Richard Linklater hat es einfach drauf! Der Mann schafft es mit einer erstaunlichen Konstanz immer wieder gängige Mainstream-Schemata zu umgehen und faszinierend-originelle Geschichten zu erzählen, ohne den Zuschauer zu verlieren. Seine Filme "Before Sunrise" und "Waking Life" waren solche Werke. Ebenso wie es "Before Sunset" ist, die Fortsetzung zu "Sunrise".
Zur Story: Neun Jahre nachdem sie zusammen einen Tag (und die anschließende Nacht) in Wien verbracht hatten, sehen sich der Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die Französin Celine (Julie Delpy) in Paris wieder. Jesse ist inzwischen Autor geworden und hat mit seinem Roman über die damalige Begegnung einen kleinen Bestseller gelandet, während Celine sich nun für die Umwelt engagiert. Als sie sich in einer Buchhandlung wiedersehen, in der Jesse sein Werk präsentiert, kommen alte Erinnerungen auf.
Beide spüren, dass sie immer noch viel füreinander empfinden. Doch ihnen bleibt nicht viel Zeit, denn in 90 Minuten geht Jesse`s Flug. Es kommt wie es kommen muss: infolge ihrer Vergangenheit und ihrem gegenwärtigen Leben, bleibt es nicht nur bei nostalgischen Betrachtungen. Denn keiner von beiden ist wirklich glücklich...
"Wozu?", kann man sich fragen. Wozu eine Fortsetzung zu einem Film drehen, der bereits alles gesagt hat, zum Thema "Liebe" und dem "Leben im Allgemeinen"? Wieviele Regisseure hätten wohl nur auf eine leicht variierte Wiederholung dieses Konzepts gesetzt? Wie schön, dass Richard Linklater nicht dazu gehört. Auch wenn er sich trotz unterhaltsamen Abstechern in den Kommerz (wie z.B. "School of rock"), sicher mehr als Independent-Filmemacher fühlen dürfte (siehe seine letzten Werke "A scanner darkly" und "Fast food nation"), hätte die Realisierung einer Fortsetzung ja auch böse nach hinten losgehen können.
Das ist es jedoch nicht. Im Gegenteil: "Before Sunset" gelingt es sogar, den Vorgänger zu übertrumpfen. Dabei ist der Stil der gleiche geblieben. Was bedeutet, dass die Regie zurückhaltend ausgefallen ist und das Augenmerk auf spontan wirkenden, realistischen Dialogen sowie einer geringen Zeitspanne liegt, die hier noch eingegrenzter ist als im Erstling, was dazu führt, dass man als Zuschauer den Film fast in Echtzeit erlebt. Genau wie in "Sunrise" lenkt auch hier so gut wie nichts von den Protagonisten ab. Das schafft erneut eine unglaubliche Intimität mit den Figuren, was noch dadurch verstärkt wird, dass "Sunset" emotionale Momente nicht ausspart, ohne gleich zur rührseligen Schmonzette zu werden.
Großartig sind einmal mehr die Darsteller, denen es gelingt, ihre Figuren absolut liebenswürdig anzulegen, mit all ihren Stärken und Schwächen. Gerade weil es auch hier wieder sehr dialoglastig wird, ist es wichtig, dass einem die Charaktere nicht gleichgültig sind. So kommt Langeweile zu keinem Zeitpunkt auf, präsenteirt sich das Geschehen diesmal doch noch straffer, ohne dabei Leerlauf zu bieten.
Vor allem durch die Themen und Grundstimmungen ergeben sich nun die Unterschiede zwischen den Filmen. Ging es im Original noch hauptsächlich darum, das unmittelbare Erblühen und Wachsen einer Liebe zu zeigen, geht die Fortsetzung noch ein Stück weit mehr in die Tiefe. Die Charaktere sind längst erwachsen geworden, haben inzwischen unzählige Erfahrungen gesammelt und dennoch nie wirklich zu einer inneren Zufriedenheit gefunden. In dem Moment, in dem sie sich wiedersehen, müssen sich Jesse und Celine der Vergangenheit stellen, wodurch deutlich wird, dass keiner von beiden über die damalige Begegnung hinweggekommen ist. Der Film wird hier um einiges nachdenklicher als "Sunrise" und wirft die wichtige Frage "Was würde nun sein, wenn damals alles anders gekommen wäre?" auf. Damit gibt sich die Fortsetzung bewusst erwachsener, geht es doch nicht mehr um die Magie des Schicksals, sondern um die Tücken des Lebens, die eigene Leere und das Klammern an einen Augenblick, der unwiederbringlich der Vergangenheit angehört.
Das klingt jetzt womöglich alles recht düster. Doch Linklater zeigt nur und wertet nicht. Er kehrt diese, im Grunde sehr schmerzhaften Momente der Selbsterkenntniss, nicht über Gebühr hervor, sodass diese Szenen eher etwas Beiläufiges, wenngleich keineswegs Belangloses haben. Am Ende sind es die Charaktere, die in der scheinbar selben Beiläufigkeit eine (unausgesprochene) Entscheidung treffen, die womöglich ihr ganzes weiteres Leben verändert. So ist es auch gut, dass Linklater hier nur andeutet, was vielleicht sein wird und den Rest der Phantasie eines jeden Einzelnen überlässt. Auch wenn der Schluss ein wenig abrupt daherkommt, so ist dieses offene Ende doch wesentlich besser als jegliche (Auf-)Lösung. Im Prinzip ergeht es dem Zuschauer ähnlich wie den Journalisten zu Beginn, die Jesse wegen dem Schicksal seiner Romanfiguren löchern: Es bleibt jedem selbst überlassen, was er in das Ende hineininterpretiert.
Fazit: So ist "Before Sunset" meiner Meinung nach ein toller Film. Eine wunderbare Fortsetzung und ein berührendes Juwel, das ohne jeden Schmalz auskommt. Letztendlich sind diese 77 Filmminuten viel zu kurz, um vollends befriedigt zu sein von diesem Werk, das einem, lediglich über das gesprochene Wort, mehr Ahnung vom Verlauf eines Lebens vermittelt, als viele der Streifen, die die Lebensstationen ihrer Charaktere im Eiltempo abhandeln.
Sehr sehenswert und unvergesslich!
9/10 Punkten