Review

„Ich sehe ein… Glockenseil!“

Nachdem der italienische Regisseur Lucio Fulci nach Komödien, Western und Gialli mit der inoffiziellen „Dawn of the Dead“-Fortsetzung „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ das Horrorgenre für sich entdeckt hatte, folgte im Jahre 1980 in diesem Film mit dem blumigen (und etwas albern klingenden) deutschen Titel „Ein Zombie hing am Glockenseil“ der Auftakt seiner losen „Gates of Hell“-Trilogie. Durch seine exemplarische Hervorhebung in der Anti-Horrorfilm-TV-Dokumentation „Mama, Papa, Zombie“ avancierte „Paura nella città dei morti viventi“ (so der Originaltitel) zu einem der berüchtigsten, aber auch populärsten und beliebtesten Opfer bundesdeutscher Kunstzensur: Nach der Ausstrahlung jener Dokumentation wurde Fulcis Film zunächst indiziert und später gar nach § 131 aufgrund seiner Gewaltdarstellung beschlagnahmt.

„Ich sehe Leichen! Eine Stadt voller Leichen!“

Das Medium Mary (Catriona MacColl, „Über dem Jenseits“) sieht während einer Séance in New York, wie Pater Thomas (Fabrizio Jovine, „Ein Mann auf den Knien“), der Priester des weit entfernt gelegenen, auf keiner Karte verzeichneten Dorfs Dunwich, sich an einem Glockenseil erhängt. Wie im Buch Henoch beschrieben, öffnet er damit eines der Portale zur Hölle. Mary erleidet daraufhin eine Katalepsie, wird für tot gehalten und in einem Sarg bestattet. Gerade noch rechtzeitig wird der Journalist Peter (Christopher George, „Grizzly“) auf sie aufmerksam und kann sie befreien. Gemeinsam reisen sie nach Dunwich, das sich als das ehemalige Hexen-Dorado Salem entpuppt. Vor Ort geht es tatsächlich nicht mit rechten Dingen zu: Tote kehren als geisterhafte Zombies zurück und an Allerseelen soll es für alle zu spät sein. Viel Zeit bleibt Peter und Mary nicht mehr, um zusammen mit dem einheimischen Gerry (Carlo De Mejo, „Der Pfaffenspiegel“) das Grab des Priesters zu finden und zu versuchen, dem Schrecken Einhalt zu gebieten…

„Vielleicht hat ein Flugzeug die Schallmauer durchbrochen…“

Nach einem herrlich morbiden Auftakt mit der Séance und dem titelgebenden Suizid wird aus dem angeblich über 4.000 Jahre alten Buch Henoch zitiert und fortan zunächst zwischen zwei Handlungsorten und Erzählsträngen changiert: New York und Dunwich. Während in New York Peter auf Mary durch ihren vermeintlichen Tod während einer spiritistischen Sitzung aufmerksam wird und Fulci eine perfekte, klaustrophobische Lebendig-begraben-Szene umsetzt, in deren Zuge Peter an zwei gewerkschaftlich organisierte Totengräber gerät und daher selbst zu Schaufel und Spitzhacke greifen muss, geht es in Dunwich bereits wesentlich höher her. Gebäude erhalten geheimnisvolle Mauerrisse, Pater Thomas spukt umher, eine junge Frau erbricht ihre Eingeweide. Beide Handlungsebenen werden zusammengeführt, als es Peter und Mary gelingt, den Ort ausfindig zu finden, nachdem ihnen ein Medium geraten hat, dort das Tor zur Hölle noch vor Allerseelen zu schließen.

In Dunwich wird zumindest in der deutschen Synchronisation viel Unfug geplappert, werden irre Behauptungen aufgestellt, die keiner Überprüfung standhalten – möglicherweise handelt es sich dabei ebenfalls bereits um Vorboten der Apokalypse, einer Vorstufe zur Zombifizierung. Wesentlich härter gehen dann die Zombies zu Werke, die mit Vorliebe derart brutal nach den Skalps ihrer Opfer grabschen, dass sie dabei gleich ein Stück Hirnmasse mitrupfen. Dieser Brutalität in nichts nach steht wiederum ein noch nicht zombifizierter Dorfbewohner, der den zurückgebliebenen Dorfperversling Bob (Giovanni Lombardo Radice, „Asphalt-Kannibalen“) für die vielen Todesfälle verantwortlich macht, sich kurzerhand zu Ankläger, Richter und Vollstrecker in Personalunion erklärt und Bob sadistisch hinrichtet, indem er ihm bei lebendigem Leibe eine fetten Bohrer durch die Schläfen jagt, bis er auf der anderen Seite wieder herauskommt. Selbstzweckhaftes Gesplatter? Vielmehr eine Parabel auf und Kritik am provinziellen latenten Faschismus. So zumindest wollte Fulci die Sequenz verstanden wissen, was durchaus nachvollziehbar erscheint. Als Dr. Joe Thompson gönnt sich Fulci einen kurzen Cameo.

