Meiner Meinung nach hat Lamberto Bava seine besten Filme immer dann abgeliefert, wenn er darin die Arbeiten wesentlich talentierterer Regisseure als er selbst einer ist kopierte, namentlich vor allem die seines Vaters Mario Bava und die seines Mentors Dario Argento. LA CASA CON LA SCALA NEL BUIO, den ich für Bavas Meisterwerk halte, ist im Grunde nichts Anderes als eine Zitatsammlung, die sich freimütig bei den großen Klassikern des Giallo-Genres bedient. Gleiches gilt, wenn auch schon mit Abstrichen in der Qualitätsnote, für MORIRAI A MEZZANOTTE. Selbst zweitklassige Werke wertete Bava oftmals mit Szenen auf, die man so oder so ähnlich in anderen italienischen Horrorfilmen vorfinden kann, man denke beispielsweise nur an die Unterwasserszene in LA CASA DELL’ORCO, die eindeutig von Argentos INFERNO entlehnt wurde, zwar verständlicherweise nie die Wirkung erzielt, die sie im Originalfilm hat, aber nichtdestotrotz wesentlich kompetenter und interessanter inszeniert scheint als der gesamte Restfilm. Sobald Bava allerdings das heimische Terrain verlässt und sich nicht mehr beim Kanon des italienischen Horrorfilms als Ideenlieferant bedient, tendieren seine Filme dazu, in die tiefsten Fahrwasser des unterhaltsam-stupiden Trashs zu geraten, siehe das späte Jaws-Rip-Off SHARK ROSSO NELL’OCEANO oder den nach amerikanischem Vorbild inszenierten BLASTFIGHTER. Kein Wunder also, dass ich schon lange darauf warte, mir endlich Bavas LA MASCHERA DEL DEMONIO betrachten zu können, der ja schon in seinem Titel klar auf die Vorlage verweist, die ihm zugrunde liegt, eins der Meisterwerke seines Vaters Mario aus dem Jahre 1960 und einer der italienischen Horrorklassiker schlechthin. Wie schafft es Lamberto Bava, fragte ich mich, einen dreißig Jahre alten Gothic-Horror-Streifen in die Neuzeit zu versetzen, zudem im Rahmen einer der vielen TV-Produktionen, die er Ende der 80er fürs italienische Fernsehen drehte? Schafft er es überhaupt? Laut meiner obigen These müsste dabei ja, wenn nicht ein großer Film, so doch zumindest eines der besten Werke herauskommen, die Bava junior in seiner Filmographie stehen hat. Oder ist LA MASCHERA DEL DEMONIO am Ende doch die Ausnahme, die meine aufgestellte Regel in ihre Schranken verweist?
Der Anfang von LA MASCHERA DEL DEMONIO ist ein Traum, und gehört wohl tatsächlich mit zum Besten, wofür Lamberto Bava jemals als Regisseur verantwortlich zeichnete. Eine Gruppe junger Leute verbringt die Ferien zum Skifahren in den Alpen. Von Hubschraubern aus springen sie auf die schneebedeckten Gipfel und jagen einander die Abhänge hinunter. Unglücklicherweise scheint sie ihr jugendlicher Übermut blind genug zu machen, dass sie eine tiefe Spalte mitten im Eis übersehen, sodass sie allesamt, einer nach dem andern, in eine Höhle stürzen, aus der wieder heraus zu gelangen sich als eher schwieriges Unterfangen erweist. Es dauert nicht lange und man entdeckt einen seltsamen Klotz inmitten der Eishöhle, der langsam von selbst zu tauen scheint und schließlich eine kunstvoll verzierte Maske freisetzt, die derjenigen des Originalfilms relativ detailgetreu nachempfunden wurde.
