, nachvollziehbar und auch gewinnbringend ist dann eigentlich nur der Grad der Inszenierung besonders in den zahlreichen aktiven Szenen, die mit den Bildattraktionen auch die eindringlichsten Augenblicke in visuell wahrhaft vorbildlicher Vollkommenheit bereitstellen.

Die Actionszenen sind stilistisch eigentlich konventionell, aber sorgfältig vorbereitet und mit kurzgeschnittenen und dennoch übersichtlichen Einstellungen und teilweise auch bullet cam- und anderen monströsen Eruptionen gespickt. Die Blutballette unter Aufsicht von Stephen Tung Wai setzen atelierhafte Marksteine im Optimum. Die ersten Minuten auf einem Totenschiff und ein Attentat mit einer Python stellen sich fast als Horrorfilm dar. Auch einen Folterkeller, eine Schlacht im Maschinenraum, eine abgebissene Zunge, ein brennender Strick, der um den Hals geschlungen wird, das Zerquetschen in einem riesigen Zahnrad und das mehrfache Zuschlagen mit einem Nagelbrett ins Gesicht würde man nicht unbedingt in einem prestigeträchtigen, auf männliche und weibliche Zuschauergunst abzielenden Werk erwarten; besonders nicht ohne Vorwarnung.
Die ohne zu Zögern ausgespielte, aber nicht heischend in Augenschein genommene Brutalität und der allgemeine Härtegrad bedingungsloser Aggression im Hochglanzformat mit ikonographischem casting gibt der sonst etwas schleifenden Prozedur die gesicherte Aufmerksamkeit. Sowohl auf die abgelaufene, veränderte Entstehungsszeit betrachtet als auch dem Kontrast von Kino zu Fernsehen.

Die hochgespannte Erwartung des nostalgischen Erstlingspublikums, des neu herangewachsenen und auch der Fachkritik konnte man damit allein aber nicht erfüllen. Corey Yuen Kwais ganz ähnlich gehaltenes Shaw - Update Shanghai Hero [ 1997 ] weiss davon auch ein leidiges Wörtchen zu reden.

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