Vorgeschichte und Ausgangssituation
Ein 18jähriger Bursche (allem Anschein nach ein Latino) aus einer der ärmeren Wohngegenden New Yorks ist angeklagt, seinen Vater, einen ehemaligen Fälscher, mit einem Springmesser erstochen zu haben. Der Tatverdächtige wird durch zwei Zeugenaussagen massiv belastet, sein Alibi (ein angeblicher Kinobesuch) ist dünn. Wir erfahren, dass der Tatverdächtige mit 9 Jahren seine Mutter verloren hat und eine Jugendstrafe in einer Besserungsanstalt absitzen musste. Am Tatabend ist er von seinem Vater zweimal geschlagen worden, doch genügt dies als Motiv, wie elf von zwölf Geschworenen meinen? Sollte dieses (nur kurz zu sehende) verstörte Jüngelchen, der lediglich den Rechtsbeistand eines Pflichtverteidigers hatte, wirklich ein Mörder sein? Laut eigener Aussage hatte er das Messer am Abend nach einem Streit mit seinem Vater in der Hosentasche mitgenommen und es kurz darauf verloren. Ein gehbehinderter alter Mann, der im selben Haus wohnt, will den Streit wortwörtlich mit angehört und eine Morddrohung des Sohnes, gerichtet an seinen Vater, vernommen haben. Des Weiteren bezeugte eine gegenüber vom Tathaus wohnende Frau mittleren Alters unter Eid, durch die leeren Waggons einer vor ihrem Schlafzimmer vorbeifahrenden Hochbahn hindurch die Ermordung haargenau gesehen zu haben. Der Tatverdächtige behauptet jedoch, seinen Vater tot aufgefunden zu haben, als er nach einem Kinobesuch spät in der Nacht nach Hause kam und dass er von zwei Polizisten im Rahmen des ersten Verhörs im Tathaus die Treppe hinunter gestoßen worden sei. Ist die Tätergeschichte am Ende eine Opfergeschichte?
Sollte das Große Geschworenengericht (Grand Jury) einheitlich zu dem Schluss kommen, dass der Angeklagte des ihm vorgeworfenen Kapitalverbrechens schuldig ist, wird das Urteil auf Todesstrafe lauten - in diesem Fall Hinrichtung durch den elektrischen Stuhl. Erwiesene Unschuld oder gravierende Verfahrensfehler könnten dann nicht mehr gewürdigt werden, drastisch formuliert geht es darum, einen Justizmord zu verhindern. Alternativ wäre hier nur ein Freispruch von der Mordanklage (first degree murder) denkbar, ein Befinden über einen etwaigen Totschlag (second degree murder) und somit eine weniger schwerwiegende Einstufung der Tat kommt nicht in Betracht.
Die zwölf Geschworenen, denen nach Zeugenbefragung und Kreuzverhör die folgenschwere Aufgabe zukommt, zu einem Urteil zu kommen, können nur einheitlich beschließen - schuldig oder nicht schuldig. Der Zwölferzirkel wird, so sieht es das Rechtssystem vor, unmittelbar vor der Urteilsverkündung in einem Besprechungsraum eingeschlossen, wo sich die Männer mit ihren höchst unterschiedlichen Charakteren und Temperamenten zielgerichtet verständigen müssen. Um eine möglichst unabhängige und unvoreingenommene Entscheidungsfindung zu gewährleisten und taktische Absprachen auszuschließen oder zumindest zu erschweren, bleiben die Geschworenen namenlos und werden nur mit durchlaufenden Nummern angeredet. (Erst am Ende des Films stellen sich die Geschworenen Nr. 8, Davis, und Nr. 9, McCardle, einander namentlich vor. In der deutschen Synchronfassung nennt der Geschworene Nr. 6 seinen Namen, James Healey, der jedoch im Originalton nicht verlautbart wird.)
