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Ach ja, die guten alten 70er – ich unternehme ja regelmäßig Ausflüge in diese Zeit, aber nicht wie üblich in die Untiefen New Hollywoods oder in die Anfänge des Blockbusterkinos, sondern in die Kellerräume, in denen die TV-Filme dieser Dekade gelagert werden.

Bevor man nämlich ab den 80ern mit Gefühlssoße und Intrigen zugeschüttet wurde, sobald es ins Abendprogramm ging, galt es als ambitioniertes und angesehenes Handwerk bei den großen TV-Networks, seine eigene filmische Modelinie zu entwerfen, hergestellt nicht selten in den umgebauten alten Filmstudios, die nun verstärkt leer standen.

Ein Abendfilm im Hauptprogramm galt noch etwas, eine wöchentliche Reihe mischte alles, was die Genres hergaben: Western, Sci-Fi, Krimis, Thriller, Dramen, Familien, Gruselfilme und dieser Standard holte die Zuschauer durchaus gewillt ab, denn da war ja der „Montag“ oder der „Mittwoch“, an dem NBC, ABC oder CBS etwas Besonderes auf die Beine stellten. Sicher, da waren auch mal Pilotfilme dabei, nicht selten auch solche, denen man nicht sonderlich viel zutraute, aber die Hauptsendezeit galt noch als Privileg und wer in Hollywood in die Jahre gekommen war, aber noch Lust hatte oder Geld brauchte, der gab seinen guten Namen gern für eine 75minütige (seltener: 90) TV-Produktion, die einem mal wieder „top billing“ brachte. Wenn man Glück hatte, sprang eine eigene TV-Serie dabei heraus.

Natürlich ist die Lagerware dieser Jahre rückblickend schon etwas angejahrt (und es waren auch einige Rohrkrepierer darunter), aber so mancher Stoff hat sich verblüffend gut gehalten, auch wenn echte Highlights aus heutiger Sicht nicht darunter waren.

Aber es gibt ja für alles ein erstes Mal und wenn ich hier heute „Visions of Death“ aka „Um drei Uhr geht die Bombe hoch“ (ja, dieser Film schaffte es ins deutsche TV!) vorstelle, dann lasst euch sagen, das sind die präzisesten und spannendsten 73 Minuten, die ich bei meiner Recherche bisher angefahren habe. Nicht nur, dass die Prämisse dieses Thrillers eine per se übernatürliche ist (Hellsichtigkeit bzw. Telepathie), es ist auch ein knackiger Bombenthriller mit einer sehr, sehr treffenden Besetzung.

Monte Markham, einer der charismatischsten Darsteller dieser Jahre, dem leider nie der ganz große Wurf gelang, spielt in „Visions..“ einen Uni-Professor, der ein kleines Extra mit auf den Weg bekommen hat: während seiner Vorlesung hat er plötzlich visionäre Ticks von einem Mann, der eine Bombe legt. Er kann den Mann nicht sehen und nicht viel von seiner Umgebung, aber er schildert diese Erkenntnisse der Polizei. Die zeigt sich natürlich sehr interessiert, kommt sie doch in Gestalt von…Telly Savalas, genau ein Jahr vor Theo Kojak. Tellys Lt. Keegan in ein No-Nonsense-Cop und glaubt, der Gute hätte einiges am Sträußchen oder wolle sich wichtig machen, bekommt aber angesichts von Markhams Reputation gewisse Zweifel. Als dann tatsächlich eine Bombe hochgeht, glaubt der Polizist, in dem Prof natürlich den Hauptverdächtigen vor sich zu haben.

Was sonst ein knotiges Drama geworden wäre, geht hier straight von der Hand, denn Markhams Lowell wird nicht von diesen Visionen überrascht, er hat das schon jahrelang und würde sich irre freuen, wenn er seine Todesvisionen mal so umstricken könnte, dass das, was er sieht, verhindert werden kann, bevor es eintritt.

Telly setzt den guten Prof nun einer Reihe von Tests aus, die frappierend an die Anfangsszene von „Ghostbusters“ erinnern und der Visionäre nimmt humorarm einen Test nach dem anderen auseinander, bis auch die Polizei überzeugt ist, das etwas dahinter stecken könnte. Und schon sieht er die nächste Bombe platziert werden, dummerweise als einziges Orientierungsmerkmal eine Freewaygabelung von unten. Und wider seine Überzeugung holt Telly die Helis in den Einsatz...

Abgesehen von der folgenden Suche und Entschärfung hat mir der Film so gut gefallen, weil er praktisch an Plot überläuft. Kaum ist ein Punkt erledigt, kommt der Nächste, ist die zweite Bombe entschärft, gerät der Prof selbst ins Visier des Sprengwütigen und selbst die Isolation auf dem Lande gerät zur Todesfalle, die natürlich alsbald noch von einer finalen Bombenjagd getoppt wird.

Als kleines Zuckerl zu den Visionen hat der Film dann einen optischen Glanzeffekt zusätzlich, wenn Lowell jemanden kurz vor dessen Tod unwissentlich berührt. Wenn dieser Effekt vollkommen ohne Vorbereitung für den Zuschauer eintritt, ist das wie ein kaltes Handtuch ins Gesicht geworfen und zeigt auch beim zweiten Mal noch Wirkung. Die einzige Bremse in diesem präzise schnurrenden TV-Torpedo sind die gelegentlichen Auftritte von Barbara Anderson als Lebensgefährtin, die zwar die Besorgte geben darf, aber mit ihren ständigen Bitten, er möge doch bitte seine nicht lokalisierten Bomben bitte jemand anderem überlassen, natürlich nicht nur die Ethik eindellt, sie will uns auch von einem rasanten, aber niemals hektischen Film abhalten.

Mit vielen Außenaufnahmen und bemerkenswert abwechslungsreichen Handlungsorten, hat „Visions“ durchaus Filmformat, Markham hier ein bemerkenswertes Charisma und man fragt sich mit Fug und Recht, warum diese Prämisse nicht Basis für eine Fernsehserie wurde (oder eine Fortsetzung), meines Wissens war diese CBS-Produktion nicht mal ein Pilot. Wer also auf druckvolle und gut bebilderte Thriller steht, der möge sich „Visions of Death“ schnellstmöglich auf Youtube erbeuten und einen flotten Thriller genießen, der sich hinter den besten „Columbos“ nicht verstecken muss. (8/10)










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