Schon in dieser Anfangssequenz fallen mehrere Dinge auf. Einerseits hat Bava junior seinen Film natürlich in der Gegenwart der späten 80er angesiedelt und sich keines Gothic-Settings bedient, vielmehr die eigene Phantasie spielen lassen, und seine jugendlichen Protagonisten in eine unterkühlte, unterirdische Schnee- und Eislandschaft versetzt, deren Optik ich, da muss ich mich wiederholen, schlichtweg traumhaft finde. Kühles Blau und pelziges Weiß lassen den Zuschauer die Kälte förmlich spüren. Eine zweite Sache, die man schon in diesen ersten Minuten begreift, ist, dass Bava, so sehr er offenbar darum bestrebt war, dem Film einen großartigen Look zu verpassen, der einerseits eindeutig in den 80ern verwurzelt ist und andererseits dennoch ein leichtes, respektvolles Verbeugen vor dem Gothic-Horrorfilm der 60er darstellt, es bei den Charakteren, mit denen er sein Werk ausstaffierte, an so ziemlich allem fehlen ließ. Sicher erwartet niemand von einem italienischen Horrorfilm eine ausgefeilte psychologische Darstellung seiner Helden, allerdings hätte Bava auch nicht unbedingt einen derartigen Haufen unsympathischer und ausdrucksloser Figuren in die Eishöhle schicken müssen. Tatsächlich fällt es schwer, sich überhaupt die Namen und Gesichter der einzelnen Charaktere einzuprägen, da sie entweder als bessere Requisiten herumstehen, oder einem mit ihrem Verhalten auf die Nerven fallen. Das wird vor allem in dem Moment deutlich, als die jungen Leute sehen wie die Maske sich aus dem Eis schält. Einer der Herren hat da nämlich nichts Besseres zu tun als die Maske mit aller Gewalt dem Eis zu entreißen, mit ihr herumzualbern, sie sich vors Gesicht zu halten und quer durch die Höhle zu tanzen, während die meisten übrigen mit einstimmen, und scheinbar völlig vergessen haben, dass sie besser zusehen sollten, zurück ans Tageslicht zu klettern, oder sich zumindest um eins der Mädchen aus der Gruppe zu kümmern, das mit verstauchtem Knöchel neben ihnen auf dem Boden liegt. Man zeigt sich nicht mal besonders erschrocken, als sich die Maske als eine innen mit Stacheln besetzte entpuppt, und man feststellt, dass sie eigentlich auf das Gesicht einer gefrorenen, schon einige Zeit im Eis konservierte Frauenleiche gehört, die das unerklärliche Tauwetter nun ebenfalls an die Oberfläche holte. Erst ein Erdbeben, das einen Teil der Höhle zum Einsturz bringt, lässt unsre Helden nach einem ebenerdigen Ausweg suchen, und tatsächlich stößt man auf eine unterirdische Kirche, die offensichtlich mitten ins Ewige Eis hineingeschlagen worden ist.
Hat sich der Film bisher klar und eindeutig entwickelt, setzt Lamberto Bava von nun an neue Maßstäbe, was Konfusion und das Fehlen jeglicher Logik betrifft, wenn die Protagonisten auf einen blinden Priester stoßen, der in besagter Kirche heimisch ist, und vor einer Hexe warnt, die einst in dieser Gegend hingerichtet und dann im Eis begraben wurde, von Namen Anibas, und die ihre Henker mit einer Maske bestückten, die sie davon abhalten soll, als Untote ins Leben zurückzukehren. In einer Rückblende veranschaulicht uns Bava diese Hinrichtung erneut als eine relativ detailgetreue Kopie der Eröffnungsszene aus dem originalen LA MASCHERA DEL DEMONIO, womit die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Filmen allerdings schon enden, und sich das, was zunächst wie ein modifiziertes Remake aussah, als eine Hommage entpuppt, die nur die Grundhandlung aus dem Vorgängerfilm entlehnte, und von nun an eine eigene, wesentlich verworrenere Geschichte erzählt, in deren Verlauf der rote Faden, der die Ereignisse anfangs noch einigermaßen zusammenhält, irgendwann endgültig verlorengeht. Statt sich weiter beim Oeuvre seines Vaters zu bedienen, überrascht Lamberto stattdessen mit einigen Szenen, die mal mehr, mal weniger den Stempel anderer Regisseure oder Filme tragen. Dass er seinen eigenen DEMONI zitiert und dass manche Sequenz sehr an Fulci oder Argento erinnert, hat mich da weniger verwundert als Einzelszenen, die mich an amerikanische Horrorklassiker wie THE EXORCIST oder THE EVIL DEAD denken ließen. Typisch für den italienischen Horrorfilm, vor allem für den kurz vor seiner Grablegung, ist freilich, dass man sich ab einem bestimmten Punkt fragt, ob die Drehbuchautoren selbst die leiseste Ahnung davon hatten, worin nun eigentlich der Sinn der dargestellten Geschehnisse besteht. Spätestens nach einer Dreiviertelstunde wirft LA MASCHERA DEL DEMONIO sämtliche Logik über Bord. Bis dahin kristallisierte sich immerhin die