"Offensichtlich sind sie verärgert." ... "Verärgert? Früher war ich verärgert, wenn ich einen Platten hatte. Ich war verärgert, wenn ein Flugzeug Verspätung hatte. Ich war verärgert, wenn die Yankees den Titel geholt haben. Also, wenn sie das mit verärgert meinen, wie fühl ich mich denn jetzt?"
Durch den Undercover-Agenten Frank Castle (Thomas Jane) fliegt ein Waffendeal auf. Sein letzter Auftrag führt zum Tode eines der Söhne des Unterweltbosses Howard Saint (John Travolta). Dieser lässt durch seine Handlanger und rechte Hand Quentin (Will Patton) auf Wunsch seiner Frau Livia (Laura Harring) Castle's gesamte Familie während eines Urlaubes auf Puerto Rico ermorden. Angeschossen überlebt Castle das Massaker und sinnt auf Rache. Insgeheim lässt er sich in einem abrißreifen Gebäude nieder und bereitet sich auf seine Vollstreckung der Gerechtigkeit vor.
In "The Punisher" geht es um eine etwas andere Art des Superhelden. Entgegen Marvel's sonstigen Definitionen von menschlichen Spinnen, fliegenden Eisenkolossen oder übermenschlich starken, grünen Monstren ist der Punisher eine ausgesprochen bodenstände Figur, denn über Superkräfte verfügt er nicht.
Gleichzeitig unterscheidet er sich in der Methodik und den Hintergründen seines Tuns. Denn durch den Verlust seiner Familie tritt er nicht in den Dienst des Guten im eigentlichen Sinne, sondern sinnt einzig und allein auf Rache an allem was laut seiner Sichtweise böse ist.
Jonathan Hensleighs ("Con Air") Film braucht eine Weile, bis er eine klare Linie gefunden hat. In der ersten halben Stunde handelt es sich um einen nicht sonderlich originellen Kriminal- und Actionfilm, der die Zutaten des Genres etwas anders zusammenwürfelt aber professionell serviert. Sobald die nötige Figureneinführung vorüber ist, ändert sich die Gangart und Sprache des Films. Voller Zynismus wird dann ein Mann präsentiert, der an seinem Kummer zu zerbrechen droht, aber von einer Wut getrieben wird, die ihn zum kühl kalkulierenden Vollstrecker werden läßt. Selten zuvor wurde ein brutaler Actionfilm dermaßen sarkastisch und makaber in Szene gesetzt.
In der darauf folgenden Laufzeit ist weder Handlung noch Erzählweise überaschend, dafür allerdings gerade zu den Höhepunkten packend inszeniert. Diese sind wohl seltener als erwartet, denn "The Punisher" ist kein purer Actionstreifen. Vielmehr handelt es sich um einen Actionthriller mit Elementen aus dem Dramabereich. So wirkt die Figur des Punisher weicher als erwartet. Trotz den sarkastischen Äußerungen und den teils heftigen Gewaltausbrüchen mutiert der Anti-Held nicht zur absoluten Killermaschine. Obwohl dies eine augenscheinliche Abweichung zu den Comics ist, macht ihn dies glaubhafter und leichter identifikationsfähig.
Dies gilt auch für manch ein Handgemenge. Im Zuge der Comic-Verfilmung bekommt es Castle mit manch abstruser Figur zu tun. So macht ihm im mittleren Teil ein russischer Hüne das Leben schwer. Die Parallelen zu den 70er-Jahre-Bonds mit Beißers Auftritten sind unverkennbar, so wirkt dessen Auftritt bedrohlich und komisch zugleich, gerade durch die mit Schadenfreude angehauchten Situationen. Diese weichen aber ebenso schnell der üblichen Härte des Films.
Wie schon erwähnt ist "The Punisher" keine Actionbombe. Jonathan Hensleighs setzt stattdessen auf feinfühlig inszeniertes Action-Kino, handgemacht und detailliert präsentiert. Geradlinige, ehrliche Action der alten Schule steht auf dem Programm, waghalsige Stunts, opulente Explosionen und schnell ausgefochtene Schießereien. Auf die häufig verwendeten nach-Milleniums-Effekte, wie verlangsamte Abläufe mittels Zeitlupe, verzichtet "The Punisher".
Zudem verfügt der Film über einen orchestralen Soundtrack, der eine dichte Atmosphäre projiziert. Dies gelingt ebenso durch die düster tristen Bilder in der zweiten Hälfte.
Glücklicherweise verzichteten die Drehbuchautoren ebenso auf eine zweite Romanze und deuten nur auf dessen Möglichkeit hin. Dies hätte die Längen, mit denen der Film zu manchem Zeitpunkt auch so zu kämpfen hat, sicher verschlimmert.
Die Schauspieler sind sorgsam ausgewählt. An Thomas Jane ("Dreamcatcher", "Der Nebel", "Mutant Chronicles") muss man sich zu Beginn etwas gewöhnen, verkörpert er doch eine weit weniger bullige Version des Anti-Helden als man es von den Comics gewohnt ist. Aber mit der Zeit sind es insbesonders seine markanten Gesichtszüge und die stechenden Blicke die den gnadenlosen Rächer erkennbar machen.
John Travolta ("Pulp Fiction", "Im Körper des Feindes") ist in seinen Rollen als Bösewicht längst eingespielt und hat auch diesmal eine äußerst coole Präsenz.
Auch unter den weiteren Darstellern ist ein gewisser Bekanntheitsgrad vorhanden. Will Patton ("Armageddon - Das jüngste Gericht"), Rebecca Romijn ("X-Men"-Reihe, "Femme Fatale") oder Ben Foster ("11:14 - Elevenfourteen", "X-Men - Der letzte Widerstand") verhalten sich aber bedingt durch das Drehbuch im Hintergrund um opulenten Figuren, wie dem stämmigen Kevin Nash ("DOA: Dead or Alive", "Turtles II - Das Geheimnis des Ooze"), ihre kurzen Auftritte zu gönnen.
"The Punisher" ist ein ordentlich und spannend inszenierter Action-Thriller, unterlegt mit dramatischen Elementen sowie einem greifbaren Figurendesign. Letzteres ist zwar verantwortlich für ein paar Durchhänger im Tempo, allerdings unablässlich für die Glaubwürdigkeit der Rächerstory, die auch nicht mit Gewaltausbrüchen zögert. Action-Puristen dürften allerdings wegen der wenigen Inhalte von letzterem enttäuscht sein.
8 / 10