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„Die meisten Menschen, die glauben nicht, dass es noch Helden gibt heutzutage. Drauf geschissen!“

Nach drei Kurzfilmen aus der ersten Hälfte der 1970er hievte Regisseur George Miller mittels einer abendfüllenden Low-Budget-Produktion sein Heimatland Australien wie aus dem Nichts auf die Karte der Kinonationen: „Mad Max“ war geboren, begründete das Endzeitaction-Genre und machte Hauptdarsteller Mel Gibson zum Star.

„Dieser Teufelszirkus da draußen... fängt an mir zu gefallen!“

In naher Zukunft beherrschen Gestalten wie der „Nightrider“ (nicht zu verwechseln mit dem Hoff’schen „Knight Rider“, Vincent Gil, „Snapshot“) und der „Toecutter“ (Hugh Keays-Byrne, „Les Patterson rettet die Welt“) die Straßen der australischen Outbacks: Wahnsinnige, skrupellose motorisierte Verbrecher, die sich längst aus aller gesellschaftlichen Ordnung verabschiedet haben und sich im Krieg mit der Polizei befinden. Als der idealistische Bulle Max Rockatansky (Mel Gibson, „Summer City“) den Nightrider zur Strecke bringt, schwört dessen marodierende Bande Rache. Sie stellt Max‘ Kollegen Jim Goose (Steve Bisley, „Summer City“) eine Falle und verbrennt ihn bei lebendigem Leibe. Daraufhin spielt Max mit dem Gedanken, den Dienst zu quittieren und nimmt sich mit seiner Familie erst einmal eine Auszeit. Auf dem Weg ins Urlaubsdomizil treffen sie jedoch auf Toecutter und seine „Höllenjockeys“. Sie töten Max‘ kleinen Sohn und verletzten seine Frau Jessie (Joanne Samuel, „Frost“) schwerstens. Nun dreht Max den Spieß um und startet einen unerbittlichen Rachefeldzug gegen die Mörderbande…

„Noch eine Zeitlang da draußen auf den Straßen und ich bin so wie die: ein unheilbarer Wahnsinniger!“

Radiogequatsche? Mitnichten. Schnell wird deutlich, dass es sich bei den Stimmen um den Polizeifunk handelt, den ein Verbrecher nutzt, der in einem gestohlenen Einsatzwagen unterwegs sind. Er gibt sich als Nightrider zu erkennen und foppt sämtliche Kräfte der Exekutive, bis er in Max seinen Meister findet. Karge Landschaften und leere Straßen, die zum Schauplatz irre vieler Stunts bereits zum Filmauftakt werden – das ist die nicht näher bezeichnete Zukunft in „a few years“, die dann doch nicht ganz so aus dem Nichts kam wie eingangs beschrieben: Actionreiche Dystopien gab es bereits zuvor („Death Race 2000“), Selbstjustizreißer ebenfalls, vor allem aber den Italo-Western. An diesen erinnert „Mad Max“ mit seinen weiten, tiefen Bildern und seinem wortkargen, gnadenlosen, doch auch verletzlichen Rächer ungemein. Pferde und Kutschen wurden durch Motorräder und Autos ersetzt, doch wenn eine Biker-Gang in die Stadt einfällt, ist’s als würde eine Bande Schurken gleich den Saloon unsicher machen. Während zahlreiche europäische Western den mörderischen Überlebenskampf im Frühkapitalismus und das Recht des Stärkeren illustrierten, zeigen Miller & Co. den Rückfall in diese Zeit und die allgemeine Verrohung der Gesellschaft nach dem Versagen des Spätkapitalismus. Eine greifbare politische Hintergrundebene fehlt indes, das Drehbuch hält sich nicht mit etwaigen Erklärungen auf, was genau geschehen ist, was zu dieser Anomie geführt hat, die fälschlicherweise mit Anarchie gleichgesetzt wird, woraus sie sich speist, wie ein offenbar zumindest noch in Grundzügen vorhandener Staat organisiert ist usw.

„Nur weil ich ’ne Bronzeplakette trage, bin ich einer von den Guten...“

Stattdessen exerziert der Film anhand der Duellanten ein blutiges Hochschrauben der Gewaltspirale, die der perfiden Logik des Terrors und des Hasses folgt, durch, in der sich Max in Sachen Verrohung und Gefühlslosigkeit seinen Gegnern anpassen muss, um zu überleben und – vielleicht – Befriedigung zu finden, Genugtuung, Ruhe. Dem vorangestellt sind jedoch ermüdende, übertrieben betont sentimentale Szenen einer Familienidylle, die Max‘ Verlustschmerz umso verständlicher machen sollen, jedoch in erster Linie verdeutlichen, dass Miller die Finger von derlei Kitsch lassen sollte. Sogar das Kleinkind, das von seinen Eltern gern mal vergessen wird, erweist sich als unrealistisch pflegeleicht. Diese Szenen sind einer der Schwachpunkte des Films.

Von manch Kritiker und Skeptiker wurde bzw. wird Max‘ Rachefeldzug mit sinnloser Gewaltverherrlichung in Verbindung gebracht, mit einem reaktionären Statement pro Selbstjustiz. Tatsächlich lässt sich der Film auf diese Weise lesen, so man ihn denn so lesen möchte. Mit seinem zynischen Ende, das Max endgültig zum kranken Mörder, zum Täter, keinen Deut besser als seine Opfer, macht, geht jedoch keine positive Konnotation dieser Max’schen Charakterzüge einher, die erhoffte Katharsis bleibt aus und es darf bezweifelt werden, dass Max seinen Frieden gefunden hat. Dass „Mad Max“ damit auf den einen oder anderen Zuschauer unbefriedigend wirkt, mag intendiert gewesen sein, vielleicht auch nicht – zumindest nicht in dieser Form –, hatte auf den Verfasser dieser Zeilen jedenfalls eher verstörende denn nachdenklich stimmende oder gar behagliche Wirkung.

Wie bereits andere ambitionierte Underground-Filmer vor ihnen bewiesen auch Miller und sein Team, wie viel bei einem geringen Budget möglich ist, sofern man über genügend Ambitionen, Willen und Kreativität verfügt. „Mad Max“ präsentiert sich aufs Wesentliche beschränkt und wird stringent erzählt, dabei jedoch in ein das Genre prägendes Erscheinungsbild getaucht: Die Kameraarbeit besticht mit verschiedensten Perspektiven und Überblendeffekten und fängt die Stunts ebenso stets perfekt ein wie den extrem organischen Dreck, der die Handlung begleitet: Blut, Schweiß und Kettenfett, mal mehr, mal weniger überdeckt von der nahen Zukunft eine interessante Straßenmode zuschreibenden Kostümen. „Mad Max“ ist rau, ruppig und karikierend überzeichnet, ohne dabei lustig sein zu wollen – und damit ein unheimlich relevantes Stück Populärkultur gewordenes Underground-Kino, das schließlich auch den Mainstream verändern sollte.

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