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Leute, langsam aber sicher werde ich älter und ihr wißt, was das bedeutet?
Genau, man muss sich allmählich stramm überlegen, was man mit der Zeit anfangen will, die einem noch verbleibt. Das gilt auch für Filmliebhaber, die dazu tendieren, es sich in ihrer Nische gemütlich zu machen und immer und immer wieder die gleichen Filme zu schauen, seien es nun Romantikschnulzen, Actionfilm oder Horrorreißer. Und weil ich nicht wie einige meiner Bekannten auf Facebook enden möchte, die immer noch (nach 30 Jahren) den Videothekenaufsteller von „Rambo 3“ suchen, während sie sich einmal die Woche darüber auslassen, warum „Over the Top“ der geilste Film überhaupt ist, mach ich mir jetzt noch ein paar Projekte, um ein paar halbwegs vergessene Filme zu markieren.

Das Erste sollte auch das voluminöseste sein, also mache ich mich daran, einfach mal alle Charlie-Chan-Filme zu schauen, die ich in die Hände bekommen kann.
Wer jetzt hektisch in seinem Filmlexikon sucht, dem sei gesagt, es handelt sich um einen sehr höflichen chinesischen Detektiv (beheimatet allerdings eigentlich in Honolulu), der in seinem weißen Anzug mit freundlichem Yoda-Sprech aus neu angeordneten Satzbauteilen und einem Haufen absurder Sprichwortvergleiche die kompliziertesten Mordfälle löst, meistens mit einem seiner leicht chaotischen Söhne im Schlepptau.

Wen das jetzt an jemanden Bestimmten erinnert: ja, das ist der Detektiv, den Peter Sellers in „Eine Leiche zum Dessert“ als Sidney Wang parodiert.

Chan entstammte der Feder Earl Derr Biggers, der den Detektiv in sechs Romanen ab Mitte der 20er Jahre verewigte, ein Asset, welches Hollywood schon sehr schnell für sich vereinnahmte. Schon 1926 tauchte er erstmals in einem Serial auf, 1929 erschien der erste Tonfilm mit Chan (auch der erste noch erhaltene Film).
1931 entschloß sich die 20th Century Fox, eine ganze Filmreihe mit den Abenteuern des exotischen Detektivs zu produzieren und heuerte für die Hauptrolle den schwedischen Nebendarsteller Warner Oland an, der den Begriff mit seiner Rolle des „Yellowfacings“ nachdrücklich prägte, aber allgemein milder beurteilt wurde als alle Beispiele des „Blackfacings“, weil er nicht gänzlich in peinlichen asiatischen Klischees begraben wurde.

Die Reihe wurde ein Hit und Oland ein Star, bis zu seinem frühen Tod 1938 – und selbst das konnte den Erfolg der Serie nicht aufhalten, man erwählte mit Sidney Toler enfach einen anderen Darsteller. In den 40ern wechselte die Franchise dann von der Fox zu Monogram (eines der kleinen Poverty Row Studios), wo sie noch einen zweiten Hauptdarstellerwechsel durchmachte, bis sie 1949 nach 44 Filmen schließlich endete, um danach nur noch zweimal (ein TV-Film in den 70ern und der bekanntere Film mit Peter Ustinov im Jahr 1981) wiederbelebt zu werden.

Also reisen wir jetzt in die schwarz-weiße Ära der wilden 30er zurück, mit einem wachsamen „Aufmerksam, bitte…!“

…denn aller Anfang ist schwer.
Besonders schwer ist der Anfang, wenn man seiner nicht mehr habhaft werden kann.
Obwohl man im Zeitalter des Tonfilms Anfang der 30er nicht mehr daran glauben sollte: aus dieser Zeit gingen immer noch ziemlich viele Filme verloren, wurden bei Bränden vernichtet oder versehentlich entsorgt. So erging es – offensichtlich – auch einigen Filmen der Chan-Serie, darunter leider auch der erste Charlie-Chan-Film mit Warner Oland„Charlie Chan carries on“ von 1931, dessen englische Fassung als verloren gilt. Es existiert zwar noch die spanische Fassung (damals wurden die Filme für die unterschiedlichen Märkte parallel in verschiedenen Sprachen gedreht), aber an der nahm Oland nicht teil, weswegen ich mich hier auch nicht mit ihr beschäftige.

Bedauernswert ist dieser Verlust schon, da der Film eine exotische Reise rund um den Globus bot und mit Marguerite Churchill, Warren Hymer, William Holden und George Brent durchaus bekannte Namen präsentierte.
Aber zumindest der zweite Film der Reihe, „The Black Camel“, existiert noch, und so steigt man gleich mit einem berühmten (damals noch im „berühmt werden“ begriffen) Gaststar ein: Bela Lugosi gibt sich die Ehre an vermeintlicher Wahrsager. Der etwas seltsame Titel – es kommt kein Kamel in dem Film vor – beruht auf einem alten Sinnspruch, den Chan von sich gibt: dass der Tod wie ein schwarzes Kamel sei, dass ungebeten vor jeder Tür knien könnte.

Ansonsten hat auch dieser Film schon alles, was generell zu den Fällen Chans gehören würde. Eine meist recht ausgefeilte Einleitung der vom Fall betroffenen Personen (einer oder eine davon immer das Mordopfer), dann nach einer Weile die Tat und erst dann die Hinzuziehung des Detektivs, der von den Behörden zumeist sehr gern um Hilfe gebeten wird. Chan treibt sich später zwar meistens schon am Ort des Geschehens herum, bevor der Mord geschieht, hält aber sonst höfliche Distanz.

In diesem Film ist es der Tod einer Schauspielerin, die in Beziehung zu einem vor Jahren ermordeten Schauspieler stand und mit ihrem Hellseher (Lugosi!) versucht, mit Schuld und Sühne fertig zu werden – überflüssig zu erwähnen, dass es dazu natürlich nicht mehr kommt.

Beliebte Elemente der Reihe waren markante Gesichter wie Lugosi, die scheinbar eine sichere Wette als Täter waren, sich aber dann fast immer als unschuldig erwiesen. Stattdessen prägte die Reihe der Trend, eine eher unauffällige Nebenfigur als Mörder zu entlarven, was aber niemals als Lösung an den Haaren herbeigezogen war, sondern grundsolide gefolgert.
Allerdings eignen sich die Fälle nicht zum Mitraten, dass das komplette Fallgefüge meistens erst mit der Auflösung sichtbar wird – Chan ist da meistens zu sehr Schweiger und Schmunzler, um den Zuschauer und seine Umwelt dauerhaft auf dem Laufenden zu halten.

Lugosi macht die Rolle als Hochstapler, der früh enttarnt wird und sich dann zum Sidekick freischwimmt sichtlich Spaß und das ist auch das Beste an diesem doch sehr zerfahrenen Fall, der noch auf einem Originalroman Biggers beruhte. Negativpunkt des Films ist sicherlich Chans Assistent Kashimo, ein wahrhaft lediglich ausführendes Organ von Polizist, der den ganzen Film ständig nur „Hinweis! Hinweis!“ brüllend alles wie ein Fünfjähriger durcheinander werfend durchsucht – selbst Chan behandelt ihn im Plot freundlich wie den Deppen, den er darstellen muss. Zum Glück wurde diese Figur in der Folge fallen gelassen, sie hatte nicht einmal komödiantisch Nutzen.

Insgesamt ein hübsches Frühwerk der Reihe, die man heute in ihrer klassischen Anlage leider nur noch unzureichend bewerten kann, weil von den ersten fünf Filmen eben nur noch dieser vorhanden ist. (6/10)

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