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Nur ein Jahr nach seinem Horrordebüt ZOMBI 2 kehrte Lucio Fulci mit PAURA NELLA CITTÀ DIE MORTI VIVENTI mit einem Paukenschlag zurück. Die Produktionsstätte Dania Films schielte nicht nur mit Fulci auf einen erneuten Erfolg, sondern verpflichtete auch das gleiche Filmteam: Erneut zeichnete sich Dardano Sacchetti, der dieses Mal offiziell in den Stab aufgenommen wurde, für das Drehbuch verantwortlich, an dem Fulci selbst noch etwas werkelte; und Giannetto De Rossi wühlte ebenfalls wieder in seiner Trickkiste, während Sergio Salvati ein zweites Mal hinter der Kamera stand. Aber trotz des großen Erfolgs des Vorgängerfilms ist die vorliegende Arbeit erstaunlicherweise weder eine Fortsetzung noch eine Variation des Erstlings. Und damit brach der gute Fulci sozusagen den regelhaften Typus im italienischen Filmgeschäft, Gewinn bringendes neu aufzuwärmen. Mit PAURA gelang es dem Regisseur, eine recht spannungsgeladene und zudem mit Anleihen an die Werke H.P. Lovecrafts versehene Geschichte zu erzeugen, jedoch fernab jeglicher Logik. Hier wird deutlich auf eine geschlossene Story verzichtet und sich vielmehr einem visuellen Bilderrausch hingegeben. Dies führt auch dazu, daß kaum eine ausführliche Vorstellung, geschweige denn eine tiefgründige Weiterentwicklung der Charaktere zu finden ist. So bilden Catriona MacColl als junge Frau mit medialen Fähigkeiten und der von Christopher George (bekannt aus dem 1976 entstandenen Tier-Horror-Schocker GRIZZLY) gespielte nüchterne Reporter die zentralen, jedoch recht identifikationslosen Protagonisten, dicht gefolgt von Carlo De Mejo als Psychologe und Janet Agren als seine Freundin und Patientin. Alle miteinander legen, gemessen an diesem filmischen Niveau, eine recht solide schauspielerische Leistung ab, können allerdings nicht mehr aus ihren Figuren herausholen als eine etwas tiefere Statistenrolle, die lediglich als menschliches Bindeglied für die Schreckensvisionen dienen. Die restlichen Darsteller bewegen sich auf einer eher unterdurchschnittlichen Ebene und geben in unwichtigen Teilen (z.B. die Szenen in der Dorfkneipe) kaum mehr als verbalen Schwachsinn von sich. Am Rande erscheint auch Lucio Fulci in einer kurzen Rolle als Gerichtsmediziner.

Dennoch schafft es der Film den Zuschauer in eine Art horriblem Kreislauf von prägnanten Szenen eintauchen zu lassen. Die aufbrechende Wand in der Kneipe, der urplötzliche Sturm, der Tonnen von ekligen Maden auf die Darsteller schleudert; und natürlich die Szene, in der Christopher George mit Hilfe einer Spitzhacke die in einem frisch ausgeschaufelten Grab und in einem Sarg lebendig begrabene, vor panischer Todesangst schreiende Catriona MacColl rettet, bleiben unvergessen und sind unbestreitbar Höhepunkte von PAURA. Ebenso die düster fotografierten Locations in den Gassen und Straßen, in der u. a. ein kleiner Junge von den Zombies verfolgt wird, haben im weitesten Sinne beinahe Auswüchse des Film Noir der 40er Jahre. Doch trotz aller positiv beeindruckenden Ansätze sollte man nicht vergessen, daß dieser Film, wie auch seine Nachfolger, ein Kommerzprodukt ist. Obschon die soeben aufgezählten Details eine höhere Wertung durchaus rechtfertigen. Nichtsdestotrotz dient die Story innerhalb der stilvollen Optik auch dazu, die Darstellung der vermeintlich publikumswirksamen Splatter-Szenen einzusetzen und so den damaligen Erwartungshaltungen auch entgegen zu kommen. Das hat zur Folge, daß hier zum ersten Mal Ansätze eines eigenen filmischen Stils erkennbar sind, die Fulci mit seinen Folgearbeiten inniger verfolgen und insbesondere in seinem persönlichen Meisterwerk L’ALDILÀ von 1981 perfektionieren sollte.

Fulci beginnt hier erstmals zu experimentieren, die Tiefen der Horrormythologie und -metaphysik zu erforschen. Die Sage der antiken Hexenstadt Salem und die Prophezeiungen aus den finsteren Anfängen der Menschheit dienen genauer betrachtet mehr als Aufhänger und werden keinesfalls tiefer untersucht. Dafür erinnern die Szenen, in der die weiblichen Akteure mit dem dämonischen Priester intensiven Augenkontakt pflegen, bis ihnen blutige Tränen über die Wangen fließen, an die hypnotischen Sequenzen der Dracula-Filme der britischen Hammer Film-Studios. Auch drängt sich förmlich eine augenfällige Hommage an den klassischen Gotikhorror auf, was im Finale allzu deutlich wird. Denn dort offenbart sich das unterirdische Friedhofsgewölbe in einem stimmungsvoll ausgeleuchteten und in kräftigen, mal kühlen, mal warmen Farben getränkten Setdesign, in dem dicke Spinnweben und Skelette von der Felsendecke baumeln. Selbst die endgültige Vernichtung der lebenden Toten bedient sich klassischer Mittel und so verfallen die Zombies zu Asche, nachdem sie hübsch in Flammen aufgegangen sind. Das visuelle Endresultat wäre aber weniger gut, wenn die perfekt ergänzende Filmmusik von Fabio Frizzi nicht vorhanden wäre. Denn Frizzis synthetische Mixtur aus Gruselscore und 70er Jahre Synthie-Pop, die mit düsteren, textlosen Chorälen verfeinert wurde, untermalt die Atmosphäre doch ungemein und erzeugt ferner einen nicht unbeachtlichen Anteil am Spannungsaufbau.

