Mord am Fließband
„Ich spiele mit zwei Damen…“
Mit dem am 8. Juli 1973 erstausgestrahlten siebten Fall des Kölner Zollfahnders Kressin (Sieghardt Rupp) endete dessen Ära innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe „Tatort“. Inszeniert wurde die Episode „Kressin und die zwei Damen aus Jade“ von Rolf von Sydow, der bereits die Regie bei Kressins drittem Fall „Kressin stoppt den Nordexpress“ übernommen hatte. Das Drehbuch stammt von Karl Heinz Willschrei, der damit beim „Tatort“ debütierte und bis 1985 acht weitere Male als Autor dieser Reihe in Erscheinung treten sollte.
„Kressin, treiben Sie’s nicht auf die Spitze!“
Zollfahnder Kressin befindet sich gerade auf dem Rückflug aus Istanbul, als er kurz vor der Landung in Düsseldorf mit seiner Sitznachbarin, der Asiatin Lyn (Francesca Tu, „Ich, Dr. Fu Man Chu“), vorsichtig zu flirten beginnt. An der Gepäckausgabe wird plötzlich anstelle eines Koffers die Leiche Ulf Benders (Hans Hass jr., „Jungfrauen-Report“) auf dem Fließband transportiert, der sich ebenfalls im Flugzeug befand. Noch im Gepäckbereich gerät Kressin mit Kommissar Pertram (Norbert Hansing, „Die rote Kapelle“) aneinander, Kompetenzgerangel ist die Folge. Kressin schleust Lyn kurzerhand am Zoll vorbei und möchte mit ihr in der Flughafenbar einen trinken gehen, doch plötzlich ist sie verschwunden. Ihren Koffer hat sie mitgenommen, ihre Handtasche jedoch zurückgelassen. Dafür lernt er kurz darauf Mona Capell (Krista Keller, „Bedenkzeit“) kennen, Benders ehemalige Geliebte. Er bringt sie nach Hause, wo sie ihn noch zu bleiben bittet, doch da platzt Pertram dazwischen. In Lyns Tasche findet Kressin zwei wertvolle Schachfiguren – zwei Damen aus Jade –, bei denen es sich um begehrte Antiquitäten handelt.
Seine Ermittlungen führen ihn ins Schach-Café Elite, in dem Bender mit seinen Kommiliton(inn)en regelmäßig dem Spiel der Könige frönte. Dort lernt er Axel (Matthias Ponnier, „Der Katzensteg“) und Christina (Ilona Grübel, „Peter und Sabine“) kennen, die jedoch nicht sonderlich auskunftsfreudig sind. Als er Mona wiedertrifft, kommt eine mittels Codewort gesicherte Schmuckkassette ins Spiel, ferner ein verdächtiger Pfandleiher (Gert Haucke), ganz zu schweigen von Schmuggelverdacht, Auslandsgoldhandel und Kressins Erzrivale Sievers (Ivan Desny)…
„Eine Pistole wird erst dann gefährlich, wenn ein Mörder sie in der Hand hält!“
Die zwei Damen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film: Lyn und Mona, die beiden Schachfiguren und… das soll nicht verraten werden, jedenfalls wurden dem Toten letztlich zwei Damen zum Verhängnis. Dass die beiden titelgebenden Schachfiguren also zugleich eine Art Metapher für die Geschehnisse in Kressins Schwanengesang sind, ist ein schöner, beinahe poetischer Kniff. Auch Kressins Gekabbel mit Kommissar Pertram machen Spaß. Eigentlich war Kressin jedoch als beschwingter, frecher Frauenheld im „Tatort“ angetreten, um es mit den Moralvorstellungen des spießigen Teils des Publikums aufzunehmen. Dieses Konzept schien sich in der vierten Episode abzunutzen, in der fünften wurde es bereits weitestgehend aufgegeben und in der sechsten, einem experimentellen „Tatort“-Beitrag, spielte Kressin lediglich eine untergeordnete Rolle. Für seinen letzten Auftritt schien man sich einerseits zurückzubesinnen, andererseits aber nicht zum ursprünglichen Konzept zurückkehren zu wollen (oder zu können?).
Dies äußert sich in einem Kressin, der weiterhin will, aber nicht mehr kann. Er sucht wieder ständig den Flirt mit Frauen, doch bei Mona platzt Pertram dazwischen, bei Lyn deren Lebensgefährte und Christina, die er ebenfalls allein bei ihr zu Hause trifft, zeigt gar nicht erst auch nur das geringste Interesse an ihm – im Gegenteil, ihre Abneigung sagt sie ihm offen ins Gesicht. Das ist ein durchaus reizvolles Spiel mit Kressins Rollenstereotyp, hat jedoch nicht nur einen gegen null tendierenden Sexyness-Faktor zu Folge, sondern auch einen zunehmend nachdenklich, gar müde wirkenden Kressin. Der studentischen Schach-Boheme im so treffend benannten Elite-Café hat er kaum noch etwas entgegenzusetzen und selbst Antagonist Sievers scheint mittlerweile eine legale Nische gefunden zu haben. So tappt er in einem komplexen Fall viel auf der Stelle, den er jedoch auch in aller Gemütlichkeit angeht, was der Dramaturgie nicht unbedingt zugutekommt. Dafür geben sich neben seinem Vorgesetzten, dem namenlosen Zollrat (Hermann Lenschau), mit den Saarbrücker Kommissaren Liersdahl (Dieter Eppler) und Schäfermann (Manfred Heidmann) noch einmal stadtfremde „Tatort“-Kollegen ein Stelldichein, während Kressin jedes Likör- oder Schnäpschen mitnimmt, das er kriegen kann. Wer will es ihm verdenken?
Der eigentliche Fall verquickt auf nicht uninteressante Weise Schachkultur mit etwas Fernost-Exotik und verschiedenen Geschäftsmodellen, die bezeichnenderweise alle halbseiden anmuten und schwer nach Illegalität müffeln, sich letztlich jedoch, so viel sei verraten, als rote Heringe entpuppen. Je nach Interessensgebiet wird das für den einen Teil der Zuschauerschaft aufschlussreicher und spannender als für den anderen sein, ich zumindest habe insbesondere die Ausführungen zum Goldhandel im Spannungsgeld der Systeme als erhellend empfunden. Die Auflösung des Falls schließlich findet leider ausschließlich in Dialogform statt, womit der damals originellste „Tatort“-Ast dann doch reichlich unspektakulär endet. Interessant zu wissen wäre, inwieweit die Modifikationen, die die Kressin-Episoden innerhalb von nur zwei Jahren erfuhren, auf einen sich verändernden Zeitgeist, eine Art Ernüchterung nach der sexuellen Revolution beispielsweise, zurückzuführen waren oder ob andere und wenn ja, welche Faktoren eine Rolle spielten.