Einen besseren Titel als "Ein Zombie hing am Glockenseil" kann es doch überhaupt nicht geben - beinhaltet er doch das Versprechen unaussprechlich-untoter Scheußlichkeiten im graphischen Gewand.
Gut, die Titelfindung oblag vermutlich dem deutschen Verleih, der mit diesem Film in den 80ern einen Riesenaufwand treiben mußte, aber immerhin, bis auf die Glocke zum Seil kommt bei diesem Lucio-Fulci-Film das Reißerische sogar mal hin.
Der Film, in unserer Heimat gebeutelt, indiziert, verboten und zerschnitten bis zum Gehtnichtmehr, war einer der berüchtigsten Filme, der die große Verbotswelle erst auslöste - und es ist kurios genug, denn es gibt wahrhaftig schlimmere Filme, die es bis auf den Index schafften.
Generell gehört der Film in Fulcis große "Fünf", die im Zuge der romeroschen Zombieinvasion anno 1978/79 im lustigen Rip-Off-Verfahren oder als neue Härte-Schlager jenseits der Alpen runtergekurbelt wurden, neben einigen Zusatzproduktionen, die nicht ganz so viel Aufruhr verursachten. Noch heute nuscheln junge Fans zu Beginn ihrer Horrorfandomkarriere ehrfürchtig von "Woodoo", "Geisterstadt der Zombies", dem "Haus an der Friedhofsmauer" und "Der New Yorker Ripper", wobei letzterer dann eher den harten Serienkillerkurs fuhr. Nach der direkt-indirekten "Zombie"-Fortsetzung "Woodoo" benutzte Fulci die übrigen drei Filme, um die Untoten in extrem hastig heruntergekurbelten und verwirrend zusammengestückelten Szenarios auftreten zu lassen. Zusammenhangslos wurden da Filmfehler angehäuft, Unlogisches übereinander gestapelt und Verwirrendes verknüpft, ohne daß die Szenen größeren Sinn für die Handlung machten - und "Glockenseil" war der erste der drei.
Verantwortlich für den Käse in allen fünf Fällen war der Stammautor Dardano Sacchetti, der nun wirklich kein bekanntes Vorbild ausließ, sich in diesem Fall aber latent ausgerechnet bei einem Klassiker der Horrorliteratur bediente, nämlich Howard Philips Lovecraft, der zu dieser Zeit noch nicht omnipräsent als Stichwortgeber war.
Nun soll aber keiner glauben, es handele sich bei dem Film um eine Form der Adaption, vielmehr schmiß Sacchetti hier bereits einige Elemente in den Topf, die gemeinsam mit den lebenden Toten bestimmt irre gruselig daher kommen würden.
Die Idee dahinter ist noch relativ klassisch: der Selbstmord eines Priesters hat fatale Folgen für die Bewohner einer Kleinstadt im amerikanischen Nirgendwo. Warum er sich selbst erhängt (formschöner an einem Baum als an der Glocke), wieso der Suizid die fatale Folge hat, die Tore zur Hölle zu öffnen und was die arme Stadt getan hat, um so eine Behandlung zu verdienen, bleibt natürlich italienisch-nebulös.
Von Lovecraft entlieh man sich nur das Ortsschild "Dunwich", das in einer der klassischen Geschichten des Autoren vorkommt, lagerte es aber gleich um als neuen Ortsnamen für das sattsam bekannte Salem mit seinen dollen Hexenprozessen. Mehr erfahren wir nicht, alles weitere soll aber in einem bösen, fluchbeladenen Buch stehen (auch hier bedient man sich beim Klassiker, das dann später auch noch in "L'aldila / Über dem Jenseits" zitiert wird), das aber wiederum keine echten Folgen für die Handlung haben soll.
Ach ja, Handlung...
Da gibt es in diesem Film ehrlich gesagt nicht viel Zusammenhängendes, vielmehr dient der Behelfsplot einfach dazu, die Ausgangssituation grundehrlich in die Länge zu ziehen. Es fängt mit einer knorken Seance an, die hübsche Mary hat eine Vision und legt sich dann leblos darnieder und ihre Kollegin murmelt daraufhin okkult-bedenkliches Zeugs allen Polizisten ins Ohr. Neben flattern noch Feuerbälle durch die Untersuchung am Tatort, was aber wohl auch nicht erklärt werden muß.
Anstatt jetzt mal eine Geschichte zu entwickeln, die nachvollziehbar wäre, wird Mary auf dem lokalen Friedhof eingebuddelt und von einem Newspaper-Schmierer (der sinnfreierweise eine Story sucht und stetig ihren Sarg begleitet oder beschattet) wieder ausgegraben. Weil ja das Ende der Welt naht, muß man im Duett alsbald nach Dunwicht, das auf keiner Karte steht, aber deswegen in italienischen Filmen trotzdem aufgestöbert werden kann.
Während unsere Protagonisten in spe (oder auch nicht) also anreisen, vergeht mehr als der halbe Film und zwischendurch sieht man dann immer mal ein paar Impressionen aus dem fernen Dunwich, wo der Arsch langsam auf Grundeis geht.
