(Spoiler allüberall)
Weil der angesehene Pariser Chirurg Dr. Génessier (Pierre Brasseur) einen Autounfall verschuldet hat, bei dem das Gesicht seiner Tochter Christiane (Edith Scob) entstellt wurde, entführt er mithilfe seiner ihm ergebenen Komplizin Louise (Alida Valli) junge Frauen und "raubt" ihnen die Gesichter, um seiner Tochter mittels Transplantation ein neues zu geben. Auch die Studentin Edna (Juliette Mayniel) gerät in die Fänge Génessiers...
Es ist noch der gemächlichere Takt des alten Kinos in einem schon modernen Horror-Thriller, Regisseur Georges Franju lässt sich für seine Bilder Zeit. In Ruhe verfolgt Eugen Schüfftans Kamera, wie der Mad Scientist Dr. Génessier die Treppen seiner Villa hinaufsteigt, und für den Zuschauer schmerzhaft widmet man sich ebenso in aller Ruhe der Operation, die 1960 die Kinozuschauer, das bezeugte ein Kritiker, schockierte.
Sehr nachvollziehbar, auch heute noch ist die Szene quälend: Rettungslos ist die sympathische Edna Génessier und Louise ins Netz gegangen und die an ihr begangene Untat verstört in ihrer maßlosen Ungerechtigkeit.
Génessiers Motivation ist, neben dem schlechten Gewissen seiner Tochter gegenüber - die mit bleicher Maske geisterhaft im Haus mit seinen verhangenen Spiegeln umherirrt (da weht ein Hauch von Poe) - dessen wissenschaftlicher Ehrgeiz. Scheitert er, verlöre auch er im übertragenen Sinne sein Gesicht.
Die Handlung des Filmes, die nicht allein durch ihr Potential für krasse Darstellungen rasch ihre Kopisten fand - siehe Jess Franco und dessen schon zwei Jahre später entstandener "Gritos en la noche" -, ist zwar in vier bis fünf nicht allzu langen Sätzen zu schildern, aber die Qualitäten von Franjus morbidem Werk liegen in dessen kunstvoller Machart, der Kameraführung Schüfftans und der Raffinesse, den Details der Darstellung: Dass es Franju und Edith Scob gelingt, dem Zuschauer nach erfolgter Gesichtsübertragung ohne Zutun der Maske eine noch gespensterhafter erscheinende Christiane vorzugaukeln, dem nachfolgend nüchtern präsentierten Umstand, dass auch diese Transplantation ein Fehlschlag war, sowie die Leistung des Filmes und Brasseurs, zwischenzeitlich einen Génessier glaubhaft zu machen, der, trotz seiner zuvor dargestellten Grausamkeit, nicht gänzlich frei von sympathischen Zügen ist. Dazu das so drastische wie gleichermaßen poetische Ende.
- Der mittlerweile wohl weitestgehend gestrige, reißerische deutsche Verleihtitel "Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff" wird dem Anspruch des Filmes nicht im Geringsten gerecht.
Maurice Jarres mehrfach gespielte, expressive Rummel- bzw. Zirkusmusik mag dabei den Irrsinn des Gezeigten unterstreichen und vielleicht sogar dem durchgehend ernsten Film etwas Ironie verleihen, ich empfinde sie dennoch als störend. Immerhin hat Jarre aber auch zurückhaltende, ganz passende Töne beigesteuert.
Auch nach meiner Meinung ist "Les Yeux sans visage" ein Klassiker.- Der einem in mindestens einer Szene etwas abverlangt, selbst wenn man drastischeren filmischen Darstellungen bislang fast nie aus dem Weg gegangen ist.