„So’ne Rakete, und da sitzt so’n Würstchen drin!“
Nicht nur aufgrund seiner kurzen Laufzeit von nur 56 Minuten ist der frühe „Tatort: Der Boss“, der am 19. Dezember 1971 erstausgestrahlt wurde, ein Kuriosum. Der erste von insgesamt zwölf Beiträgen des Regisseurs Heinz Schirk („O süße Geborgenheit“) zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe bedeutete den Einstand des glücklosen West-Berliner Kriminalhauptkommissars Kasulke (Paul Esser, „Blut an den Lippen“), der nach seinem zweiten Fall „Rattennest“ ein Jahr später bereits wieder abgesetzt wurde. Das Drehbuch verfasste Johannes Hendrich.
„Na warte, du Scheißer!“
Die Jugendlichen Achim (Hugo Panczak, „Luftschlacht um England“) und Peter (Ronald Nitschke, „Josefine, das liebestolle Kätzchen“) arbeiten als Fliesenleger auf einer Baustelle, lassen sich aber auch bei der Schwarzarbeit von ihrem Chef (Gerhard Wollner, „Ein Polterabend“) erwischen. Dieser schimpft zwar, ist in der Regel jedoch auch sehr nachsichtig. Am Abend lernen sie in einer Disco zwei Mädchen (Elke Aberle, „Witwer mit fünf Töchtern“ und Barbara Hampel, „Doppelgänger“) kennen, vor denen sie angeben und an die sie sich heranzumachen versuchen. Man geht zusammen zum Bowling, feiert weiter und wagt schließlich eine übermütige Trunkenheitsspritztour. Diese mündet in einen Unfall, bei dem zwar niemand verletzt wird, der Wagen jedoch die Schaufensterscheibe eines Pelzgeschäfts zerstört. Achim nutzt spontan die Gelegenheit und stiehlt einen der sündhaft teuren Mäntel, den er gewinnbringend an einen Hehler veräußert. Dadurch auf den Geschmack gekommen, stehlen Achim und Peter nun weitere Mäntel, wobei Achim die treibende Kraft ist und das Ganze immer größer aufzieht, bis er mit weiteren Bandenmitgliedern regelmäßig gewerbsmäßigen Pelzdiebstahl begeht. Doch Achim hat sich immer weniger unter Kontrolle, prahlt mit seinem Geld und läuft Gefahr, aufzufliegen. Seine Kumpanen schmieden daher einen Plan, um Achim ein für alle Mal loszuwerden…
„Haste wat, machste wat! Haste nüscht, gehste ein!“
„Der Boss“ wuchert mit geballtem deutschem frühsiebziger Zeitkolorit, von der zeitgenössischen Rockmusik über die Frisuren, die Kleidung und die Autos bis hin zum primären Thema Pelzmäntel und zum sekundären, der Berliner Mauer bzw. der innerdeutschen Systemgrenze. Hinzu kommen die freche Berliner Schnauze der Jugendlichen und nicht zuletzt die zahlreichen Italo-Filmplakate (vornehmlich „Django“-Western), mit denen Achim sein Zimmer tapeziert. Der Hehler ist ein neureicher feiner Pinkel, der sich gleich mehrere Doggen hält, die Polizei hingegen ist kaum präsent und so spielt auch Kasulke hier kaum eine Rolle. Interessanterweise telefoniert er zwischendurch einmal mit dem Münchner Kollegen Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer), der in der nächsten „Tatort“-Episode „Münchner Kindl“ seinen Einstand als Ermittler feiern sollte.
„Ich hör‘ immer nur Nerz! Ich träum‘ schon von Nerz!“
Ansonsten schienen sich Autor Hendrich und Regisseur Schirk wesentlich stärker für die juvenilen Delinquenten zu interessieren; Kasulkes Präsenz wirkt gar wie nachträglich implementiert, um einen „Tatort“ aus der Handlung zu machen. „Der Boss“ hat das hohe Tempo eines knackigen 45- bis 55-minütigen TV-Krimis, die Handkamera einer aktionsbetonten Erzählweise und den ebenso perfiden wie unwahrscheinlichen Plan eines reißerischen Trivialromans. Achim und Konsorten scheinen mehr aus Abenteuerlust, Geltungsdrang und Langeweile kriminell zu werden, weniger aus Geldgier oder gar -not. Fuchtelt Achim betrunken mit seinem Revolver herum, wird er vom abgeklärten Halbstarken zum gefährlichen Dilettanten. Und kann er bei einem Mädchen nicht landen, entwickelt er eine beunruhigende Aggressivität. Dass einem tiefere Einblicke in die Figuren verwehrt bleiben, die möglicherweise Charaktere aus ihnen gemacht hätten, ist der kurzen Laufzeit geschuldet und ein bisschen schade, denn die Jungdarsteller(innen) zeigen sich sehr spielfreudig.
Wie überflüssig der bedauernswerte Kasulke hier ist, unterstreicht dann auch das Ende, aus dem die Täter als Sieger hervorzugehen scheinen – doch während bereits der Abspann läuft, wird es noch flugs zu einem eher offenen Ausgang modifiziert, fast, als habe ein Programmverantwortlicher im letzten Moment eingegriffen und entschieden, dass es anders nicht gehe und dem Publikum nicht zuzumuten sei. All das macht „Der Boss“ zu etwas Besonderem, das aber auch fernsehgeschichtsvergessen als Zerstreuung bietende Räuberpistole konsumiert vorzüglich unterhält. Dass hier ausgerechnet mit unendlichem Tierleid verbundene Pelzmäntel begehrte Luxusartikel sind, wird übrigens mit keiner Silbe problematisiert – ‘68er hin oder her, die Zeiten waren andere…