Review

80 Minuten Dialog, ergänzt durch einen Spaziergang durch das sommerliche Paris in der Nähe von Notre Dame am frühen Abend. Das ist „Before Sunset“.

Knapp 10 Jahre ist es her, daß ich mich in „Before Sunrise“ verlief, einen Film über zwei junge Menschen, die sich zufällig im Zug begegnen und einen Tag und eine Nacht miteinander verbringen und reden, reden und nochmals reden. Ich war selbst so alt wie die Figuren des Films und der warm- und offenherzige Umgang mit den realistischen Figuren war einfach sympathisch. Am Ende trennte man sich, um sich in sechs Monaten wieder zu begegnen und der Film klang aus mit Bildern von Orten in Wien, wie Schnappschüsse, Orte an denen man während der Handlung gewesen war.

Szenenwechsel. Neun Jahre später. Umgekehrte Vorzeichen.
Richard Linklater ist zurück. Oder bzw. ist er jetzt in Paris. Und er zeigt uns die Orte des Films gleich zu Beginn, noch bevor er zu seinen, zu unseren Figuren zurückkehrt. Jesse ist Autor eines Erfolgsbuches und der Inhalt ist seine und Celines Geschichte. Der Schluß blieb offen. Er wird gefragt, was geschehen ist. Er bleibt vage.

Kurz darauf steht Celine in der Buchhandlung neben ihm. Sie hat das Buch gelesen. Sie war sechs Monate nach ihrer Trennung nicht am vereinbarten Platz. Er schon. So also war das Ende, so hatte man es wohl befürchtet.
Jetzt bleibt nicht viel Zeit. Jesse ist verheiratet, hat einen Sohn. Celine hat eine Beziehung. Das Flugzeug geht bald, es bleibt eine knappe Stunde. Zeit für einen Spaziergang und ein Gespräch, einen Kaffee und eine Zigarette. Eine Bootsfahrt und eine Autofahrt. Und für einen selbstgeschriebenen Song.

Auch ich bin neun Jahre älter geworden und immer noch im gleichen Alter. Linklater erzählt seine persönliche Geschichte weiter, zieht Bilanz. Und lebt doch den Moment. Das Gespräch an sich entwirft das Leben danach. Nach der Begegnung. Man hat viel erlebt, viel gemacht, viele Liebschaften gehabt. Man hat sogar nebeneinander gelebt, sich ev. sogar gesehen, sich verpaßt.
Sich verpassen, ein wichtiges Thema. Verpaßte Chancen. Eine hingeworfene These. Die entscheidende Frage. Was wäre wohl aus uns geworden?

Federleicht umschwirrt die Kamera die beiden Protagonisten, ebenso ist ihre Unterhaltung, es geht ums Leben, um Philosophie, um Sex, den man hat oder nicht hat oder hatte und gern hätte.
Und doch ist hinter allem der Druck spürbar, das Glück, die Möglichkeit, die zweite Chance.
Wir haben 60 Minuten und keine Chance, also nutzen wir sie.
Beide sprechen und meinen etwas anderes, der Gefühlssturm rauscht im Hintergrund mit. Das Ungesagte ist wichtiger, es drängt an die Oberfläche. Aber man läßt es nicht raus. Der andere weiß es sowieso. Gefühl ist wichtiger als Sprache, deswegen reden wir, als ginge es um unser Leben.

Schließlich als die Uhr abläuft: das Geständnis. Der Stand der Dinge. Die Wahrheit. Es ist nicht alles schön, alles gut, alles toll. Der jeweils andere ist schuld. Und auch wieder nicht. Keine Schuldzuweisung ohne sofortige Entschuldigung. Jedenfalls geht es beiden beschissen. Und die Minuten ticken dahin. Ein letzter Blick in ihre Wohnung, wie sie lebt, ein Tee, ein selbstgeschriebener Song. Wir haben es schon immer gewußt, wovon er handeln wird. Im Hintergrund beginnt Nina Simone zu singen. Für eine Sekunde ruht das Gespräch, kommt man voneinander ab, ist man das erste Mal ganz bei sich. Zusammen.

Der Augenblick ist da. Sie steht im Raum. Er sitzt auf dem Sofa. Sie sagt etwas. Er antwortet.
Abschied?
Nein!
Abspann!

Wir fallen über den Rand der Welt. Neun Jahre mit einem Fragezeichen. Was mag da bloß geschehen sein? Danach, nach Wien? Wir bekamen es eingelöst und gehen mit einem neuen Fragezeichen. Was wird passieren? Was ist passiert? Damals, jetzt, gestern, im Kino, in Paris?

Diese Geschichte ist nicht zuende, Mr.Linklater, das kann nicht sein.
Ich weiß zwar nicht, was passiert ist – aber ich warte noch mal neun Jahre. Oder zwölf. (8/10)

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