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Mad Max II - Der Vollstrecker

Das erste Mad Max-Sequel setzte gleich mehrere Maßstäbe, für den dystopischen Film, den dystopischen Helden und den dystopischen Look. Für eine typische Endzeit brauchte es fortan nichts weiter als Wüste, Leder, Steampunk und Motoren.

 „Mad Max 2“ fängt exakt da an, wo der Vorgänger ("Mad Max", 1979) aufhört und ist dennoch ein völlig anderer Film. Gab es zuvor noch so etwas wie Reste der Zivilisation in Form von urbanen Strukturen und einem zumindest noch halbwegs funktionierenden Polizeiapparat, gleicht das Land nun innerlich wie äußerlich einer Wüste, in der Anarchie, Trostlosigkeit und Barbarei um die Pole Position konkurrieren. In diesem „Wasteland“ sind Nahrungsmittel, Munition und Benzin die einzigen Güter von Wert, denn nur sie entscheiden, wer überlebt. Der daraus resultierende Kampf ist ein existentieller, es gilt einzig das Recht des Stärkeren. 

Max Rockatansky (Mel Gibson) hat sich dieser menschenfeindlichen Umgebung nicht nur angepasst, er ist gewissermaßen mit ihr verschmolzen. Als „Road Warrior“ (so auch der Originaltitel) rast er über die einsamen Highways der sonnenverbrannten Ödnis, immer auf der Suche nach der nächsten Gallone, immer in Bewegung, immer auf der Jagd. Ein Ziel oder eine Bestimmung hat er nicht, seine einzige Mission ist der volle Tank seines schwarzen V8 Pursuit Special. Ein hochgetuntes stählernes Schlachtross für die apokalyptische Prärie.

Postapokalypse als Ausgangspunkt

Während „Mad Max“ noch mit dystopischen Motiven spielte, gewissermaßen das postapokalyptische Feld bestellte, ist „Mad Max II“ Dystopie pur. Regisseur und Autor George Miller vollzieht diesen harten Bruch gleich zu Beginn mit einer geschickt montierten Schwarz-Weiß-Collage. Dabei mischt er Bilder des ersten Films mit realen Aufnahmen von Krieg, Aufruhr und Zerstörung und erzählt damit im Stil eines Videoclips von der globalen Katastrophe, die zu Umweltzerstörung, Ölknappheit und schließlich dem Ende jeglicher Zivilisation führte. Mel Gibsons leerer Blick hinter dem Steuer seines Streitwagens steht sinnbildlich für all die Barbarei und Hoffnungslosigkeit dieser postapokalyptischen Welt. Er weiß, was ihn erwartet und wir als Zuschauer wissen es auch.

Ronin als Bezugspunkt

Der exorbitante Erfolg des Low-Budget-Vorgängers war völlig überraschend gewesen, auch für George Miller. Erst über die Rezeption erkannte er, wie er selbst sagt, dass er mit Mad Max einen Archetypen geschaffen hatte, der in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich interpretiert wurde. Eine besonders lustige Anekdote ist folgende: „In Japan, they said Mad Max is a lone rogue samurai. A ronin. They said, “You’ve watched a lot of Kurosawa movies, obviously.” And I said, “Who’s Kurosawa?”—I probably shouldn’t say that. And immediately I watched everything that he did, and of course they ended up in the second “Mad Max.(1)

Tatsächlich ist der Max des zweiten Films weit mehr ein Ronin - also ein herrenloser, umherwandernder Krieger - als sein früheres Ich aus dem Original. Dort hatte er noch ein Zuhause, eine Familie, einen Job, eine Mission. Und er war noch menschlich. Erst in den letzen zehn Minuten verwandelt er sich zum rücksichtslosen Vigilanten und legt damit den Grundstein für den späteren Mythos. In „Road Warrior“ ist diese Mythenwerdung bereits zu Beginn abgeschlossen, zumindest für die filmische Welt in der sich Max fortan bewegt. Der Zuschauer dagegen braucht etwas mehr als den entsprechenden Off-Kommentar plus Gibsons stahlharten Blick zum Auftakt. Und Miller liefert.

