Das ist die Geschichte von David und Katia. Er – Fotograf von Beruf, auf der Suche nach imposanten Motiven in die Wüste Kaliforniens gereist. Sie – die Geliebte, die ihm zur Seite steht.
Er – exzentrisch und doch schwächlich, herrschsüchtig, aber unselbständig und ängstlich.
Sie – hyperempfindlich, eifersüchtig, zu Hysterie neigend, labil.
Beide bilden ein stilles, verstörtes, liebloses Liebespaar. Ihre ereignisarme, einsame Reise durch die Wüste – hauptsächlich geprägt von Streitereien und nymphomanischem Sex – bildet die Handlung von „Twentynine Palms“, was auch der Name der Wüstenstadt ist, in der ihr Trip zum Erliegen kommt…
Wer Vincent Gallos „Brown Bunny” gesehen hat, weiß, auf was er sich hier einlässt: Eine regungslose Kamera, die eine gefühlte Ewigkeit auf den Horizont starrt, minutenlange Highwayfahrten aus der Rücksitzperspektive, statische Landschaftsaufnahmen, in welche dann ein Menschlein hineinplatzt, das dabei so fehl am Platz wirkt wie ein Pinguin in der Sahara. Dies kann als sterbenslangweilig interpretiert werden oder eben auch als anspruchsvoll, besänftigend, den Gedankenfluss anregend, zur Muße zwingend – bleibt jedem selbst überlassen.
Unsere beiden Hauptcharaktere wirken in dieser Einöde wie Außerirdische auf Erkundungstour, so sperrig und unwegsam erscheint die Natur. Die bucklige Felswüste mit ihren Auf und Abs spiegelt aber in gewisser Weise auch das Innenleben und die Beziehungswelt unserer Protagonisten wider, welche auch sehr zerklüftet und unzugänglich zu sein scheinen und von heftigen Stimmungsumbrüchen bestimmt werden. Die beiden gehen teilweise so irre ab, man könnte glatt meinen, sie hätten sich in der Klapse kennen gelernt. Fast so als könnten sie nicht miteinander, kämen aber auch nicht voneinander los.
Sex spielt in „Twentynine Palms“ auch eine große Rolle. Das besondere: es könnte gut sein, dass die Akteure hier echten Sex vor der Kamera haben. Man sieht zwar nie was Genaues, aber hmmm… Aber Moment mal: Ist das überhaupt noch was Besonderes? In Larry Clarks „Ken Park“ wichst ein Halbwüchsiger zu Damentennis, in „They Call Her One-Eye“ sind Pornosequenzen enthalten, in „Brown Bunny“ wird geblasen… - Sex als Stilmittel, das ist nichts Neues. So wirklich kommerziell und massenkompatibel ist Pornografie zwar immer noch nicht, aber die Zeiten in denen Jenna und Briana im Cinemaxx laufen, werden kommen, ich schwör’s euch.
Der Streifen arbeitet zudem sehr eindrucksvoll heraus, dass Sex nicht immer gleich Liebe ist. Beide Charaktere geben sich ganz hedonistisch der Fleischeslust hin, doch wirkt es eher so als hätte – ganz nach Gaspar Noés „We Fuck Alone“ – jeder für sich alleine Sex. Der Sex dient beiden auch als Fluchtpunkt vor Langeweile und Sinnverlust, und die übertriebenen Lustschreie beim Orgasmus hören sich fast wie Hilfeschreie in einer sinnentleerten Welt an.
„Geht es nicht in jedem Kunstwerk um die selben Dinge? Wirklich, ich denke, es gibt nichts außer Sex, Liebe und dem Bösen…“
(Regisseur Bruno Dumont)
Die Bilanz: Viel karge Wüstenlandschaft, viel Fickificki, ein nackter Pimmel, viel unerträgliche Stille, kaum Handlung, viel Möglichkeiten zum fröhlichen Reininterpretieren und ein zerstörerisches Finale, in dem sich all die angespannte Stimmung des gesamten Films entlädt, um in der Seele des Zuschauers einen tiefen Krater zu hinterlassen.
Davids und Katias ziellose Suche entpuppt sich nämlich als Reise ins absolute Verderben, was aber erst 15 Minuten vor Schluss klar wird, auch wenn es sich praktisch den ganzen Film über unterschwellig andeutet.
Spannung / Unterhaltungswert:
(+)(-)(-)(-)(-)
Aussage / Anspruch:
(+)(+)(?)(?)(?)
Anspruchsvoll verpackter Schweinkram:
(+)(+)(+)(+)(+)
„Was ist das denn?“
- „Keine Ahnung. Ich schätze so ein Arthaus-Film.“
Fazit:
Ungeschminkt, unreißerisch… absolut ungenießbar und unzugänglich, zumindest für das auf Glitz und Glammer getrimmte Auge. Der bereits mehrmals ausgezeichnete französische Regisseur Bruno Dumont liefert hier einen Film ab, der kaum mehr „anti-Hollywood“ sein könnte. Vincent Gallos „Brown Bunny“, dem „Twentynine Palms“ sehr nahe kommt, hat mir zwar deutlich besser gefallen, wer auf „KinoKontrovers“ steht, wird diesem depressiven Stück Antikino aber gewiss auch etwas abgewinnen können.