In einem heißen Konferenzzimmer sollen zwölf Geschworene einen Mordfall erörtern, der für den Angeklagten mit einem Todesurteil enden kann. Die Fakten scheinen ausnahmslos für die Schuld des Täters zu sprechen und so sind elf der Geschworenen bei der ersten Abstimmung für einen Schuldspruch, während einzig und allein der Geschworene Nummer 8, gespielt von Henry Fonda, Zweifel an der Schuld des Täters hat und den Fall noch einmal reflektieren möchte. Es beginnt eine hitzige Debatte, in deren Verlauf einige Zweifel an der Schuld des vermeintlichen Mörders aufkommen.
Das amerikanische Jury-System hat definitiv seine Vorteile, unter Anderem, da einem einzelnen Richter, der subjektiv urteilen könnte, so nicht allzu viele Möglichkeiten bleiben, um das Urteil zu beeinflussen, das in den Händen einer ganzen Jury, aus zwölf Geschworenen liegt. Aber die Nachteile liegen auf der Hand, etwa, dass manche Geschworene frei nach ihren Vorurteilen entscheiden, dass sie subjektiv urteilen, dass sie auch ohne wirklich stichhaltige Beweise einen Schuldspruch erwirken, bzw. ihre Bürgerpflicht als Last empfinden und die Beratung möglichst schnell zu beenden versuchen, also bei Abstimmungen mit dem Strom schwimmen.
Und mit eben diesen Vor- und Nachteilen befasst sich Sidney Lumet in seinem Justiz-Drama "Die 12 Geschworenen". Dabei erfüllt jeder der Geschworenen eine gewisse Funktion im Dama, einer stimmt wegen einer persönlichen Krise für einen Schuldspruch, ein anderer wegen Vorurteilen, ein dritter hat Karten für ein Spiel am Abend und setzt alles daran, dieses auch noch zu sehen zu bekommen, während viele der anderen Geschworenen ihre Aufgabe relativ ernst nehmen, aber zu einem verfrühten Schuldspruch gelangen, ohne die wichtigen, berechtigten Zweifel vorher zu suchen, zu reflektieren und den Fall anschließend zu beurteilen. Und, dass ein scheinbar offensichtlicher Fall (und das ist auch der Eindruck den der Zuschauer am Anfang erhält) doch nicht so zweifelsfrei sein muss, wie er zu sein scheint, ist auch der Erkenntnisgewinn, den man als Zuschauer aus dem Film mitnimmt. Gerade in Amerika, wo jeder Zuschauer selbst ein potentieller zukünftiger Geschworener ist, handelt es sich bei "Die 12 Geschworenen" um einen sehr wichtigen Film, dem in diesem Zusammenhang ein eindrucksvolles Plädoyer für das Verantwortungsbewusstsein der Geschworenen, die unter Umständen ein Todesurteil bestätigen können, gelingt, das die Wichtigkeit des berechtigten Zweifels noch einmal untermauert.
Aber auch das übrige Rechtssystem rückt in den Fokus der Kritik Lumets. So wird mehrfach erwähnt, dass der Pflichtverteidiger, der den Fall wohl nicht übernehmen wollte, je nachdem nicht allzu gut bezahlt wird, nicht einmal zwangsläufig von der Unschuld seines Klienten überzeugt sein muss, schlechte Arbeit geleistet und die falschen Fragen gestellt hat. Diese Fehler fallen den Geschworenen aber auch erst im Laufe ihrer Erörterung des Falls auf.
Für Sidney Lumet war "Die 12 Geschworenen" sein Durchbruch und der Beginn einer langen, bis heute, 52 Jahre später andauernden Karriere, in deren Verlauf er unter Anderem "Serpico", "Hundstage" und "Network" hervorbrachte und es ist definitiv seine beste Arbeit, die Lumet hier präsentiert. Allein der Aufbau des Werks ist schon virtuos gelungen. So wirft Lumet den Zuschauer mehr oder weniger direkt in das Geschehen und lässt den gesamten Film beinahe in einem Raum spielen. Wer die Geschworenen sind, woher sie kommen, ist zunächst zweitrangig, selbst der Verlauf der Verhandlung wird nicht gezeigt, sondern durch die Geschworenen resümiert, einzig und allein die Fakten und die Debatte über den Fall stehen im Vordergrund.Lumet zentriert also wirklich alles auf das Kammerspiel und zieht so ein enorm spannendes Drama auf. Die Kameraführung, der Zoom, mit dem die Dialog gleich viel dynamischer wirken, dazwischen die überzeugenden Darsteller, und die hitzige Debatte nimmt schnell an Fahrt auf. Dabei ist die Atmosphäre enorm dicht und hitzig, sodass der Film durchgehend fesselt und das allein durch ein paar Dialoge in ein und demselben Beratungszimmer. Ein wirklich eindrucksvolles Werk von Sidney Lumet also, das kaum fesselnder und spannender sein könnte. Der einzige Vorwurf, den man dem Film machen kann, ist im Grunde, dass sich die Beteiligten temporär zu sehr in Haarspaltereien verlieren, aber besser hätte man die Thematik wohl nicht aufarbeiten können.
Darstellerisch ist "Die 12 Geschworenen" ebenfalls sehr gut gelungen. Henry Fonda zeigt sich in seiner Rolle enorm stark und spielt den selbstbewussten Geschworenen, der es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, die berechtigten Zweifel nicht noch einmal zur Sprache zu bringen rundum überzeugend. Aber die restlichen Darsteller, die zuvor teilweise bereits Erfahrungen sammeln konnten, teilweise aber noch sehr weit am Anfang ihrer Karriere standen, müssen sich keineswegs hinter dem Oscar-Preisträger, der Ikone verstecken und spielen ihre Rollen allesamt souverän und makellos.
Fazit:
Mit hervorragenden Darstellern, einem Appell an das Verantwortungsgefühl der amerikanischen Geschworenen und einer virtuosen Inszenierung ist Sydney Lumets "Die 12 Geschworenen" zweifelsohne eines der besten Justiz-Dramen und eines der spannendsten Kammerspiele aller Zeiten, das man sich unter keinen Umständen entgehen lassen sollte.
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