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Wie einfach darf man es sich machen, wenn man über das Leben eines Menschen entscheiden muss? Diese Frage wird auf beeindruckende Art in Sidney Lumets Erstlingswerk „12 Angry Men“ thematisiert.

Im Hinterzimmer eines Gerichtssaals haben sich 12 Geschworene eingefunden, die eine Einigung in dem Mordprozess erreichen sollen, zu dem sie berufen worden sind. Eigentlich eine klare Sache, die Beweislage ist offensichtlich. Der Angeklagte, ein junger Mann, ist schuldig. Da besteht kein Zweifel, er hat seinen Vater umgebracht. Die erste Abstimmung beginnt. Doch Geschworener Nr. 8 ist anderer Meinung. Er stimmt für „nicht schuldig“. Nach hitzigen Diskussionen unter den 12 Männern ändert sich die Stimmverteilung langsam zugunsten des Angeklagten. Doch auch der letzte Zweifler, der letzte „angry man“ muss von der Unschuld des Angeklagten überzeugt werden, um einen Freispruch zu bewirken.

„Die zwölf Geschworenen“ besticht durch seinen beengten Handlungsraum und die dadurch resultierende Atmosphäre, die dem Zuschauer sogleich das Gefühl gibt, selbst Bestandteil der Geschworenenrunde zu sein. So partizipiert das Publikum bei der Entscheidungsfindung über das Schicksal des jungen Angeklagten und bildet sich so seinen eigenen Meinungsfindungsprozess, jedoch immer latent geleitet durch die Argumentationen des Geschworenen Nr. 8. Und auch ohne nur eine Minute des Gerichtsprozesses gesehen zu haben, erfährt man durch die geschickte Erzählweise nach und nach die wichtigsten Details, die scheinbar relevantesten Argumente von Verteidigung und Anklage, um sich schließlich mit Hilfe der Diskussionen im Verhandlungszimmer der Geschworenen sein Urteil endgültig zu bilden.

Die Klimax dieses extrem dialoglastigen Gerichtsdramas wird getragen von dem Umschwung der Meinung innerhalb der Geschworenenrunde. Diejenigen, die zunächst felsenfest von der Schuld des Angeklagten überzeugt waren, werden nach und nach eines besseren belehrt und kehren ihre Stimme um. Henry Fonda brilliert hier als der Geschworene, der zunächst als einziger an der Unschuld des jungen Mannes festhält. Doch nicht nur er zeigt eine schauspielerische Topleistung. Jeder der zwölf Schauspieler, die hier auf engstem Raum förmlich gegeneinander anspielen, überzeugt durch eine – jedem eigene – Charakterzeichnung, die auch in dieser Form eminent wichtig für das Gelingen dieses Films war.

Sidney Lumet erschuf hier ein Werk, das eine sehr wichtige, auch heute noch aktuelle Botschaft übermittelt. Vorurteile, jedweder Art, sind Gift in einer Gesellschaft, die sich die Worte „Gleichberechtigung, Demokratie & Freiheit“ auf die Fahne schreibt. Es ist erstrebenswert, dass die noch herrschenden (Vor)urteile in dieser Welt aus dem Weg geräumt werden, wie es auch mit den (Vor)urteilen der 11 Geschworenen geschehen ist. Henry Fonda hat gezeigt, wie’s geht… Doch so einfach ist’s in der Realität wohl doch nicht… „Die zwölf Geschworenen“ ist ein durchgehend ruhiger, bedächtiger Film, der den Zuschauer letztlich tatsächlich über das Filmende hinaus zum Nachdenken anregt. Jeder sollte sich selbst Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen voreilige Schlüsse und Entscheidungen haben können. Im Falle der „12 Angry Men“ hätten Vorurteile und voreiliges Handeln fast ein Menschenleben gekostet. Volle Punktzahl!

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