Review

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen…

...denn man weiß nie, was man bekommt." Jeder Filmfreund weiß natürlich, dass dieses Zitat von Forrest Gump alias Tom Hanks stammt. Was viele jedoch nicht wissen, ist, dass diese Worte auch wunderbar auf Celie und Nettie zutreffen. Diese sind die Protagonisten in Alice Walkers Meisterwerk „Die Farbe Lila". Kein geringerer Regisseur als Steven Spielberg verfilmte bereits im Jahr 1985 dieses brillante Drama u.a. mit Whoopi Goldberg, Danny Glover und Oprah Winfrey.

Alice Malsenior Walker, geboren 1944 in Eatonton, Georgia, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und politische Aktivistin. Literarisch ist sie meines Erachtens mindestens ebenbürtig mit schriftstellerischen Größen wie Philip Roth (z.B. „Der menschliche Makel"), Jonathan Franzen (z.B. „Die Korrekturen"), Jeffrey Eugenides (z.B. „Middlesex") oder Paul Auster (z.B. „Die New York-Trilogie") und zählt außerdem zu den bedeutensten Vertreterinnen afroamerikanischer Literatur. Internationales Ansehen errang Alice Walker vor allem mit dem Roman „The Colour Purple" („Die Farbe Lila"), den sie 1982 veröffentlichte und im darauf folgenden Jahr mit dem American Book Award und dem begehrten und renommieren Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Gerade auch aufgrund der Erzähltechnik, denn Roman ist in Briefform geschrieben, was es für den Leser nicht besonders einfach macht, den verschiedenen Handlungssträngen zu folgen.

Während beim Lesen eines Buches es dem jeweiligen Leser überlassen ist, die geschriebenen Worte im Geiste mit Farben und Leben zu erfüllen, so ist diese Aufgabe in Filmen in erster Linie dem jeweiligen Regisseur überlassen. Hat man zuerst das Buch gelesen und sieht man sich danach die entsprechende Verfilmung an, wird man normalerweise herbe enttäuscht. Das Bild, das man sich vorher im Kopf kreiert hat wird in der Regel nicht bestätigt. Entweder man schraubt seine Erwartungen schon vor dem Betrachten des Films so weit nach unten und man lasst sich überraschen (was, so denke ich, sehr schwierig ist) oder man sieht sich den Film an und ist dann gegebenenfalls bereit, sein eigenes Bild anzupassen oder zu revidieren. „Die Farbe Lila" ist einer der wenigen Verfilmungen, die sich mit meinen Vorstellungen weitestgehend deckte und mein geistiges Abbild noch eher bestätigt und bekräftigt wurde.

Weder das Buch, noch der Film sind leichte Kost, denn es wir die zweifache Unterdrückung schwarzer Frauen durch eine rassistische weiße Gesellschaft und durch die patriarchale Haltung schwarzer Männer innerhalb der afroamerikanischen Kultur thematisiert. Das Buch fordert dem Leser ein hohes Maß an Konzentration ab, da es vielschichtig und äußerst komplex geschrieben ist. Ähnlich verhält es sich mit der Verfilmung. „Die Farbe Lila" eignet sich nicht für einen entspannten Abend in geselliger Runde mit Freunden bei Popkorn und Bier, sondern eher auf ein sich Einlassen oder Auseinandersetzen mit einer anspruchsvollen und komplexen Thematik. Anders als noch bei „Der weiße Hai" (1975) oder „E.T - der Außerirdische" (1982) zeigte Steven Spielberg hier äußerst eindrucksvoll, dass er es auch gekonnt versteht, eine anspruchsvolle und hochkomplexe Thematik eindrucksvoll in bewegte Bilder umzusetzen. Ähnliches gelang ihm bis heute vielleicht nur mit „Schindlers Liste".

