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Ehe Buddy Movies und übermenschliche Actionhelden das Ruder im Polizeifilm der 80er übernahmen lieferte Daniel Petrie zu Beginn des Jahrzehnts noch einen Genrevertreter ab, der klar den desillusionierten Geist der 70er atmet.
Nicht umsonst darf man eine Blaxploitation-Ikone der 70er in der Auftaktsequenz erleben, die aber hier nicht die coole Black Power verkörpert, sondern das typische Elend des amerikanischen Armenghettos: Die Prostituierte Charlotte (Pam Grier), die zwei Cops grundlos erschießt. „Fort Apache: The Bronx“ erklärt ihr Handeln nie genau, ihre Drogensucht und offensichtliche psychische Störung lassen sie mörderisch werden. Die Cops bleiben nicht die einzigen Opfer, das Verbrechen mangels eines rationalen Motivs noch sinnloser als es eh schon ist – und es wird trotzdem Auslöser einer Gewaltspirale.
Denn die Tat fällt mit dem Antritt eines neuen Captain zusammen, der das Verbrechen schnell aufklären will und dabei für harte Maßnahmen gegen die Bewohner der Bronx plädiert – früher oder später würden dabei schon jemand gestehen. In dem Trubel befinden sich auch der alternde Cop Murphy (Paul Newman) und sein Partner Corelli (Ken Wahl)…

Manchmal kann das Casting eines starken Hauptdarstellers Fluch und Segen zugleich sein. Paul Newman ist hier eine Bank als desillusionierter, realistischer, aber auch leicht ausgebrannter Cop. Dagegen wirkt der spätere B-Actionheld Ken Wahl ein bisschen blaß, auch Danny Aiello als Brutalo-Cop kommt nicht ganz mit, es sind eher die weiblichen Castmitglieder, die dagegenhalten können: Pam Grier als vollkommen durchgedrehte Bordsteinschwalbe und Rachel Ticotin als Krankenschwester und spätere Freundin Murphys. Doch das ist nicht das Problem des Castings.
Stattdessen ist es das daraus resultierende Problem, dass „The Bronx“ zwei Filme gleichzeitig sein will: Ein episodisches Stimmungsbild des harten Alltags in der kriminellen Bronx (für eventuelle Beleidigungen der ehrlichen Bronx-Bewohner entschuldigt sich eine Texttafel zu Beginn des Films) und die Geschichte Murphys. Beide Teile des Films ergänzen sich oft, spielen teilweise famos ineinander, laufen an vielen Stellen aber auch aneinander vorbei. Gerade dann, wenn es um die Nebenfiguren geht, wird der Film wahlweise brillant oder redundant. Ersteres etwa, wenn die Dienstübernahme des Captains ansteht und dieser seinen Vorgänger der Faulheit bezichtigt, dieser aber eher als nüchterner Realist dasteht, der nur über ein Dezernat voller meist Strafversetzter gebieten konnte (die Cops zweiter bis dritter Klasse), was sein Nachfolger noch lernen muss. Letzteres etwa in den Szenen Corellis mit seiner Freundin, da diese zwar viel Screentime einnehmen, die beiden Figuren mangels Charakterisierung aber nie so wirklich interessieren.

Dabei verwebt das Drehbuch die verschiedenen wiederkehrenden Figuren und Elemente des Films an sich geschickt. Immer wieder kreuzt Charlotte die Wege anderer, das Verbrechen bleibt dennoch ungelöst, weil eben kein deus ex machina hier für das nötige Glück durch Zufall sorgt, jede Aktion und Reaktion im Film lässt sich auf den anfänglichen Mord zurückführen. Doch leider kann der Film die Raffinesse und den Einfallsreichtum des Konzepts nie so ganz präsentieren, was vielleicht an Daniels Petries braver, bodenständiger und daher kaum gewagter Regie liegen mag oder eben daran, dass Murphys Parts vielleicht ein wenig zu sehr den Fokus vom Rest ablenken (was eben daran liegen könnte, dass man einem prominenten Hauptdarsteller auch den Löwenanteil der Leinwandzeit geben könnte).
Auf Action wird weitestgehend verzichtet, die wenigen Szenen sind spannend, aber realistisch und bodenständig – und von der Idee durchzogen, dass Polizeigewalt nur punktuell etwas bringt. Denn „The Bronx“ ist durch und durch desillusioniert: Die Resignierten behalten hier recht, Gewinner sind die trotzdem nicht. Murphy sieht die Einstiche in den Kniekehlen seiner Freundin nach der ersten Nacht, sagt aber lange Zeit nichts. Nach einem Gespräch ist er bereit ihr diesen gelegentlichen Urlaub, wie sie das ganze nennt, durchgehen zu lassen, ehe sie an einer Überdosis stirbt, die Drogendealer ihr absichtlich wegen ihrer Beziehung zu Murphy verkaufen. Später wird Murphy die Mörder zwar richten, aber – und das ist das wahrhaft Bittere – in einem anderen Kontext, da er nie erfahren hat, dass man seine Holde bewusst vergiftete.

Es bleibt ein sperriger Polizeifilm, dessen melancholisch-resignierte Stimmung man ebenso bewundert wie das geschickt mit seinen Figuren jonglierende Drehbuch, der aber leider auch etwas tempoarm und falsch gewichtet in der Aufteilung seiner Erzählstränge wirkt – vielleicht hätte ein anderer Regisseur mehr aus dem Buch herausgeholt.

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