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Dass moderne Kriegsfilme aus der USA in letzter Zeit mit Vorsicht zu genießen sind, ist wohl kein Geheimnis mehr. Entweder überschlägt sich ein unrealistischer CGI-Effekteregen oder der amerikanische Patriotismus ist so lächerlich aufgezwungen, dass es schon weh tut - im schlimmsten Falle passiert beides. Mit "Pearl Harbor" folgt ein weiterer Fließband-Schundfilme dieser Güteklasse - und man glaubt es kaum: der Verbrecher des Drehbuchs ist niemand geringerer als "We Were Soldiers"-Regisseur Randall Wallace.
"Pearl Harbor" setzt ein im Jahre 1941, also zur Zeit des zweiten Weltkriegs, und fokussiert sich auf die zwei Hauptcharaktere Rafe McCawley (Ben Affleck) und Danny Walker (Josh Hartnett), die sich beide schon seit Kinderzeiten kennen und beste Freunde sind. Beide sind sie Piloten für die Royal Air Force und planen für ihr Land in den Krieg zu gehen. Rafe lernt vor seiner Versetzung nach Hawaii die Krankenschwester Evelyn Johnson (Kate Beckinsale) kennen, in die er sich verliebt. Eine Romanze entsteht, die nicht von langer Dauer ist, denn bei einem Einsatz wird Rafe über dem Meer abgeschossen und gilt als tot. Als Danny Evelyn die Nachricht überbringen will, merkt er, welch starke Gefühle er für sie hegt und nach einer gewissen Zeit verlieben sich beide. Was sie nicht wissen können ist, dass Rafe überlebt hat und von Fischern gerettet wurde. Als er zurückkommt und entdeckt, dass sein bester Freund und seine Traumfrau eine enge Bindung geschlossen haben, dreht er förmlich durch. Doch ein viel größeres Problem wartet auf die drei, denn der Angriff auf Pearl Harbor durch die Japaner erfolgt überraschend und Rafe und Danny riskieren ihr Leben im Kampf um die amerikanischen Schiffe.
Wer davon ausgeht, dass es sich bei "Pearl Harbor" um einen Kriegsfilm handelt, wird leider schnell resignieren müssen. Denn alleine die ersten 90 Minuten verschwendet der Film für eine gekünstelte und schwache Liebesgeschichte zwischen Rafe und Evelyn, die so klischeehaft und arm an sinnvollen Dialogen ist, dass das Schmalz aus allen Öffnungen schießt. Dazu kommen dutzende von unnötigen und pubertären Szenen, die leider schon unfreiwillig lächerlich wirken. Als Paradebeispiel kann man die Balzversuche der hirnamputierten Piloten nennen, die alles andere als witzig wirken, auch wenn es wohl so geplant war. Auch die Krankenschwestern geben sich alle Mühe, dümmlich zu wirken, was auch auf Anhieb prima klappt. Und das nimmt sofort jeden Ernst aus der Thematik Krieg, was man besser hätte vermeiden sollen. Eine ausgelutschte und nicht einmal gefühlsstarke Romanze passt einfach nicht zu einem Film, der über den grausamen Krieg und seine Folgen aufklären und dann auch noch bewegen will. Stattdessen kommt der Streifen mit äußerst obligatorischen und blöden Dialogen aus dem Baukasten an. Die abgespulten Floskeln und das bedeutungsschwangere und hohle Gebrabbel geht tierisch auf die Eier ... oder ermüdet den Zuschauer zumindest enorm. Gefühle und Emotionen wirken dann leider auch noch alle komplett gekünstelt, was die ganze Story und auch die Charaktere äußerst unrealistisch und fadenscheinig macht.
