Review

Twentynine Palms (2003): Zwei Menschen, eine unendliche Wüste, keine Kommunikation. Mit diesen einfachen Worten könnte man auf den ersten Blick den Film "Twentynine Palms von Bruno Dumont charakterisieren, wäre da nicht auch eine unergründliche Tiefe der menschlichen Seele, etwas Düsteres, das sich sowohl außerhalb, als auch innerhalb der Charaktere immer deutlicher abzeichnet ...

Inhalt: Der Locationscout David (David Wissak) und seine Freundin Katia (Katia Golubeva) fahren durch die kalifornische Wüste, um neue Locations zu finden. Ausgangspunkt für ihre Erkundungstouren ist das kleine Wüstenstädtchen Twentynine Palms. Das Paar scheint sich in diese Umgebung verirrt zu haben und passt doch genau dorthin. Katia ist ein russisches Model und spricht kein Wort Englisch, sondern nur etwas französisch - David beherrscht nur wenige Bruchstücke der französischen Sprache. Sie versuchen immer wieder einander mitzuteilen, doch es herrscht Un- und Missverständnis zwischen den Beiden. Das Einzige, was sie scheinbar verbindet, ist der gemeinsame Sex, doch auch dieser ist geprägt von dem Aufeinandertreffen zweier Leiber, die nur sich selbst und ihre eigene Befriedigung im Sinn haben. Während sich beide streiten, sich vertragen und nebeneinander existieren, bilden sie doch eine Einheit gegen das feindselige Äußere. Alles was ihnen in der Wüste begegnet, erscheint als Bedrohung: Immer wieder taucht aus dem Nichts ein mysteriöser Truck auf, der ihnen vor Augen führt, dass sie hier nicht hingehören ...

Review: Dumont schafft mit "Twentynine Palms" einen Film von existentialistischer Leere. Die Wüste als Sinnbild für das Innenleben seiner Charaktere. Katia und David sind der Sprache beraubt, das ist das Offensichtlichste an ihrer Kommunikationslosigkeit, doch liegen ihre Probleme tiefer. Liebe, Sex, Gewalt und Angst bestimmen und treiben die Geschichte voran. Geraten die beiden aneinander, fehlen ihnen die Worte und die emotionale Nähe zueinander, um die Situation deeskalieren zu lassen. Stattdessen versucht Katia jede Situation mit einem "Je t´aime" zu beruhigen - eine Strategie, die Davids Aggressionen nur noch schürt. Doch Dumont schafft es nicht nur einen Zyklus von Missverständnissen, Auseinandersetzungen und rohem Sex zu schaffen, sondern inszeniert immer wieder Momente der scheinbaren Nähe der beiden Figuren. Momente in denen etwas anderes, für den Zuschauer, möglich wäre. Nach einem abgebrochenen Akt, besteigt das Paar ein Felsplateau, um sich auszzuruhen und tatsächlich ist dies ein Moment der Ruhe, die Spannung scheint zu weichen - auch wen die Charaktere voneinander abgewandt sind, besteht eine Nähe zwischen den Beiden, die man sonst in dem Film vergeblich sucht.

Es herrscht das Gesetz "Ganz oder Gar nicht": Katia und David leben zwischen den Extremen, um sich selbst nicht zu verlieren. Sie wissen nicht, was in dem Kopf des Anderen vorgeht. Die Frage: "Was denkst Du?" endet in einem Streit, an dessen Ende wieder nur der Sex sie zu vereinen scheint - doch findet man nichts von dem romantischen Liebesakt des amerikanischen Mainstream-Kinos in Dumonts Bildern, auch sie zeigen die Unvereinbarkeit zwischen den Figuren. Unvereinbar sind aber auch die Wüste und die Kleinstadt Twentynine Palms - die unwirtschaftliche Wüstenlandschaft mit ihrem Sand, Kies und verdorrten Bäumen und die Kleinstadt mit ihren blauen Poolanlagen, grünen Palmen und einem Supermarktsortiment in allen schillernden Farben.
Diese Verbindung zwischen Innen und Außen schafft Dumont auf eine atemberaubende, wenn auch oftmals verstörende Art und Weise, in all ihrer Konsequenz. Doch bleibt das Paar auch gleichzeitig, so unvereinbar sie im Inneren scheinen, nach Außen hin eine Einheit. Sie sind auf ihre Weise aneinander gebunden, durch die Bedrohung, die ihnen die Stadt und die Wüste entgegenbringt, aber auch von Innen, da sie hoffen, ihre existentiellen Ängste durch die Verbindung zu dem Anderen zu überwinden - überhaupt zu existieren. Während der Zyklus sich immer wiederholt, zieht Dumont die Schraubzwingen seiner Geschichte langsam, aber deutlich an - die Hoffnung des Zuschauers auf ein einschneidendes Ereignis erfüllt er mit einem schockierenden, aber konsequenten Ende.

Insgesamt sind die Inszenierung und die schauspielerische Leistung wirklich grandios. Beides bietet eine Authentizität, die man in den meisten Filmen vergeblich sucht. ein wichtiger Tipp von meiner Seite wäre den Film in Originalsprache zu sehen, da die deutsche Übersetzung keinen Unterschied zwischen der russischen, englischen und französischen Sprache macht - dies führt leider zu einem, meiner Meinung nach, großen Verlust für den Film.
Um was für eine Art Film es bei "Twentynine Palms" handelt, hat der Regisseur schon innerhalb des Filmes beantwortet: Während die beiden auf dem bett fernsehen, sagt sie: " Da passiert immer dasselbe, was ist das denn?" Darauf antwortet David: "Ich schätze so ein Arthousefilm." Und damit hat er sicherlich recht, aber es ist ein wirklich guter Arthouse-Film und deshalb von mir:

9 von 10 Punkten

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