Apropos Zombies. Diese spielen in PAURA eine eher untergeordnete Rolle und fügen sich gerade deshalb harmonisch in die Surrealität ein, die den ganzen Film durchzieht. Die lebenden Toten zeigen sich nicht ausschließlich stapfender Weise, sondern springen schon mal geübt von Häuserdächern, treiben ein schauriges Versteckspiel mit den Protagonisten, um danach ihr spontanes Auftauchen ebenso plötzlich wieder rückgängig zu machen. Doch dabei bleibt es nicht und Fulci schickt De Rossi ins Spiel. Dieser läßt in genüßlichem Ausmaß nicht nur Blut aus den Augen von Darstellerin Daniela Doria träufeln, sondern sie obendrein auch Innereien hervorwürgen. Diese Szene zeigt, obwohl man sieht, daß es sich um eine Puppe handelt, unbestreitbar den mitunter wirkungsvollsten Effekt des Films; und das hervorkommende Ekelgefühl wird durch die Verstärkung verschiedener Geräuscheffekte immens verstärkt. Dieses Stilmittel fand ja bereits in ZOMBI 2 seine Verwendung und wird auch hier reichlich ausgekostet. Zusätzlich wird das unsichtbare Grauen durch extrem aufdringliche und monströs klingende Schreie und Stöhnlaute akustisch umgesetzt und die Außenszenen werden mit dem Gezwitscher tropischer Vögel und anderem Getier versehen, was der ohnehin getilgten Natürlichkeit noch weitreichender zu schaden kommt. Weiterhin wiederholt sich eine offensichtlich beliebte Tätigkeit der Untoten, die sich darin zeigt, daß sie ihren Opfern das Hirn aus dem Schädel quetschen. In diesem Zusammenhang sei der damals noch weit unbekannte Michele Soavi, der 1987 mit seinem Spielfilmdebüt DELIRIA einen bemerkenswerten Slasherfilm inszenierte und spätestens mit seinem 1994 entstandenen, genialen Meisterstück DELLAMORTE DELLAMORE zu den letzten Hoffnungen der alten italienischen Horrorfilm-Schule gehört. An Brutalität und Realismus kaum zu übertreffen ist gewiß die berüchtigte Szene mit dem Drillbohrer, der Giovanni Lombardo Radice, der kurze Zeit später mit Ruggero Deodatos LA CASA SPERDUTA NEL PARCO (1980). Antonio Margeritis APOCALYPSE DOMANI (1981) und natürlich Umberto Lenzis CANNIBAL FEROX (1981) den Splatter-Fans ein bekanntes Gesicht wurde, extrem schmerzhafte Kopfschmerzen zufügt.

Unter anderem hat diese Szene dazu geführt, daß besorgte Eltern und Jugendschützer auf die Palme gingen und fortan ein Auge auf Fulci und seine „Machwerke“ warfen. Der Regisseur verteidigte sich in einem Interview damit, daß der Hintergrund dieses Effektes ein „Schrei gegen den Faschismus“ sei. Gut, mit genügend ausschweifender Überlegungskraft kann man in diesem Statement gewisse Parallelen zu der hier stattfindenden Auseinandersetzung zwischen dem voreilig besorgten, aber reaktionären Vater und dem zurück gebliebenem Dorfjüngling erkennen, aber innerhalb der eindeutigen Darstellungsweise bleibt dieser Erklärungsversuch auf der Strecke. Ein Umstand, den deutsche Staatsanwälte damals sicherlich genauso sahen und dies sogar mit Gewaltverherrlichung gleichsetzte und den Film kurzerhand nach §131 StGB beschlagnahmten. Sicherlich scheint der beschriebene Effekt zum Teil überflüssig, aber die F/X-Einlagen überbrücken gewisse Längen im Handlungsverlauf. Daß dies für die deutschen Bürger aber noch lange keine Rechtfertigung zu sein schien, wird an dem Beschlagnahmebeschluß mehr als deutlich. Es folgte eine entschärfte und FSK-freigegebene Videofassung mit dem Titel EIN TOTER HING AM GLOCKENSEIL (76 Min.), die ebenfalls bundesweit verboten wurde. Erst im dritten Anlauf schaffte es der Streifen in den Videotheken zu verweilen, unter dem Namen EINE LEICHE HING AM GLOCKENSEIL (75 Min.). Daß diese Fassungen jegliche Gore-Effekte vermissen lassen, dürfte offensichtlich sein. Anzumerken sei außerdem, daß die deutsche Kinofassung und die nachfolgenden Videoveröffentlichungen gegenüber der italienischen Originalversion um gut neun Minuten an Handlungs- und Dialogszenen kürzer waren. Im Ausland kam Fulcis PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI deutlich besser weg. Die Einspielergebnisse waren überzeugend und auf dem Festival des Phantastischen Films gewann der Film 1980 den Publikumspreis.

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