„Ein Zombie hing am Glockenseil‘ alias „Wat für‘n Zombie und wat für‘n Glockenseil,“ alias „Kultfilm? Von wat labers‘ du eigentlich?!“
Nach dieser kleinen Einstimmung hier die Rezension zu einem einprägsamsten „Kulttitel“ aus den 80ern, der Streifen mit dem irreführendsten Filmnamen gleich nach „Nackt unter Kannibalen". Lucio Fulci hat - wie ich gelesen habe - mal gesagt, er wollte Dinge zeigen, die zuvor niemand gezeigt hat. Das hat er durchaus. Doch daß er uns definitiv keinen Zombie am Glockenseil gezeigt hat, sondern einen Pater, der sich mit einem handelsüblichen Seil an einem Baum aufhängt, hielt in Deutschland die Verantwortlichen nicht ab, Unfug mit dem Titel zu treiben. Kurzerhand nannte man den Film, der im englischen wesentlich einleuchtender „City of the living dead“ getauft wurde, in Deutschland „Ein Zombie hing am Glockenseil“. Diesen Titel wählte man als Indikator dafür, daß es sich um einen Zombiefilm handelte, anstatt es korrekterweise „Pater Thomas, der die Zombies beschwört, hing an einem Baumarktseil“ zu nennen. Allein schon der Gedanke führt die Bedrohung durch Untote doch ad absurdum: Wenn der Zombie am Seil hängt, dann kann er doch nicht mehr gefährlich werden, also was soll‘s? O_o
Und seien wir in Bezug auf das legendäre Seil doch mal realistisch. Es wird im Film in keinster Weise darauf eingegangen, woher das Seil stammt. Zwar kann niemand mit Sicherheit sagen, es handele sich -nicht- um ein Glockenseil, aber es ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit keins, bedenkt man, welcher Aufwand für den Pater erforderlich wäre, das Seil der Gemeindeglocke zu entwenden (und dabei aufzupassen, daß die schwere Glocke nicht im Kirchturm runterfällt beim Abschneiden). Er kann sicher ein anderes Seil besorgen. Eher hat sich der für die Namensverballhornung Verantwortliche wahrscheinlich an dem Abend zuvor aufm Dritten Programm „Ein Toter hing am Glockenseil“ mit Christopher Lee reingezogen und wollte dem Werk in irgendeiner Weise Tribut zollen, indem er Fulcis Werk ähnlich betitelt. Nun ja. Im Rahmen der zensierten Wiederveröffentlichungen erschien der Film später ja sogar unter dem selben Namen wie der 1963er Titel mit C. Lee. Tja, Sachen gibts.
Der Film selbst ist gut geschossen und er besaß ursprünglich genügend gruseliges Potenzial statt nur splattergetreu blutig zu sein. Man denke zum Beispiel an die brachialen Geräusche als sich in der Kneipe die Wand verschiebt. Sie ähneln markzerfetzenden Schreien nicht von dieser Welt. Da kann einem schon mulmig werden. Doch leider gibt es für diese Geräusche usw. letztendlich weder einen Verursacher, noch erklärt man uns anderweitige Bewandnis und Ursprung. Sie sind einfach nur zweckdienlich eingefügt. Von daher enttäuschend. Das unschöneWort „zweckdienlich“ füllt den ganzen Film.
Sämtliche Charaktere haben keine Eigenschaften, wir sollten dankbar sein, daß sie wenigstens Namen gekriegt haben - sie sind einfach nur Figuren die aufs „Feld“ gestellt werden und man schaut sich halt an wie die meisten davon dann abgeräumt werden. Das ist ebenfalls enttäuschend und inhaltlich leer. Der Plot ist simpel: Das Böse wird heraufbeschworen, und eine kleine Zahl von Figuren will dafür sorgen, daß es wieder verschwindet. Recht altbacken.