Geisterzombies als Unheilbringer und Apostel des Untergangs, eine Welt am Abgrund. Das zumindest namentlich Lovecraft entlehnte Örtchen Dunwich wirkt wie aus der Zeit gefallen und verleiht dem Treiben einen Gothic-Horror-Touch. Die Suspense-Szenen sind von hoher Qualität; die Kamera zoomt italotypisch auf Augen- und Mundpartien, fängt aber auch Gianetto de Rossis fantastische, schmodderige, ekelhafte Spezialeffekte ohne falsche Scheu ein, während ein grandioser Soundtrack Fabio Frizzis das modrige Treiben musikalisch unterlegt. MacColl und George sind in ihrer Gegensätzlichkeit ein interessantes Duo, ihre Rollen (und somit auch das Publikum) sehen sich einer schaurig bedrückenden, morbiden Atmosphäre ausgeliefert, die neben den expliziten Spezialeffekten eines der großen Pfunde des Films darstellt. Seltsam oberflächlich und entmenschlicht wirkt indes die Interaktion anderer Figuren miteinander.

Für Handlungsfetischistinnen und -fetischisten ist „Paura…“ indes eher nix. Die Handlung dient hier mehr als lose Klammer, die die von Beginn an der Realität, wie wir sie kennen, entrückten Ereignisse zusammenzuhalten versucht. Fulcis Film wirkt, seiner Lovecraft’schen Inspiration folgend, ir- bis surreal und aber irritiert dabei mit einer derartigen Unschärfe, dass mitunter uneindeutig bleibt, was als Phantastik-Element Folge der Priesterselbstentleibung und was ganz herkömmlicher menschlicher Irrsinn ist, der möglicherweise zur Verzweiflung und Schwächung des Paters beitrug. Dessen Vorgeschichte bleibt nebulös bzw. wird schlicht nicht aufgegriffen. Leider fehlen, so heißt es, aufgrund eines technischen Defekts beim Ausgangsmaterial allen Fassungen die letzten Sekunden, die die apokalyptische Tendenz des Stoffs unterstreichen.

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, sich auf „Ein Zombie hing am Glockenseil“ einzulassen. Aufgrund des Rufs, der ihm vorauseilt, dürfte vorrangig jene sein, sich von den harschen Spezialeffekten erschrecken zu lassen respektive sich an ihnen zu erfreuen. Nicht selten lernt man bei Neusichtungen insbesondere die oben umrissene Atmosphäre und die eigenartige Stimmung zu schätzen, oder aber man beginnt, auf Handlungsdetails zu achten und die dargestellten Geschehnisse in Kontext zu „Über dem Jenseits“ und den Umtrieben eines Dr. Freudstein zu setzen. Aufgrund der Einführung Dr. Christoph Seelingers im Rahmen einer Wiederaufführung im Kino, der auf ein Zitat Fulcis verwies, in dem der Regisseur von einem „Artaudian film“ spricht, einem „absoluten Film“ nach Antonin Artaud, der bewusst ohne nachvollziehbare Handlung und innere Logik konzipiert worden sei, ergibt sich eine weitere Lesart, die sämtlichen Kritikerinnen und Kritikern, die eben jenes an „Paura…“ bemängeln, den Wind aus den Segeln nimmt, der dafür dann aber wiederum eigentlich sogar noch zu viel klassische Narration aufweist.

Für mich persönlich ist „Ein Zombie hing am Glockenseil“ das Äquivalent zu einem doomigen Death-Metal-Song, für den ich sicherlich nicht immer in Stimmung bin, von dem ich mich aber dann und wann gern niederwalzen lasse. Sogar noch einmal eine Klasse besser gelang Fulci die Verfilmung einer mit Zombieterror einhergehenden höllischen Endzeitvision nur ein Jahr später mit „Über dem Jenseits“ – wobei es auch Stimmen gibt, die den Glockenseil-Pater gegenüber jenem Meisterwerk favorisieren.

Details
Ähnliche Filme