Die Handlung des Dramas spielt im Jahr 1909 in den Südstaaten. Celie, grandios gespielt von Whoopie Goldberg, wird mit dreizehn Jahren das erste Mal von ihrem Vater vergewaltigt. Nach dem Tode der Mutter übernimmt sie nicht nur vollkommen deren Rolle, sondern bleibt auch weiterhin das Objekt der sexuellen Begierde des Vaters. Um ihre kleine Schwester Nettie, schauspielerisch ebenso eindrucksvoll dargestellt von Akosua Busia, zu schützen, lässt sie in gewähren. Als vierzehn-jährige wird Celie zum zweiten Mal von ihm schwanger. Diesem Kind will sie den Namen Olivia geben. Doch wie auch das erste Kind Adam, wird auch dieses vom Vater weggebracht, damit die hier noch lebende Mutter nicht erfährt, welches Spiel er mit Celie treibt. Celie und Nettie bilden ein unzertrennliches Paar. Das Schicksal meint es jedoch anders mit den beiden. Nach dem Tod der Mutter hält der schwarze Farmer Albert Johnson, brillant gemimt von Danny Glover, um Netties Hand an, aber der Vater überredet ihn, statt der jüngeren die ältere Tochter zu heiraten. Johnson, dessen Frau ermordet wurde, braucht eine Ersatzmutter für seine drei Kinder und sieht in Celie wenig mehr als eine billige Arbeitskraft, die er nach Belieben schikanieren und demütigen kann. Ebenso wie seine Kinder muss sie ihn mit "Mr." Ansprechen und ist schon wie beim Vater dessen sexuellen Gelüsten ausgeliefert. Nachdem Celie weg ist, soll nun Nettie für Vaters sexuellen Gelüste als Ersatz dienen. Sie schafft es jedoch zu Celie zu fliehen.Eines Tages bringt Albert seine Geliebte, die glamouröse Sängerin Shug Avery (gespielt von Margaret Avery), nach Hause. Celie pflegt die kranke Shug und die beiden gänzlich unterschiedlichen Frauen freunden sich an. Celie erfährt von Shug, dass ihr Mann eigentlich Albert heißt und dass körperliche Liebe schön sein kann. Celie verliebt sich in sie und lernt von ihr eine gewisse Selbstachtung. Als erster Schritt in die Emanzipation beginnt Celie, für sich und Shug Hosen zu nähen; hieraus entwickelt sich später ein florierendes Geschäft, mit dem Celie auch finanzielle Unabhängigkeit erlangt. Als Celie Briefe von Nettie entdeckt, die Albert ihr jahrelang vorenthalten hatte, erfährt sie, dass Nettie inzwischen zusammen mit Celies Kindern in Afrika lebt. Mit zunehmendem Selbstbewusstsein kann Celie die übermächtige Vaterfigur beiseite schieben; sie entdeckt, dass der Mann, der sie aufzog, nicht ihr leiblicher Vater war. Shug ist Celies großes Vorbild.

FAZIT:


„Die Farbe Lila"
ist an sich ein typischer Frauenfilm, denn er zeigt die Lebensgeschichte und Emanzipation einer schwarzen Frau, aber auch Männer können sich durchaus auf eine derartige Thematik einlassen. Die Bilder sind eindrucksvoll und zeugen von großer Intensität, dank der absolut gekonnten musikalischen Untermalung durch Qunicy Jones. Die schauspielerische Leistung aller Protagonisten ist über alle Maßen erhaben, allen voran natürlich Whoopie Goldberg und Danny Glover. Auch deshalb wurde der Film für elf Oscars nominiert, auch wenn er letztendlich keinen gewann. Steven Spielberg hat es wunderbar verstanden, diesen schweren und vielschichtigen Stoff anschaulich und verständlich darzustellen. „Die Farbe Lila" ist eine bemerkenswerte Lebensgeschichte zweier Schwestern, die man nicht besser verfilmen hätte können. Die 148 Minuten sind äußerst kurzweilig, denn bereits die bildgewaltige Eröffnungsszene zieht den Betrachter in ihren Bann, aber auch die Art und Weise, wie Spielberg dem Zuschauer die Brutalität einer Vergewaltigung vermittelt, indem er herabhängende Lederriemen zeigt, sucht in der Filmgeschichte ihres Gleichen. Hier wird in erster Linie nicht der Konflikt zwischen Weiß und Schwarz dargestellt, sondern zwischen Macht und Schwäche, welcher nach Ausgleich und Umkehrung sucht. Gerade Whoopie Goldbergs Unerfahrenheit, die mit diesem Film ihr Leinwand Debüt feierte und damit den Grundstein für eine großartige Schauspielerkarriere legte, macht die zurückhaltende Darstellung von Celie so wirkungsvoll und glaubwürdig. Sie ist dabei absolut überzeugend und spielt sowohl die Unterdrückte als auch die Emanzipierte mit derartiger Wirkung auf den Zuschauer, dass er sich direkt in die Geschichte hineinversetzt fühlt. Nicht zuletzt erhält dieser Film von mir die volle Punktzahl, da Spielberg damit meine Vorstellungen nicht zerstört, sondern diese eher noch bildgewaltig und eindringlich intensiviert hat.

(10/10 Punkten)

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