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Mad Max - Dystopie als puristische Kinoerfahrung

Der erste Mad Max Film George Millers ist ein Rohdiamant des dystopischen Kinos, ungeschliffen, rau, kompromisslos. Ein visuelles Kraftpaket, universell verständlich, kulturell beträchtlich und sein Subgenre definierend.

Dystopische Filme sind so alt wie das Kino selbst. Die Angst vor einer negativen Zukunft, die sich aus gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart speist, findet sich bereits in Fritz Langs Metropolis von 1927. Wie das Horrorkino verhandelt auch der dystopische Film menschliche Urängste, wie jene vor dem Unbekannten, dem Unausweichlichen. Konkret das oftmals ohnmächtige Gefühl einer ungewissen Zukunft entgegen zu steuern, in der alles schlechter ist als der Status Quo. Einer Zukunft, die nicht aufzuhalten ist, eben weil die gegenwärtige Gesellschaft und die gegenwärtige Politik die Augen verschließen und schnurstracks ins Verderben steuern. 

Der dystopische Film zeigt dann das Ergebnis dieser Entwicklungen und Tendenzen, seien es totalitäre Regime (1984, Equilibrium, Dredd), Ausbeutung und Unterdrückung (Fahrenheit 451, Escape from New York), die unkontrollierbare Macht von Maschinen und Computern (The Terminator, Matrix, I, Robot), die Ausbeutung und Schädigung der Umwelt (Silent Running, Soylent Green, Waterworld), die Pervertierung diverser Unterhaltungsformate (Rollerball, Running Man, The Hunger Games, Ready Player One), die Hybris von Forschung und Wissenschaft (I am Legend, Total Recall, Blade Runner) oder die menschliche Kriegs- und Selbstzerstörungslust (Planet of the Apes, Children of Men, Oblivion). 

Häufig gib es Mischungen diverser Topoi, die Unterformen verschwimmen und verschmelzen gewissermaßen zu einer dystopischen Melange. Allen gemein ist aber ein pessimistisches Menschenbild, eine fatalistische Grundeinstellung, fast schon eine Resignation. Andererseits haben Dystopien auch etwas progressives, etwas proaktives im Sinne einer eindringlichen Warnung, dass es so weit nicht kommen darf. Sie legen den Finger in die Wunden aktueller Missstände, indem sie ihr potentielles Resultat kräftigst ausmalen. 

Kochen nach Dystopie-Rezept

Einer der in dieser speziellen Ausformung des Science-Ficion-Genres tiefe Spuren hinterlassen hat, ist der Australier George Miller. In seiner inzwischen auf fünf Filme angewachsenen Saga um den postapokalyptischen Outlaw Max Rockatansky plus Epigonen, hat er es über Genregrenzen hinaus zu Klassiker- und Kultstatus-Ehren gebracht. Bereits im ersten Film von 1979 finden sich wesentliche Zutaten der filmischen Dystopie-Rezeptur. In einer nicht näher definierten und datierten dystopischen Zukunft terrorisieren marodierende Bikerbanden das Land. Die Polizei ist gegen die anarchische Gewalt auf den Straßen und in den heruntergekommene Stadtvierteln weitgehend machtlos und begegnet den Zuständen ihrerseits mit äußerster Brutalität. Auf den verlassenen Highways des ländlichen Australien liefern sie sich Hochgeschwindigkeits-Duelle, die nicht selten in Explosionen und tödlichen Unfällen kulminieren. Titelheld Max (Mel Gibson) klammert sich verzweifelt an Werte wie Anstalt und Moral, kapituliert aber schließlich auch vor der gleichsam nihilistischen wie lustvollen Grausamkeit der Gesetzlosen und wird zu ihrer Nemesis.