Die 12 Geschworenen
Es ist Freitag und jeder möchte ins Wochenende. Der Fall scheint angesichts der beiden Zeugenaussagen sonnenklar auf der Hand zu liegen, lange Beratungsgespräche werden nicht erwartet. Bei einer ersten Probeabstimmung, die Geschworener Nr. 1 (Martin Balsam) als Sprecher der Zwölf mit nur schwach ausgeprägter Autorität initiiert, befinden 11 auf schuldig und nur einer, der Geschworene Nr. 8 (Henry Fonda), auf nicht schuldig. Nr. 8 macht einen Vorschlag, mit dem er sein ganzes Gewicht in die Waagschale wirft: Es soll noch einmal geheim, also schriftlich, abgestimmt werden. Er ist bereit, sich der Meinung der anderen anzuschließen, wenn weiterhin 11 Geschworene von der Schuld des Angeklagten überzeugt sind. Seine Rechnung geht auf: Auf einem der Zettel (der Zuschauer kann dem Geschworenen Nr. 1 beim Auseinanderfalten der Zettel über die Schulter sehen) steht vor dem Wort "schuldig" ein "nicht". Damit hatte Nr. 3 (Lee J. Cobb, Golden Globe-Nominierung) nicht gerechnet, der sofort den zurückhaltenden und aus einem Armenviertel stammenden Geschworenen Nr. 5 (Jack Klugman) verdächtigt. Doch er war es nicht: Der Geschworene Nr. 9 (Joseph Sweeney), ein bis dato tendenziell unterschätzter ruhiger, weiser Mann, sicherlich der Älteste der Runde, gibt sich als zweiter Abweichler von der herrschenden Meinung zu erkennen.
Der Geschworene Nr. 2 (John Fiedler) ist ein kleiner Bankangestellter und wie Nr. 5 und Nr. 12 (Robert Webber) ein Greenhorn in der Runde; noch nie zuvor war er Geschworener und ist dementsprechend nervös (Fiedlers jungenhafte, leicht queerige Stimme, mit der er schon das Ferkel in "Winnie Pooh" sprach, unterstreicht dies im Originalton vortrefflich).
Der Geschworene Nr. 3, Inhaber einer Kurierdienstfirma aus Brooklyn, war schon mehrfach Geschworener und hält das Justizsystem für zu liberal. Er ist ein dominanter, aufbrausender Typ, der die Versammlung der Geschworenen unbedingt davon überzeugen will, dass sie es mit einem niederträchtigen Vatermörder zu tun haben. Dass Nr. 8 sich in die Reihe derer, die sprichwörtlich kurzen Prozess machen wollen, nicht einreiht, bringt ihn in Rage. Er vertritt die These, dass Söhne von ihren Vätern mit aller Härte erzogen werden müssen, um ihren Mann zu stehen. Er selbst habe seinen Vater noch mit "Sir" angeredet. Bei seinem eigenen Sohn hat er es jedoch vermutlich mit seiner Dominanz übertrieben, denn dieser hat sich vor zwei Jahren von ihm losgesagt. Der Kontakt ist abgerissen, was ihn einerseits noch unerbittlicher macht, andererseits seine verwundbare Stelle ausmacht.
Nr. 4 (E. G. Marshall) ist Börsenmakler, ein analytischer, der Sache verpflichteter Kontrahent von Nr. 8. Er fällt mehr und mehr dadurch auf, dass er sein Sakko trotz der großen Hitze, die sichtbar allen anderen (Schweißflecken) zu schaffen macht, nicht auszieht. Seine Argumentation fußt nur auf den ihm bekannten Informationen zu dem Fall. Nr. 8 und Nr. 9 führen ihm mit erkenntnisleitenden Fragen jedoch deutlich vor Augen, wie leicht man dazu neigt, mit Bestimmtheit vorgetragene Behauptungen für bare Münze zu nehmen, obwohl man bei skeptischer Betrachtung berechtigte Zweifel an ihnen haben müsste. Seine Denkfehler gesteht Nr. 4 fast als Letzter ein. Mit seiner rationell gesteuerten Meinungsänderung geht auch ein optischer Wandel bei ihm einher: Er beginnt zu schwitzen...