Action als Fixpunkt

Die anfängliche Verfolgungsjagd steckt das Terrain ab und steht sinnbildlich nicht nur für den folgenden Film, sondern für ein ganzes Subgenre, das daraus entstehen sollte. Wie ein Revolverheld bei Leone erledigt Max einen Trupp von Plünderern mit effizienter Kaltschnäuzigkeit und kalter Brutalität. Worte sind dabei überflüssig, das wummernde Brummen seines V8 und der krachenden Knall seiner abgesägten Schrotflinte sprechen eine eindeutige Sprache. Wenig später macht er einen befestigten Komplex aus, der von einer Horde von Benzin-Banditen belagert wird. Kühl analysiert er die Situation und sucht nach dem größtmöglichen Vorteil für sich selbst.

Die aus dieser Konstellation entstehenden, Kämpfe, Karambolagen, Verfolgungen und Stunts sind hinsichtlich Anzahl, Aufwand und Kreativität noch einmal eine klare Steigerung zum Original und hauptverantwortlich für den Ruf des Films als Klassiker des dystopischen Actionkinos. Erneut erweist sich Miller als virtuoser Action-Auteur, der mit und durch Bewegung erzählt. Die Actionszenen haben bei Miller eine eigene Dramaturgie, mit Exposition, Steigerung, Höhepunkt, retardierendem Moment bis hin zum Finale. Und dieses Finale hat es in sich. Angelehnt an Postkutschen-Überfälle im Western, montiert und inszeniert Miller ein Action-Inferno um, mit und auf einem hochgerüsteten Truck, der zudem mit Höchstgeschwindigkeit auf einem Wüstenhighway entlang brettert. Präsentiert wird das Ganze dann aus unterschiedlichen, Blickwinkeln und Kamerapositionen, bei denen vor allem die subjektive Perspektive den Zuschauer nicht nur an der Handlung teilnehmen lässt, sondern ihn regelrecht hinein saugt.

Mythenwerdung als Schlusspunkt

Mad Max 2“ setzte aber nicht nur hinsichtlich der Actioninszenierung Maßstäbe. Die bizarren Gefährte und Kostüme wurden zum Ausstattungsvorbild für zahllose Epigonen (u.a. "Steel Dawn“, 1987; „Waterworld“,1995). Am ehesten kann diese extravagante Optik noch als Mix aus Steampunk, Punk und S&M beschrieben werden, aber inzwischen reicht dafür schlicht der Begriff „Mad Max-Look“ und zumindest jeder Filmfan weiß Bescheid. Insbesondere das Fahrzeugdesign - wüste Zusammensetzungen aus verschiedenen Typen, (Schrott-)Teilen und Gebrauchsgegenständen aller Art - beeinflusste diverse Kreativköpfe von anderen PS-Franchises oder Computerspielen. Selbst bis in die Popmusik reichte der Einfluss. So sieht das Musikvideo zu Duran Duran „Wild Boys“ wie ein Mad Max-Trailer aus und Frankie Goes to Hollywood nannten ihren sozialkritischen Hit „Warriors of the Wasteland“.

Der popkulturelle Impact des ersten Mad Max-Sequels lässt sich also in vielen Bereichen aufspüren, aber bei der Hauptfigur ist er am relevantesten und signifikantesten. Mit dem „Road Warrior“ schufen Miller und Gibson den Archetypus des dytopischen Filmhelden, einen motorisierten Abenteurer, der schneller fährt und schneller schießt als alle anderen. Die Western-Bezüge treten noch deutlicher hervor als beim Vorgänger. Sieht man alle drei Filme mit Gibson in der Hauptrolle, dann wird zudem das Motiv der klassischen Heldenreise deutlich, womit sich der mythologische Kreis endgültig schließt. Ausgerechnet der archetypischste Mad Max-Film kann damit auch als Übergang gesehen werden. In „Mad Max 2“ ist er ein Suchender, ein Herrenloser, ein Ronin. Am Ende verschwindet er am Wüstenhorizont, eine Erlösung ist nicht in Sicht. Noch nicht.

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(1) https://www.newyorker.com/culture/the-new-yorker-interview/what-george-miller-has-learned-in-forty-five-years-of-making-mad-max-movies

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