Primat des Visuellen oder ein Stummfilm mit Ton

Mad Max schlug 1979 wie eine Bombe ein und spielte das 285-fache (100 Millionen US-$) seines Budgets ein. Viele Kritiker gaben sich allerdings entsetzt ob der expliziten Grausamkeiten, warfen Miller Sadismus vor und brandmarkten ganz allgemein den exploitativen Charakter des Films. Zimperlich geht es tatsächlich nicht zu. Da werden Menschen in Frontalzusammenstößen getötet, von Motorrädern und größeren Vehikeln überfahren, bei lebendigem Leib angezündet, amputiert und angeschossen. Miller hat hier nach eigenem Bekunden seine Erfahrungen als Unfallarzt verarbeitet und eingebracht, was sicher einen Teil der Explizitheit erklärt. Er wollte aber auch ein Seherlebnis schaffen, das global dekodiert werden kann: 'I wanted to create a silent movie with sound, a movie that could be understood without subtitles in Japan(1). Dieser Primat des Visuellen, von Miller auch als „pure cinema“ bezeichnet, ist eine der großen Stärken von Mad Max und nicht unwesentlich für Erfolg wie Langlebigkeit des Films. Die kaputten Strukturen der gezeigten Gesellschaft, das Verschwimmen der Grenzen zwischen Recht und Ordnung auf der einen sowie Anarchie und Zerstörungswut auf der anderen Seite, Max aufrichtige Liebe zu seiner Familie sowie seine Hinwendung zum Vigilantismus, all das erklärt sich allein durch die Bilder, den dazugehörigen Dialog bräuchte es gar nicht.

Denn Miller ist ein begnadeter visueller Erzähler, einer der seine Vision mit Leidenschaft und Wucht vorträgt. Die Actionsequenzen in Mad Max sind der klarste Beleg. Ohne offizielle Erlaubnis lies er die Fahrzeuge über die australischen Highways rasen und spektakuläre Unfälle filmen. Seine Leidenschaft für Chase-Filme wie Bullitt, The French Connection und Duel wird in vielen Sequenzen deutlich, die den Rausch und die Grenzerfahrung hoher Geschwindigkeiten unmittelbar vermitteln. Und was das Stuntteam, vor allem angesichts des lächerlich schmalen Budgets, ableistet, ist auch nach heutigen Maßstäben überaus beeindruckend.

Western-Motive und Helden-Inkarnation

Wie erfolgreich Millers Ansatz einer universell verständlichen Action-Dystopie war, belegen auch die internationalen Reaktionen zum Release: „In Japan, they said Mad Max is a lone rogue samurai. A ronin. (…) In Scandinavia they said, “He’s like a lone Viking!” And the French said that “Mad Max” is like a Western on wheels.“ (2) Die motivische Western-DNA ist dabei die offensichtlichste und die wirkungsmächtigste. Millers Welt zeichnet eine raue, feindliche Umwelt, in der Banditen plündern, rauben und morden. Ihr Revier sind die endlos erscheinenden, einsamen Straßen, die sich durch nicht minder endlose, staubige Ebenen ziehen. Die vorhandenen Vertreter des Gesetzes verfügen weder über die Ressourcen noch das Personal, um das marodierende Treiben einzudämmen. Da muss schon ein einsamer Revolverheld auftauchen - der hier erst seine Initiation erlebt - , ein mythischer Rächer, um dem Bösen die Stirn zu bieten. Mad Max ist eine postapokalyptische Ausformung von Leones Mann ohne Namen, dessen Metamorphose vom Mann zur Legende dann auch mit dem ersten Sequel (Mad Max 2, 1981) vollumfänglich vollzogen wird.

Mel Gibson ist die perfekte Inkarnation für diese ikonische Figur, da man ihm sowohl die menschliche wie auch die mythische Komponente abkauft. Hinter den strahlend blauen Augen und dem freundlichen Äußeren schlummert eine Urgewalt, die sich bei Bedarf oder angesichts bestimmter Trigger in eruptive, auch irrationale Gewaltausbrüche entladen kann. Seine spätere Paraderolle als LAPD-Cop Martin Riggs in der Lethal Weapon-Serie funktioniert - wenn auch in familientauglicher Ausprägung - exakt nach diesem Schema. In Mad Max ist er in diese Hinsicht noch ein ungeschliffener Rohdiamant, wie auch der Film an sich.

Diese rohe, unfertige Anmutung mag der Unerfahrenheit Millers und den begrenzten finanziellen Mitteln geschuldet sein, für die Wirkung des Films ist sie ein Glücksfall. Sämtliche Essenzen wie Symbolismus, Nihilismus, Pessimismus, Aggressivität und Rigorosität kommen ungeschönter, ungefilteter und damit unmittelbarer beim Zuschauer an. Die Wucht der Erzählung hat freie Bahn, jagt gewissermaßen über die leergefegten Straßen. Hindernisse in Form von Hinwendungen zu konventionelleren Darbietungen, zu etablierteren Sehgewohnheiten sind weit und breit nicht in Sicht. "Pure cinema" eben.

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(1) https://www.nfsa.gov.au/latest/mad-max-director-george-miller

(2) https://www.newyorker.com/culture/the-new-yorker-interview/what-george-miller-has-learned-in-forty-five-years-of-making-mad-max-movies


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