Hauptfigur namens David heraus, der sich von den übrigen Mitgliedern seiner Skifahrergruppe dadurch auszeichnet, dass er sich nicht damit die Zeit vertreibt, dem blinden Pfarrer spaßeshalber ein Bein zu stellen, oder zwischendurch von Dämonen besessen zu werden, die mit der Loslösung der Maske von der Hexenfratze losgelassen wurden. Traum und Realität verwischen, und immer wenn man denkt, dass Bava seine unerschöpfliche Kreativität längst ausgereizt haben muss, übertrifft er sich mit dem nächsten Einfall wieder selbst. Grelle Lichtblitze, die kurzzeitig den Verdacht wecken, man habe versehentlich einen Luigi-Cozzi-Film vor sich, die nackten Brüste von Frauen, die in mittelalterliche Folterinstrumente geschnallt wurden, Flugungeheuer, Katzenrudel, die aus dem Nichts auftauchen und dann wieder verschwinden: Bava junior wäre nicht er selbst, wenn er nicht selbst einen zunächst klassisch und konventionell beginnenden Film wie diesen hier in einem Chaos versinken lassen würde, das einen vor die Frage stellt, ob man das alles nun genial oder schlichtweg schwachsinnig finden soll. Höhepunkt für mich ist die sexuelle Bekanntschaft Davids mit einer Kreatur, die eine Mischung aus der obligatorischen hässlichen Märchenhexe, einer Gottesanbeterin und einer Ente zu sein scheint: eine Szene, die jeder Beschreibung spottet, eine wahre Apotheose des Trashs, denn schlechter und grandioser wie hier wird schlechtes Kino selten. Was in dem sich überstürzenden Strudel aus Zitaten, wirren Eigenkreationen, langweiligen und sprachlos machenden Szenen bleibt, ist die hervorragende Kulisse, in der sich dieser Wahnsinn abspielt, wenn man auch konstatieren muss, dass selbst die pittoreskste Eislandschaft nach über neunzig Minuten beginnt, ihre optischen Reize zu verlieren, und sich mit zunehmender Lauflänge visuell eine gewisse Monotonie einstellt, die Bava jedoch spielerisch mit dem inhaltlichen Schwachsinn zu kontrastieren weiß. Wer LA MASCHERA DEL DEMONIO bis zum Ende geschaut hat, darf mir gerne eine in sich schlüssige, nachvollziehbare Zusammenfassung des Filminhalts zukommen lassen: für mich hat das alles bis dahin schon lange jeglichen Sinn verloren.
Um auf meine Anfangsfrage zurückzukommen: ich habe keine Ahnung, wie man LA MASCHERA DEL DEMONIO bewerten soll. Positives und Negatives greifen hier derart eng ineinander, dass es schwer fällt, das eine vom andern zu trennen. Was den Gewaltgehalt betrifft, bleibt Bava fast schon hinter dem Härtegrad des originalen LA MASCHERA DEL DEMONIO zurück, bietet dafür aber einige Ekelszenen, die sicher nicht jedem gefallen werden (ich weise nochmals auf die Sexszene zwischen einem jungen Mann und einem Hexen-Gottesanbeterinnen-Enten-Hybriden hin!). Die Darsteller agieren allesamt wie Laien (darunter auch der als Regisseur großartige, als Schauspieler eher mäßige Michele Soavi, und Klaus Kinskis damalige Gespielin Deborah Caprioglio) und dürfen, wie schon erwähnt, nur Unsympathen oder sprechende Requisiten verkörpern. Die Story hätte Breton wahrscheinlich stolz gemacht, erweist sich als bloßes, unfreiwillig surrealistisches Sammelsurium von Kuriositäten, und pendelt ständig zwischen grenzenloser Langeweile und höchstem Unterhaltungswert hin und her. Die Kulissen, die Landschaftsaufnahmen, die visuelle Gestaltung und auch einige Kamerafahrten sind, erneut muss ich es betonen, superb, und lassen einen fast schon wehmütig darüber werden, wenn man bedenkt, was Bava senior wohl mit ihnen alles hätte anstellen können, wenn er zum Entstehungszeit nicht schon längst verstorben gewesen wäre. So bleibt unterm Strich ein italienischer Horrorfilm wie aus dem Bilderbuch, einzuordnen zwischen Kunst und Trash, wobei er eindeutig nach letzterer Richtung ausschlägt. Dass LA MASCHERA DEL DEMONIO von 1989 nicht mal ansatzweise die Klasse von LA MASCHERA DEL DEMONIO von 1960 erreicht, konnte ich mir schon vorher denken, und obwohl ich nach dem äußerst starken Beginn eigentlich darauf hoffte, einen stimmungsvollen Horrorfilm serviert zu bekommen, und die Enttäuschung darüber, dass der Trash-Anteil in der Folge von Sekunde zu Sekunde in immer unermessliche Höhen wuchs, nicht gering war, hat mich LA MASCHERA DEL DEMONIO eigentlich nicht schlecht amüsiert, und verdient es, dass ich ihm diplomatische fünf Punkte verleihe, die ihn irgendwo zwischen den Stühlen verorten. Für mich persönlich ist er allerdings tatsächlich, wenn nicht einer der besten, so doch zumindest einer der interessantesten Filme von Lamberto Bava geworden.