Sanitäreinrichtungen, Elektrizität, das Auto oder das Internet - in der westlichen Welt sind diese Dinge wie selbstverständlich vorweggenommen. Doch was wäre, wenn man von einem Moment auf den nächsten eben keine dieser modernen Erfindungen oder Gebrauchsgüter mehr zur Verfügung hätte, nur sich selbst und die Natur zum Überleben hat. Wie würde man reagieren? Könnte ein jeder von uns Feuer machen, ohne Feuerzeug? Würde man sich ohne Handy und GPS orientieren können? Könnte man sich mit Naturalien eine Hütte bauen?
Story: Der Milliardär Charles Morse (Anthony Hopkins) begleitet seine Frau Mickey (Elle Macpherson) nach Alaska, wo sie als Modell für den Fotografen Robert Green (Alec Baldwin) posiert. Um ein weiter entfernten Ziel zu fotografieren, fliegen die beiden Männer zusammen mit Assistent Stephen (Harold Perrineau) über die Wildnis. Dann kollidiert das Flugzeug mit einem Schwarm Vögel und stürzt ab. Der Pilot stirbt, die drei Männer sind inmitten der Wälder auf sich allein gestellt. Und dann geraten sie auch noch an einen hungrigen Bären...
Die simple Geschichte von David Mamet entfaltet ihre ganze Kraft in der Wildnis und den Dialogen zwischen Morse und Green. Während letzterer mit dem Leben schon fast abgeschlossen hat, blüht der Milliardär fast auf und hat nun den Vorteil auf seiner Seite, ein belesener Mann zu sein, der einige Survivaltricks kennt. Zusätzlich streut Mamet Zweifel in die Beziehung der beiden, wenn er den Verdacht aufkommen lässt, Mickey und Green hätten eine Affäre.
Trotzdem ist "The Edge" nicht zu dialoglastig geworden, fast jedes Wort ist ausreichend gesetzt. Denn neben der Geschichte, die vom Konflikt des Überlebens gekennzeichnet ist, dreht Regisseur Lee Tamahori ordentlich an der Spannungsschraube, so dass kein Leerlauf in die Story kommt. Zwar ist der Anfang ruhig, was aber durch Anthony Hopkins famosem Spiel ebenfalls sehr sehenswert ist. Sobald die Protagonisten in der Wildnis sind, wird es richtig interessant. Heimlicher Hauptdarsteller ist Bart, der Bär, der im Film ungemein bedrohlich agiert. Ob dies der (Bären)-Realität entspricht, sei mal dahingestellt, aber durch ihn bekommen nicht nur die Figuren ordentlich Muffensausen. Dass Stephen entsprechend der Grundkonstellation des Films nicht lange überleben wird, ist klar, allerdings ist dessen Tod wirklich alles andere als schön. Allein dadurch steigert sich die Spannung des Films in die Höhe.
Folglich ist die Idee, neben dem Bären auch die Gefahr des Menschen, der am Rand zwischen Zivilisation und Wildnis steht, zu beleuchten, mehr als gelungen. Zwar strapaziert Tamahori diesen Gedanken nicht, ein "Herr der Fliegen" ist "The Edge" nicht, aber es gibt dem Film eine zweite Konfliktebene, die vor allem durch das tolle Schauspiel zwischen Hopkins und Baldwin bestimmt ist. Auch wird dieser Konflikt wiederum nicht überstrapaziert wird, die Auseinandersetzung mit der Wildnis dominiert weiterhin den Film. Und ob es beide am Ende überleben werden, ist ebenfalls lange nicht absehbar.
Fazit: "The Edge" ist in meinen Augen ein sehr unterschätzter Film. Der Auseinandersetzung mit der Natur und dem Menschen ist intelligent gemacht, eine Menge Tiefgang ist vorhanden und Spannung sowieso. Es gibt zwar einige Momente im Film, die nicht glaubhaft sind, aber die ungemein packende Inszenierung überdeckt diese Stellen vortrefflich.