Nr. 5 ist selbst in einer weniger guten Wohngegend, in der das Faustrecht gilt, aufgewachsen und weiß, wie Springmesser gehandhabt werden. Dieses Wissen, das niemand der bürgerlichen Mittelschicht-Geschworenen mitbringt, ist bei der plastischen Simulation des Mordes, die sinnigerweise von den Geschworenen Nr. 8 und Nr. 3 nachgestellt wird (die Situation droht sich zuzuspitzen) von großer Relevanz hinsichtlich des zu vermutenden Mordablaufs.
Der Geschworene Nr. 6 (Edward Binns) ist ein umgänglicher Mann aus dem Volk, ein Arbeiter, der ohne Allüren versucht, der Berufung als Geschworener gerecht zu werden. Er, der von sich selber preisgibt, als abhängig Beschäftigter das Denken eher seinem Chef zu überlassen, erkennt die Crux einer Fehleinschätzung: Befinden die Geschworenen auf schuldig, so gibt man womöglich einen Unschuldigen dem Tode preis, wenn der Tatverdächtige nicht der Mörder gewesen sein sollte. Umgekehrt würde man vielleicht einen Mörder frei laufen lassen, wenn die Zwölf einhellig auf "nicht schuldig" befinden.
Nr. 7 (Jack Warden) ist Marmeladenproduzent und ein leidenschaftlicher Sportfan. Ihm ist sehr daran gelegen, dass die Verhandlung schnell zu Ende ist, da er am Abend noch zu einem Baseballspiel der New York Yankees gegen die Cleveland Indians möchte (in den 1950er Jahren nach den Yankees die zweitstärkste Mannschaft). Dementsprechend oberflächlich bildet er sich sein Urteil. Sein keckes Hütchen setzt er gar nicht erst ab. Er ist dem Geschworenen Nr. 5 von Anfang an feindselig gesinnt, da dieser ein Fan der noch neuen, aufstrebenden Baltimore Orioles ist, die Nr. 7 verächtlich als "warme Heinis" bezeichnet (im Originalton hat dieser Dialog kein Äquivalent, sondern geht dahin, dass Nr. 7 lediglich die Platzwarte von Baltimore, nicht aber die Spieler, für fähig hält.)
Dem Geschworenen Nr. 9 wird klar, dass die Zeugenaussagen fragwürdig sind und der Zeuge, der im selben Haus wohnt wie das Mordopfer, in einem anderen Licht gesehen werden muss. Eine ähnliche Demontage vollzieht Nr. 9 mit der Augenzeugin, die angeblich aus ihrem Schlafzimmer durch die Fenster einer vor ihrem Haus vorbeifahrenden Hochbahn im entscheidenden Moment gesehen haben will, wie der Angeklagte im Haus gegenüber seinen Vater erstochen hat.
Nr. 10 (Ed Beagley) ist der Typ des konservativen mittelständischen Unternehmers, der mehr um seinen Sommerschnupfen und seine wunde Nase besorgt ist als um das Leben des in seinen Augen unzweifelhaft Schuldigen, den er leichtfertig in einem verkommenen Milieu von Straßenjungen verortet. Sein Misstrauen gegen Leute aus ärmeren Wohngegenden, insbesondere wenn sie ethnisch nicht in sein Gesellschaftsbild passen, ist geradezu pathologisch. Ohne jedes Feingefühl schickt er sich an, beim Ringen um eine Entscheidung, bei der ein Menschenleben auf dem Spiel steht, Witze zu erzählen.
Der Geschworene Nr. 11 (George Voskovic) ist ein aus Europa eingewanderter Uhrmacher (dem Akzent im Originalton nach ein Osteuropäer, in der deutschen Synchronfassung jedoch unzweifelhaft ein Schweizer), der seine Einwanderung als Chance auf Teilhabe an den zivilisatorischen Garantien der USA begreift und die Gesetze, die sich Amerika als junge Nation selbst gegeben hat, ihrem Geist und Sinn nach für sich als verbindlich erachtet. Dies gibt ihm nach reiflicher Überlegung das Recht, seine juristische Wertung zu ändern. Gerade wegen seiner korrekten Art stößt er auf platte Ressentiments. Köstlicher Seitenhieb: Er korrigiert den Geschworenen Nr. 10 grammatikalisch in dessen wörtlicher Rede - auch ein Muttersprachler kann durchaus im sprachlichen Flachland unterwegs sein... Als der Geschworene Nr. 7 seine Meinung nur deshalb leichtfertig ändert, damit er noch rechtzeitig ins Baseballstadion kommt, macht Nr. 11 ihm den berechtigten Vorwurf, aus sachfremden Erwägungen heraus zu urteilen.