Richtig peinlich wird es dann nach dem Angriff auf Pearl Harbor, wenn die Amerikaner mal wieder auf beleidigte Leberwurst machen und mit ihrem patriotischen Gesülze anfangen. Da kommt dann jeder mal dran, und respektabel übertrifft einer den anderen im Gülleschwafeln. Den Klimax finden diese Peinlichkeiten in den armseeligen Reden von Mister President höchstpersönlich. Ein Amerikaner mag das nicht so eng sehen, aber für das internationale Publikum wirkt das nicht nur peinlich, sondern auch äußerst ärgerlich und nervend. Und als ob das nicht schon reicht, kommt auch noch die heroische Komponente ins Spiel, und am Schluss sind wie immer alle Helden...außer die Japaner, die gelackmeierten Loser vom Dienst.
Auch in Sachen Realismus ist der Film eine wahre Enttäuschung. Es ist schon faszinierend, wie viel unser Herr Affleck einstecken kann. Überlebt er doch mal locker zwei normalerweise fatale Flugzeugabstürze und hat hinterher immer noch die Power, den großen Maker raushängen zu lassen. Einige adrenalinfördernde Flugzeugstunts sieht man sich gerne an, dennoch bleibt die Ernüchterung, dass einige davon äußerst übertrieben und unrealistisch sind. Der Krieg wird nie ernst dargestellt, sondern vielmehr als Spielwiese für Affleck und Co, die immer schön beweisen müssen, was sie draufhaben. Das qualvolle Sterben einiger Soldaten und auch die Romanze zwischen Rafe und Evelyn wissen trotz Bemühungen nie emotional zu berühren. Allein wenn Danny am Ende stirbt, entsteht ein kurzer Moment der Trauer. Ergo: "Pearl Harbor" ist kein Kriegsfilm...und erst recht kein Antikriegsfilm.
Die Schauspieler geben sich recht mau und es stellt sich die Frage, wieso bei einem Film, der in jeder noch so kleinen Nebenrolle mit Superstars besetzt ist (zu nennen unter anderem sind Tom Sizemore, Dan Aykroyd oder James King), keiner in der Lage war, auch talentierte Darsteller für die Hauptpersonen zu finden. Sowohl Affleck, als auch Hartnett geben sich äußerst lahm in der Darstellung ihrer Charaktere und die ansonsten vorzeigbare Kate Beckinsale agiert ebenfalls eher schlecht als recht und verbleibt als blasse Figur ohne Leben. Die Charaktere selber sind monoton und kalt, auch wenn man wahrscheinlich genau das Gegenteil versucht hatte. Die Gefühle der Hauptpersonen kommen einfach nicht rüber und so bleiben Holzpuppen, die weder innovativ, noch interessant anzusehen sind.
Nach all der Kritik gibt es dann doch noch ein paar gute Aspekte. Zuerst sei der respektable klassische Soundtrack genannt - zwar auch etwas heroisch angehaucht, aber zumindest sorgt der für etwas stilistische Atmosphäre. Michael Bay schafft es zumindest in den Actionszenen ein paar äußerst gelungenen Aufnahmen zu präsentieren. Einige Kameraeinstellungen und -fahrten sind prima gelungen und machen zumindest wenige Minuten des Films sehenswert. An der Action gibt es allgemein nicht viel zu bemängeln, denn die ist super inszeniert und mit all ihren Explosionen, Mündungsfeuern und zerbombten Fliegern äußerst attraktiv. Das war es dann aber auch schon, und für die 15 Minuten muss sich keiner einen total überzogenen, drei Stunden langen Humbugfilm ohne Tiefe ansehen.
In "Pearl Harbor" mutiert der Krieg zum Affentheater, das alle totgewünschten patriotischen und heroischen Floskeln wieder und wieder aufwärmt. Bay weiß einfach nicht, wann ein gewisses Maß erreicht ist und wie er einzelne Teile richtig abwiegen muss. Es bleibt eine gefühlskalte und klischeestrotzende Lovestory, die auch als Bahnhofsschundroman durchgehen könnte - mit schwachen Akteuren und einer dramaturgischen Qualität, die selbst mit dem Elektronenmikroskop schwer zu finden sein dürfte. Leider wieder mal Hollywood-Mainstream in unverdünnter Reinkultur...ohne irgendwelche Innovationen oder Überraschungen. Na dann Herr Bay, Glückwunsch zu dieser tollen Leistung!

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