Ein Musiker fühlt sich von einer unbekannten Gestalt verfolgt, stellt den Fremden – und tötet ihn in Notwehr. Dabei wird er beobachtet und direkt von einem weiteren Unbekannten bedroht: mit Fotos des Mordes, Einbrüchen bei sich zu Hause und unheimlichen Anrufen. Doch er wird nicht erpresst, was den seltsamen Psycho-Terror umso beunruhigender macht. Als die ersten Leute aus seinem Umfeld ermordet werden, begreift er, dass der Fremde sehr gefährliche Motive hat.
„Vier Fliegen auf grauem Samt“ gehört zu den frühen Giallo-Filmen des legendären italienischen Regisseurs Dario Argento und wartet wie die meisten seiner Werke aus dieser Phase mit einer faszinierenden Inszenierung irgendwo zwischen Trash und expressivem Arthouse auf. So ist es hier allen voran die Kamera, die immer wieder staunen lässt: Selbst simple Szenen werden durch außergewöhnliche Perspektiven überhöht – etwa aus dem Inneren einer Gitarre heraus, auf der gespielt wird, oder durch den fließenden Wechsel zwischen dem Point of View einer Person und der nahen Außenperspektive, wenn diese Person einen Brief überreicht. Auch der Wechsel zwischen enormer Nähe an den Figuren und gleitenden Bewegungen durch die Räume und mit den Bewegungen der Agierenden verleihen dem Film formal eine große Beweglichkeit und ein recht hohes Tempo. Und die Schlussszene dürfte zum Einfallsreichsten und Spektakulärsten gehören, was Argento jemals geboten hat, wenn man einen Autounfall in Superzeitlupe beobachten kann – da splittert Glas, verbiegt sich Metall und bersten Scheiben in einem ballettartigen Todesreigen, wie man es sicher nie zuvor gesehen hat. Meisterhaft!
Auch die Beleuchtung und Farbdramaturgie verleihen dem Film einen leicht surrealen, psychedelischen Touch. Noch nicht ganz so grell wie etwa die giftgrünen und blutroten Ausleuchtungen in „Suspiria“, verleihen doch auch hier künstliche Lichter und spannend mit Licht und Schatten spielende Nachtaufnahmen eigentlich gewöhnlichen Orten einen faszinierenden, mitunter bedrohlichen Reiz, etwa den verschlungenen Wegen einer nächtlichen Parkanlage. Und der Score, von niemand Geringerem als Ennio Morricone verantwortet, bietet ein buntes Potpourrie aus italienischer 70er-Jahre-Pop- und Rock-Musik, das den etwas schrillen Grundton des Films perfekt trifft und verstärkt.
Rein formal erweist sich „Vier Fliegen auf grauem Samt“ also als ebenso einfallsreich wie die meisten von Argentos frühen Filmen. Dass dabei die Story reichlich dünn ausfällt – wenn auch lange Zeit recht spannend, weil viele Andeutungen erst mit der durchaus überraschenden Auflösung geklärt werden – und die Schauspielenden wie so oft nicht gerade mit starken Leistungen glänzen, sondern viel mehr vor allem in ruhigen Passagen steif dastehen und ihre Dialoge aufsagen, ist ein Wermutstropfen, den man bei einem stilistisch so packenden Werk gerne übersehen kann. Zumal der Film, anders als viele andere Argento-Arbeiten, passagenweise auch mit skurrilen Charakteren und witzig-schrillen Dialogen überrascht und unterhält – Bud Spencer in einer seltsamen kleinen Nebenrolle als irritierender Vermittler zu halbseidenen Detektiven und ähnlichen Gestalten ist da schon allein einen Blick wert.
Auch wenn „Vier Fliegen mit grauem Samt“ sich in Sachen Gewaltdarstellung deutlich hinter so drastischen Frühwerken wie „Die neunschwänzige Katze“ oder „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ zurückhält, kann er doch als typisch greller 70er-Giallo durchgehend unterhalten und hebt sich dank außergewöhnlicher inszenatorischer Ideen über alle kleinen Durchhänger und Unzulänglichkeiten hinweg. Für Genre-Freunde also eine klare Empfehlung.