Nr. 12 schließlich ist ein junger, dynamischer Werbeleiter, der das Verfahren auf die leichte Schulter nimmt: Er ist begeistert, dass er es in seinem ersten Einsatz als Geschworener gleich mit einem Mordfall zu tun hat und dass das Fenster des Geschworenenraums einen Blick auf das Woolworth Building bietet. (Dieses markante Gebäude ist in der Filmeinstellung jedoch kaum zu sehen, ebenso wenig das gegenüber liegende US-Gerichtsgebäude desselben Architekten, Cass Gilbert.) Die Bürde der Berufung realisiert er trotz des anfänglichen Appells des Richters ganz und gar nicht. Er hat keine Gewissensbisse dabei, während der inhaltlich relevanten Diskussion mit Nr. 3 auf einem Notizblock ein Kästchenspiel zu spielen, welches Nr. 8 ihnen mit heiligem Zorn abnimmt. Eine gefestigte Meinung scheint er kaum zu haben, hängt vielmehr sein Fähnlein in den Wind und wechselt sein Urteil gleich mehrfach.
Resümee und Wertung
Lumet (Regisseur) und Rose (Drehbuchautor) bieten mit "Die zwölf Geschworenen" weder ein klassisches "Whodunit" noch ein "Howcatchem" (denn es geht weder um die Frage nach dem tatsächlichen Mörder noch nach dessen Ergreifung) - was die Besonderheit des Films ausmacht. Der Film ist konzentriert, vermeidet ablenkendes Dekor (außer einem Ventilator, der kurioserweise erst funktioniert, als das Licht gegen Abend eingeschaltet wird). Selbst die zwischendurch hereingeholte Tatwaffe und ein Grundriss der an einer Hochbahntrasse gelegenen Tatwohnung verschwinden wieder, nachdem jeder sie gesehen hat. Die Handlung verlässt den Raum nicht. Mit Hilfe des begrenzten Settings werden hier mit bewusst anderer Ausrichtung negative Muster der modernen Gesellschaft, die unter der Oberfläche vermeintlicher Ratio liegen, seziert. Seinen dynamischen Höhepunkt erreicht der Film wohl an der Stelle, als die Fraktion der "Nicht schuldig"-Befürworter ebenso stark ist wie die Fraktion der "Schuldig"-Befürworter.
Die Rollen sind ausnahmslos exzellent besetzt. So gut wie alle Schauspieler konnten Broadway-Erfahrung vorweisen, was damals gleichbedeutend war mit dem gehobenen Sprechtheater - und nicht zwangsläufig mit opulenten Musicalproduktionen. Der jugendliche Darsteller des Angeklagten ist nur ganz kurz am Anfang des Films ohne eine Sprechsequenz zu sehen. Diesem teilnahmslos, traurig und überfordert blickenden Menschen vermag der Zuschauer von Anfang an kaum eine solche Tat zuzutrauen.
Bei der Riege der Geschworenen arbeitet der Film mit gut voneinander unterscheidbaren Charakteren. Von gewissem Unterhaltungswert ist der pfeifenrauchende und dropslutschende Geschworene Nr. 2, der jedoch aller harmlosen Jungenhaftigkeit zum Trotz gewissenhaft agiert und danach strebt, dem ebenso ehrenvollen wie schweren Amt eines Geschworenen ernstlich gerecht zu werden. Die hohe ethische Qualität, die das Gesetz und die Situation an sich von den Geschworenen verlangen, erkennt er (im Gegensatz zu den Geschworenen 3, 7, 10 und 12) ganz klar und bezieht aus diesem Anspruch die Kraft, seine Schüchternheit zu überwinden und korrekte Schlussfolgerungen und Forderungen zu artikulieren.