„Ein Zombie hing am Glockenseil“ ist ein von vorn bis hinten enttäuschender Film der von seinem Hype lebt, daß der Film derbe blutig sei. Womit wir zum Thema kommen „Was ist mit der tollsten Szene, der Stelle mit dem Bohrer?“. Es ist die Szene, die dem Film überhaupt erst diese „Kult"-Reputation eingebracht hat. Die Bohrer-durch-die-Rübe von Giovanni Lombardo‘s Radieschen“ Szene. Technisch sauber inszeniert, ein Sahnestück für Splatterfans, ist die Szene dennoch im Kontext der Handlung völlig fehlplaziert. Sie ist nicht der Lichtblick sondern für mich das größte Ärgernis, es hat mich immer aufgeregt, denn unnötigem Mist wie diesem verdanken die Splatterfilme nicht nur die Vorwürfe der Jugendschützer, sie bestünden nur aus selbstinszenierung und Handlung suche man vergeblich, sondern die Szene ist auch so völlig sinnlos.
Betrachtet man das mal nüchtern, die Stadt wird von grausamen Monstern heimgesucht, doch ein völlig normaler, netter Daddy von nebenan ist der Grausamste, dann kommen unweigerlich Fragezeichen. Er bohrt mal eben einem andern Menschen auf bestialische Weise das Gehirn entzwei, wie das halt so ab-und-zu mal üblich ist oder wie? Ich meine, damit topp‘t er zwar mal eben nebenbei locker den Gewaltpegel jeglicher dämonischer Mächte im Film, doch er ist weder ein Massenmörder, noch ein Psychopath, nur ein Durchschnittstyp, das ist sinnwidrig und völlig fehlplaziert. Hätte Pater Thomas diese Tat vollbracht, sähe die Sache völlig anders aus (Stichwort: Dann wäre es ein Highlight).
Und wo wir von Pater Thomas sprechen: Gegen Ende des Films kommt der Showdown in der Gruft. Alles läuft Stunt-, effekt- und Kostümtechnisch auf dem Niveau der alten Hammer Studios Filme ab und mit einer eher niedlichen, anschaulichen Musik. Athmosphärisch ist was anderes, soviel kann ich euch sagen. Für 1980 alles nicht mehr zeitgemäß. Die verbrennenden Untoten vergehen, sich in Zeitlupe in den Flammen drehend wie die sich drehenden Figuren auf einer Spieluhr, und die Musik düdel‘t wie eine Ebensolche. Dötdöt dötdöt dööö dööö... Der Showdown ist somit nicht das Highlight sondern das technisch schwächste Kapitel des Films, fast wirkt es wie ein anderer Film (der ca. 20 Jahre älter ist). Und ja: Auch das verdanken wir der Tatsache, dass man das Effektbudget zuvor für eine Bohrerszene verpulvert hat, die nichtmal was mit dem eigentlichen Plot (Zombies, Dämonen) zu tun hatte. Ja, so könnt ihr das sehen, das Ende ist Murks weil Mister Radice vorher den Kopf im Subplot hinhalten mußte. Betrachtet man das aus dieser Perspektive werden sicher noch viele andere als nur ich die Bohrszene und ihr unrealistisches Drumherum nunmehr strunzdumm und überflüssig finden, und sei sie technisch auch noch so perfekt.
Ich konnte dem Film noch nie viel abgewinnen. Ein Kultfilm ist er meines Erachtens absolut nicht, sondern gehype‘ter Shit der wo es nur ging in die Hose gegangen ist. Nur meiner Sympathie zu Fulci wegen hab ich noch ein paar Sterne rausgerückt bei der Bewertung. Der Film hätte ein spannender Schocker sein können, hätte man ihn subtil inszeniert. Die zeitlos beste Szene dieses filmischen Untotenschinkens der am Räucherkammerseil hing ist für mich immernoch die filmische Umsetzung des Erwachens von Katriona McColl in dem Sarg. Sie wurde unheimlich gut belichtet, wirkt irgendwie sakral und vermittelt verstörend beklemmende und auch klaustrophobe, um nicht zu sagen schreckliche Gefühle. Wäre der Rest des Films so gut wie diese Einstellung wäre dieser lahme Film eine fette 9 wenn nicht mehr.
Und um ein P.S. anzuhängen: Selten wenns um diesen Film geht hab ich jemandem so zugestimmt wie dem Review von KrazyEyesKillah
Danke Euch fürs Lesen. Das Frl. Fulci