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„Are you alright?“

Mit dem „Tatort: AE 612 ohne Landeerlaubnis“ konnte die öffentlich-rechtliche Krimireihe ein kleines Jubiläum feiern: Der am 12. September 1971 erstausgestrahlte dritte Einsatz für den Hamburger Kriminalhauptkommissar Trimmel (Walter Richter) war die bis dahin zehnte Episode. Regisseur Peter Schulze-Rohr, damals ein Stammregisseur der Reihe und verantwortlich für den Serienauftakt „Taxi nach Leipzig“, inszenierte sie nach einem Drehbuch Friedhelm Werremeiers.

„Sie haben schlechte Nerven!“

Der Deutsche Max Bergusson (Günter Mack, „Der Fall Liebknecht-Luxemburg“) verfolgt auf dem Mailänder Flughafen heimlich den Palästinenser Femal Racadi (Joe Bogosyan, „Durchs wilde Kurdistan“), der mit der Air-Europe-Maschine 612 über Athen nach Beirut in den Libanon reisen möchte. Nachdem Bergusson Racadis Ziel kennt, bucht er denselben Flug und versucht vorher noch erfolglos, den Hamburger Kommissar Trimmel telefonisch zu erreichen. Nachdem der Flieger gestartet ist, schleicht sich Bergusson zu Flugzeugkapitän Feininger (Heinz Bennent, „Die letzte Metro“) ins Cockpit, bedroht ihn mit einem Revolver und zwingt ihn, die Route in Richtung Hamburg zu ändern. Feininger versucht, den Mann zu beruhigen, tut aber, was er sagt. Die Nachricht von der Entführung dringt bis zu Trimmel vor, der die Flugsicherung informiert und herauszufinden versucht, wer Bergusson ist und was sein Motiv sein könnte. Schließlich erinnert er sich: Bergussons Ehefrau starb in der Hansestadt nach einem palästinensischen Bombenattentat, die Beweise gegen den mutmaßliche Täter Racadi reichten jedoch nicht aus. Nun will Bergusson Selbstjustiz verüben, doch Racadi bemerkt die Kursänderung, bringt Stewardess Gaby (Petra Fahrnländer, „Sparks in Neu-Grönland“) in seine Gewalt und versucht, den Flug zurück in Richtung Beirut zu lenken. Eine Patt-Situation, auch für die Piloten und die verängstigten Fluggäste…

„Schmeißt sofort diesen Halbaffen raus!“

Dieser „Tatort“ greift den damals aktuellen Terrorismus bewaffneter palästinensischer Befreiungsarmeen auf und stand offenbar unter dem Eindruck zeitgenössischer Katastrophenfilme wie „Airport“ und Konsorten. Die Exposition kann mit schönen Bildern Mailands und viel Flughafenstimmung punkten, wenn Bergusson geheimnisvoll, aber nervös durch die Gänge und Schalter schleicht. Nur langsam und dadurch besonders spannend entspinnen sich Bergussons Motiv und die Hintergrundgeschichte beider Delinquenten. Während Racadi relativ abgeklärt wirkt, ist Bergusson anzumerken, dass er eigentlich kein Krimineller und schon gar kein Flugzeugentführer ist. Die von zahlreichen Funksprüchen unterbrochenen Dialoge zwischen Pilot, Kopilot und ihm sind psychologisch ausgefeilt, wobei Feininger sehr besonnen bleibt und sich lange Zeit unbeeindruckt gibt.

Ganz anders Trimmel, der hier keine besonders gute Figur macht: Erst droht er einem Polizisten Schläge an, sollte dieser nicht Stillschweigen darüber bewahren, dass er damals im Fall Racadi etwas verbockt hat, und dann führt sein eigenmächtiges Vorgehen in Bezug auf die Flugzeugentführung fast zu einer Katastrophe. Für die Lösung des Falls muss er letztlich auf das couragierte Eingreifen zweier Zivilisten sowie Feiningers Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis vertrauen, wodurch (Achtung: Spoiler!) es glücklicherweise keine Toten zu beklagen gibt. Durch diese beiden Faktoren nimmt dieser mit seinen rund 105 Minuten überlange „Tatort“ eine Sonderstellung ein. Den damals obligatorischen Gastauftritt legt der österreichische Bezirksinspektor Wirz (Kurt Jaggberg) hin, mit dem Trimmel zwecks Informationsbeschaffung telefoniert. Wirz war der Assistent Oberinspektor Mareks, der von 1963 bis 1970 seine autarke TV-Serie im österreichischen Fernsehen hatte, bevor diese ab 1971 in die „Tatort“-Reihe eingemeindet wurde und das Duo Marek/Wirz diese um Wiener schmäh erweiterte.

Etwas artfremd erscheint die zwischendurch eingefügte Szene einer kiffenden Kommune o.ä. (inklusive kurz aufblitzender nackter Frauenbrust), wobei aber generell fast alle in diesem „Tatort“ permanent am Qualmen sind. Im Flugzeug befindet sich auch ein hin und wieder fokussiertes schwules Pärchen, ein weiterer progressiver Ansatz dieses „Tatorts“. Racadis Freundin Angelica (Ilona Grübel, „Peter und Sabine“) ist ein ausgesprochen hübsches Naivchen, während man im Falle der Stewardessen davon absah, diese als dümmlich oder reine Staffage zu zeichnen. Schauspielerisch überzeugt insbesondere Günter Mack in seiner Rolle als tragische Figur. Der politische Aspekt der zu Lande, in der Luft und auf dem Wasser spielenden Handlung wird um den Kalten Krieg ergänzt, als das Flugzeug zu weit gen Osten abzudriften droht. „AE 612 ohne Landeerlaubnis“ ist nicht weniger als ein superber, spektakulärer „Tatort“, der zum echten Nägelkauer avanciert und dem der Spagat zwischen Katastrophen-Krimi-Thrill auf der einen und familienfreundlichem Verzicht auf allzu starke Grausamkeiten formidabel gelingt!

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