Der Geschworene Nr. 3 benutzt zur Kaschierung seines persönlichen Satisfaktionsfeldzugs gegen seinen abwesenden Sohn (dessen Verschwinden so gar nicht zu seiner Überzeugung von der Richtigkeit seiner harten Erziehungsmethoden passt) unzählige aggressiv vorgetragene Worthülsen und rhetorische Einschüchterungsversuche, mit denen die Zweifler mit dem Vorwurf der sentimentalen Weichherzigkeit überzogen werden. Obwohl der (kumpelhaft auftretende) Geschworene Nr. 1 formell Vorsitzender und Sprecher der Jury ist, dominiert Nr. 3 den Kreis und wirkt somit über lange Strecken vermeintlich meinungsbildend. Cobb spielt den Choleriker grandios unsympathisch, fast unheimlich, als dieser in seiner - bis zum physischen Angriff reichenden - Art der harten Auseinandersetzung kaum noch zu bändigen ist. Doch auch er ist verwundbar, seine Achillessehne ist der besagte Sohn. Als sentimentales Familiensouvenir trägt er ein Foto von sich und ihm bei sich: Beide als beste Kumpel, ein Freundschaftsbild, welches im wahrsten Sinne des Wortes Risse bekommt, aber auch eine läuternde Kraft in sich birgt. Hierin liegt eine der Schlüsselszenen des Films.
Sein Widersacher, der Geschworene Nr. 8, ist unzweifelhaft der positive Held er Geschichte, er steigt als aufrechter Außenseiter in die Handlung ein. Man wagt kaum die Frage zu stellen, ob er nicht ein bisschen zu tugendhaft ist. Als Architekt im hellen Sakko verkörpert er eher die gehobene Mittelschicht als die meisten anderen Geschworenen. Er ist gebildet, möchte über das Gehörte reden, die Thesen und Antithesen abwägen. Sein Mut, die ganz und gar nicht lupenreinen Zeugenaussagen anzuzweifeln, bewahrt den Angeklagten womöglich vor einem nicht wiedergutzumachenden fatalen Fehlurteil. Jedoch geht er einen heiklen Weg, indem er ein Springmesser in das Gerichtsgebäude mitbringt (was streng verboten ist), um zu beweisen, dass man Messer, die optisch genau der Tatwaffe entsprechen, als Massenware für wenige Dollar kaufen kann. Damit begibt er sich auf die Ebene der Beweisführung, was den Geschworenen nicht zusteht. Der illegale Aspekt dieses Handelns findet im Film keine Würdigung - als streitbaren Held im Sinne von Facettenreichtum legen Rose/Lumet die Figur von Nr. 8 also nicht an. Dessen konziliante Gesinnung manifestiert sich in einer schönen Geste am Ende des Films, als der dem aufgrund des abgebrochenen Kontakts zu seinem Sohn psychisch zerschmetterten Geschworenen Nr. 3 in sein Jackett hilft. Fonda spielt in diesem Film, in dem ihm (wie in vielen anderen Filmen) die Rolle des Wahrers menschlicher Würde zukommt, mit großartiger Souveränität, effizient mit reduzierter Mimik - aber Charisma. Der Zuschauer macht ihn schnell als Vorbild aus, traut ihm die charakterliche und intellektuelle Stärke zu, die die anderen 11 so nicht aufbieten können.
Bei einer Begegnung mit dem Geschworenen Nr. 8 im Toilettenvorraum stellt der kaltschnäuzig auftretende Geschworene Nr. 7 mit unverhohlener Drastik klar, dass er die Bewohner der schlechteren Wohngegenden am Liebsten eliminieren würde. Strenggenommen disqualifiziert er sich mit solchen Äußerungen als Geschworener, da er damit geistige Nähe zu jenen offenbart, die "Probleme selbst regeln" - auf Basis eines Rechts des Stärkeren, jener demokratisch nicht legitimierten Gesetze, die "mächtiger sind als Kongressgesetze", wie Carson McCullers es in ihrer eindringlichen Südstaatenerzählung "Der Marsch" formulierte.
