Ob es an der Tatsache liegt, dass die Welt noch auf eine offizielle DVD-Veröffentlichung wartet? Denn nach all den Vorschusslorbeeren ist „Vier Fliegen auf grauem Samt“ wahrhaftig nicht der erwartete Burner.
Mal wieder steht ein Künstler im Zentrum von Argentos Interesse, hier der Schlagzeuger Roberto Tobias (Michael Brandon), der in der Auftaktszene auf reichlich originelle Weise eine Fliege zerquetscht. Eine weitere Nervensäge killt er eher versehentlich: Er will einen Mann, der ihn schon seit Tagen verfolgt, zur Rede stellen, dieser zieht ein Messer und kommt beim folgenden Handgemenge zu Tode. Nicht unbedingt realistisch das Ganze, jedoch hat diese leicht gekünstelte Szenen volle Daseinsberechtigung, wie sich später herausstellt.
Pech für Roberto: Jemand hat Fotos von der Tat geschossen und reibt ihm dies unter die Nase. Allerdings wird kein Erpressergeld gefordert, stattdessen spielt der Täter lieber. Bald gibt es weitere Tote…
Interessant an „Vier Fliegen auf grauem Samt“ ist sicherlich die Art, in der er zwei Giallo-Strömungen in sich vereint. Zum einen die Morde, die ein weiteres Verbrechen vertuschen sollen, denn Mitwisser werden schnell erlegt. Zum anderen die psychologische Richtung (welche Argento ja mit „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe so wirklich aus der Taufe hob), denn die Motive für das fleißige Killen liegen mal wieder in einem frühkindlichen Trauma begründet. Dieses wird allerdings äußerst schwach eingeführt und im Finale einfach ganz platt expressis verbis erwähnt (da war die Visualisierung eines solchen Traumas in Argentos nächstem Film, „Profondo Rosso“, wesentlich einfallsreicher).
Das Finale ist sowieso äußerst schwach: Nach langem Gelaber des Killers folgt eine unmotivierte Rettung durch den deus ex machina, anschließend kommt Mörder in einem Anfall poetischer Gerechtigkeit ums Leben – immerhin sehr exzentrisch gefilmt. Apropos Mörder: Dessen Identität ist leider nicht so schwer zu erraten, da es nicht viele Verdächtige gibt und von denen auch noch einige über den Jordan gehen.
Die Mordszenen, in denen dies dann geschieht, sind dann auch die Highlights des sonst recht unspannend erzählten Films. Gekillt wird wenig, aber ein paar nette Einfälle hat Argento schon zu bieten, u.a. den ungewöhnlich gefilmten Treppensturz eines Opfers oder die Netzhautanalyse, die dann die titelgebenden vier Fliegen zeigt. Stilistisch weniger glücklich fallen die (Alp-)Traumsequenzen aus, die Argento-typischen Hinweise auf die Mörderidentität zu Beginn des Films sind kaum zu als solche zu erkennen und auch sonst blitzt das Gespür des Maestros für ausgefallenen Optik nur hier und da aus dem Geäst.
So bleibt die Mörderhatz zäh, da die Hauptfigur fast nur am Hadern ist, die passive Ehefrau bald aus dem Haus verfrachtet wird und die Sidekicks des Protagonisten fast ausschließlich als Witzfiguren agieren. Godfrey (Bud Spencer) alias God, ist für gröberen Humor zuständig, nebst einem Lurfi, der am liebsten in der Hängematte liegt. Ähnliches comic relief sollen die Szenen mit dem Postboten bieten, der immer wieder Nacktmagazine an die Falsche liefert und vom Helden verprügelt wird, aber all diese Momente wirken in ihrer Klamaukigkeit eher unpassend. Witziger ist da schon die Figur des schwulen Detektivs, der mit seiner unheimlich schlechten Erfolgsquote kokettiert.
Michael Brandon in der Hauptrolle ist leider auch kein starker Träger, der das Geschehen irgendwie packender gestalten könnte, während Mimsy Farmer als Ehefrau da auch nur geringfügig mehr Akzente setzen kann. Bud Spencer spielt den Lebemann wie seinen Kooperationen mit Terence Hill, nicht ganz so derb, aber doch in gewohnten Rollenmustern.
Argentos Handschrift ist ansatzweise erkennbar in „Vier Fliegen auf grauem Samt“ und holt noch ein paar Kohlen aus dem Feuer, für seine Verhältnisse ist dieser aber Giallo aber schon recht schwach – zu einfallslos das Script, zu fade die Erzählung. Schade, da wäre mehr drin gewesen.