Unbekannte Mächte (in Gestalt des toten Priesters) meucheln relativ graphisch ein paar Leute (wahlweise mittels Auskotzen der eigenen Innereien oder eines beherzten Gehirnquetschergriffs zum Hinterkopf); ein Dorfdepp wird immer gern gejagt (aus sinistren, kaum entwickelten pädophilen Gründen oder so...) und die entsprechenden Leichen tauchen mal auf und verschwinden dann mal wieder. Dazwischen geistern noch ein leicht sediert wirkender Psychologe und eine seiner Patientinnen (die natürlich alle Männer haßt, wie sie behauptet, warum auch immer) herum und macht doofe Miene zum noch blöderen Spiel.
Daraus wird also eine wenig logische Collage aus wirr aneinander geklebten Szenen, die nur sehr mühsam so etwas wie einen Film ergibt. Atmosphärisch gesehen, hat der Film durchaus seine Vorteile und die Bilder von Sergio Salvati haben noch einen gewissen Stil, der vielleicht durchaus in einen Lovecraft-Film gepaßt hätten, aber sonst passiert nicht viel, was die Langeweile jenseits des 14.Lebensjahrs abhalten könnte. Diverse grausame Morde passieren dann auch gleich noch im Off oder werden vage beschrieben, stattdessen erlebt man in epischer Breite den skandalträchtigsten Todesfall des Films, die Hintrichtung des Dorfdeppen durch einen aufgebrachten Vater mittels einer festinstallierten Bohrmaschine direkt durch den Kopf. Das hat zwar mit der Basisstory null zu tun, aber wie gesagt: die Logik und die Absichten des Autors und seines Regisseurs waren vermutlich gerade an der Adria im Urlaub.
So gegen Ende machen wir dann ein hübsches Hauptdarstellerquartett auf, meucheln noch die Hälfte davon und lassen den Rest dann in den Tiefen des ominösen Ortsfriedhofs dem Zombiepriester zu Leibe rücken, so richtig mit Brandbeschleuniger und allem, was dazu gehört. Dazu gibts dann den Schlußtwist, der nicht ganz so apokalyptisch daher kommt wie in "Über dem Jenseits" oder so komplett unverständlich wie in "House by the Cemetary", aber ebenfalls Kopfkratzen provoziert, aber wohl der Unbrauchbarkeit des Filmmaterials des eigentlichen Gags geschuldet ist.
Heißt also: der Film ist reine Flickschusterei verschiedener Szenen, die man schlichtweg auf den groben Effekt hin zusammenmontiert hat. Bei "Über dem Jenseits" kann ich der wirren Story noch zugute halten, daß die Andersweltlichkeit und das Eindringen einer fremden Macht für den bizarren Erzählstil herhalten müssen, hier jedoch will sich überhaupt keine Schlüssigkeit aufdrängen. Was die Figuren tun und warum sie es tun, bleibt meistens ungeklärt oder ist einfach nur dämlich und abgesehen von dem wiederholten Hirnquetschen und einer noch rätselhafteren Invasion angeblicher Leichenwürmer mittels Windböe, hat der Film nicht halb so viele graphische Effekte, wie die Zensurgeschichte uns das glauben machen will. Natürlich ist das alles auf den Buh-Effekt hin fotographiert, aber versponnene Gruselgeschichten zu erzählen konnten vor Fulci schon andere und haben dabei ihren eigenen Stil entwickelt, der Altmeister scheint hier eher auf Verdacht hin einzelne Sequenzen abgefilmt und ohne Rücksicht auf Verlust zusammengeklebt zu haben. Das wirkt nicht harmonisch-verstörend, sondern eher wie ein rudimentäres Flickwerk, bei dem die wichtigen erklärenden Momente einfach noch fehlen.
Die Figuren bleiben dabei stets bloßes Fragment: Christopher George als rieselnder Reporter bleibt eine funktionslose Großschnauze, Catriona MacColl als Mary ein schieres Vorahnungsenigma. Janet Agren irrt als funktionsloses Anhängsel neben Carlo de Mejo her, dessen Therapeuten-Gerry ein schwerer Mißbrauch eines gelangweilt-irritierten Gesichtsausdrucks darstellt.
Kann ja sein, daß sich der jugendliche Fan bei Erstansicht denkt: wow, das waren wirklich crazy Filme damals, ganz ohne Erklärungen, das muß irre skandalös gewirkt haben, aber nach all der Meisterschaft des Horrors in den 60ern und 70ern wirkt das hier wie eine untote Ruine nahe dem wenig durchdachten Fanfilm. Es ist aber kein Wunder, wenn man die Filmographie Sacchettis betrachtet, der bis 1990 praktisch im Zwei-Wochen-Takt ein Drehbuch hervorwürgte.
Dem Fan also sei gesagt: mögen kann man diese Ruine trotz aller Mängel, wirklich satt wird jedoch niemand davon und besonders kreativ in splattrigen Hinsicht ist der Film auch nicht. Wem die neblig-abgründige Stimmung und die massiv Goblin und John Carpenter zitierende Musik gefällt, der nehme "Paura nella città dei morti viventi" als skurilen Hintergrund für wichtigere Tätigkeiten, aber bei aller kreativen Unfähigkeit bleibt "L'Aldila" der bessere Film. Um eine Verwesungsstufe. (2,5/10)