Wirklichen Respekt, vor allem auch beim Zuschauer, erwirbt sich im Laufe des Films aufgrund seines Alters und seiner ebenso souveränen wie scharf beobachtenden Art der Geschworene Nr. 9, mit wunderbarer Mimik von dem ehemaligen Broadway-Schauspieler Joseph Sweeney dargestellt, der dieselbe Rolle bereits zuvor in einer Fernsehfassung des Stoffes gespielt hatte.
Der Film trägt zu Recht mittlerweile das Etikett eines Klassikers, doch die hier anklingenden gesellschaftspolitischen Aspekte wie Migration/Integration, Wohnviertel und Bildungszugänge transportieren den Stoff auf eine modernere Ebene, auf der sich potenziell gesellschaftliche Kontroversen - vor deren Beschleunigung und Radikalisierung in den Jahren, die der Bürgerrechtsgesetzgebung (1964) und der Liberalisierung der Einwanderungsgesetze in den 1960er Jahren vorangingen - abzeichnen. Die Geschworenen Nr. 3, 7 und 10 sind zwar amerikanische Selfmademen, doch der Freigeist und das Gerechtigkeitsdenken des Ur-Typs der Gattung Selfmademan, dem US-Gründervater und Erfinder Benjamin Franklin, geht ihnen ab.
Eine Blaupause für eine Diskussion über das Recht der Machthaber, eine Todesstrafe auszusprechen - welches das Format des Films überdehnen würde - bietet der Film nicht. Die Möglichkeit, eine Todesstrafe an sich zu verhängen, wird ebenso wenig in Frage gestellt wie die Praxis der in der Vergangenheit oftmals mit abscheulich grausamen Begleiterscheinungen verbundene Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl. (Im Staat New York wird die Todesstrafe nach dem verfassungsrechtlichen Moratorium von 1972-1976 nicht mehr verhängt.)
Grandios werden jedoch latenter Rassismus und das Armutsgefälle dialogisch bloßgestellt und die Diskriminierung aufgrund des Herkunfts- oder Wohnortes bewusst gemacht. Wir erleben in "Die zwölf Geschworenen" ein Kammerspiel mit brillanten Dialogen. Die ausschließlich männlichen Darsteller verschmelzen regelrecht mit dem klaustrophobisch eng wirkenden Geschworenenraum, der nur durch einen in einer Szene zu sehenden Toilettenvorraum für den Zuschauer erweitert wird. Der heißeste Tag des Jahres, der allen sichtbar zu schaffen macht, wirkt sinnbildlich: Vor der Hitze und vor dem Gesetz sind (im Ideal) alle gleich.
Mit seinem Debütfilm hatte Lumet, selbst ehemaliger Broadway-Schauspieler und (Off-)Broadway-Bühnenregisseur, bereits sein Genre, das des Justizfilms gefunden. Der Film wurde mit dem Goldenen Bären der Berlinale für die beste Regie belohnt. Allergrößten Anteil am Gelingen des Films hat jedoch Drehbuchautor Reginald Rose, der dieses Stück bereits vorher fürs Fernsehen verfasst hatte und eine Oscar-Nominierung für das beste bearbeitete Drehbuch erhielt. (Dass der Oscar dann tatsächlich an Pierre Boulle für "Die Brücke am Kwai" ging, tut der Leistung Roses keinen Abbruch.)
Lediglich am Anfang und am Ende des Films ist kurz das klassische Gebäude des New York County Court des Architekten Guy Lowell am New Yorker Foley Square mit seiner korinthischen Säulenfassade zu sehen. Unter dem Tympanon ist ein Zitat aus einem Brief George Washingtons ("The True Administration of Justice is the Firmest Pillar of Good Government", engl.: Die wahre Justizverwaltung ist der stabilste Pfeiler guter Regierung) von 1789 zu lesen. Eigentlich schrieb Washington zwar "The Due Administration of Justice is the Firmest Pillar of Good Government" (engl.: Die gebotene Justizverwaltung ist der stabilste Pfeiler guter Regierung), doch auch diesem sehr ähnlichen Sinngehalt des in Stein gemeißelten Zitats fällt in der ersten Einstellung des Films eine mahnende Kommentarfunktion zu.