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Vom Seriendarsteller zum Regisseur, Autor und Hauptdarsteller in einer der schönsten, ehrlichsten und mitreißendsten „Coming of age“ Geschichten der letzten Jahre, so kann man den steilen Aufstieg beschrieben den Zach Braff gemacht hat. Am ehesten ist er den Meisten wohl aus der so erfolgreichen, wie außergewöhnlichen Ärzte Serie „Scubbs“ bekannt. Spätestens nach „Garden State“ dürfte sich das gewaltig ändern. Selten gab es einen jungen Filmemacher, der gleich mit seinem ersten Film ein so vorzügliches Gespür für ausdrucksstarke Bilder, geniale Dialoge und liebenswerte Charaktere hatte.

Die Geschichte ist dabei nicht unbedingt das, was man sich unter einer typischen Coming of age Story vorstellt. Es sind keine Teenager, die hier dabei sind sich aus dem Elternhaus zu befreien und mit der Welt „da draußen“ konfrontiert werden. Die Hauptfigur Andrew „Large“ Largeman (Zach Braff) ist 26, lebt in L.A., hatte irgendwann mal eine Rolle als behinderter Quaterback in einer Serie und jobbt derzeit in einem vietnamesischen Restaurant. Sein Leben verläuft ruhig, aber es ist auch immer die Erkenntnis da, besser wohl die Hoffnung, dass es das ja noch nicht gewesen sein kann, dass irgendwo einfach noch mehr ist. Alles ändert sich als er einen Anruf von seinem Vater erhält, der ihm mitteilt, dass seine behinderte Mutter gestorben ist. Zum ersten mal seit 9 Jahren kehrt Andrew zurück in die Heimat, in den Garden State.
In den wenigen Tagen die er dort bleiben möchte, trifft er nicht nur viele alte Freunde, die auch alle mit dem Leben und dem was sie daraus gemacht haben kämpfen, sondern auch Sam (grandios gut: Nathalie Portman). Sie ist notorische Lügnerin, redet ein bisschen viel, aber sie ist all das, was Andrew in seinem Leben fehlt. Sie schafft sich ihre eignen Momente, lebt für den Augenblick, hat durchaus auch kein leichtes Leben, aber sie schafft es nicht in die Depressionen und Ängste zu verfallen, die Andrew plagen. Mit jedem Moment den er mit ihr zusammen ist, wird er merken, dass da wirklich noch mehr ist, dass das Leben ihm immer noch etwas zu bieten hat. Noch dazu wird er hier in der Heimat erfahren was echte Freundschaft ist und wird erkennen wie einsam das Exil ist, das er gewählt hat um sich vor seiner Vergangenheit zu verstecken. So ist es dann zugleich Reifung und Erlösung, wenn er sich am Ende nicht nur seinem Vater stellt, sondern auch seinen Gefühlen.

Auch wenn diese Beschreibung jetzt eher ein Drama erwarten lässt, gelingt es Zach Braff den Film in einer genialen Balance zwischen Komödie, Drama und Lovestory zu halten. Der Humor ist nie oberflächlich, wirkt zumeist eher skurril, kommt manchmal vollkommen unvorbereitet. Aber er wirkt nie aufgesetzt, ergibt sich immer aus der Story, dient nie nur dem Zweck dem Zuschauer vorzugaukeln, es hier mit einer reinen Komödie zu tun zu haben. Teilweise ist es zum brüllen komisch, was Braff zeigt, teilweise weis man nicht ob man jetzt Lachen oder Weinen soll. Vieles mag hier überzeichnet erscheinen, aber die Wahrheit steckt doch in allem was Braff zeigt. So sind dann auch die Figuren, so skurril sie auf den ersten Blick wirken, alle in einer Sache vereint. Sie sind alle getrieben von dem Bedürfnis sich etwas eigenes zu schaffen, auszubrechen und sie alle haben die Hoffnung auf etwas mehr noch nicht aufgegeben.
Da sind Andrews ehemalige Schulfreunde. Der eine arbeitet als Totengräber auf dem jüdischen Friedhof, auf dem auch Andrews Mum begraben wurde und sammelt in seiner Freizeit „Desert Storm“ Sammelkarten, um so in die Zukunft zu investieren, der andere hat früher gekokst und arbeitet heute als Cop, der sich zum Rapper berufen fühlt, wieder ein anderer hat eine Erfindung gemacht die ihn zum Millionär gemacht hat, der aber letztlich jetzt nicht weiß was er mit der vielen Zeit anfangen soll, die er hat.
Es sind nicht nur die Menschen in Andrews Alter, die hier auf der Suche sind, es sind alle. Die Mutter des Totengräbers, die mit einem Jungen im Alter ihres Sohnes zusammen ist, der in einem Freizeitpark als Ritter arbeitet. Der einzige der gefunden hat was er sucht ist da wohl der Adoptivbruder von Sam, der Schwarzafrikaner ist, aus Äthiopien stammt und Kriminalistik studiert und schon mal sein gesamtes kriminalistisches Wissen aufbringt um festzustellen welches Haustier auf seinen Gamecube gepisst hat. Ähnlich seltsam wirkt das Paar, das am Rande eines gewaltigen Kraters in einer Art Arche wohnt und dort auf das Loch in der Landschaft aufpasst. Wenn das nicht skurril ist, weiß ich auch nicht.
Sie alle sind aber nur Randfiguren, die mal mehr, mal weniger Anteil daran haben, Andrew letztlich klar zu machen, was der Sinn der Suche ist und wieso es sich lohnt nicht aufzugeben.
Um noch einmal auf den „comming of age“ Aspekt zurück zukommen. Der bezieht seine Wirkung hier eben daraus, dass die Figuren alle schon vermeintlich gefestigt sind im Leben, letztlich aber enorm verunsichert sind ob die Entscheidungen die sie hier hin gebracht haben, auch wirklich die richtigen waren und sie mit diesen Entscheidungen glücklich sind. Sicherlich kein neuer Ansatz, aber durch aus ansprechend und vor allem sehr ehrlich umgesetzt.

Neben der exzellenten Story, kann Regisseur Braff auch mit tollen Bildern überzeugen. Ist zunächst noch alles in unwirklichen Grau und weiß Tönen gehalten wenn wir zu Beginn Steward in seiner Wohnung in L.A. sehen, werden die Farben später bunter, die Bilder wirken lebendiger. Der Film benötigt keine ausgefallenen Kameraperspektiven und wilde Fahrten mit der Kamera um zu gefallen. Hier wurde mit wenigen Mitteln das Beste gemacht. Trotzdem hat der Film zu keinem Zeitpunkt einen billigen look, wirkt immer absolut hochwertig und hochklassig. Die Darsteller und Charaktere sind hier die Stars und werden dementsprechend von der Kamera eingefangen. Selten geht die Kamera ganz dicht an die Darsteller heran, zumeist hält sie Abstand und fängt doch viele Details ein. Details sind hier überhaupt sehr wichtig. Vieles entdeckt man erst auf den zweiten Blick, aber man kann sich sicher sein, dass jedes eingefangene Bild wichtig ist und nicht umsonst gezeigt wird. Das einzige was hier etwas stört ist der Einsatz von einigen Zeitlupensequenzen. Mag es in den Szenen nach denen Steward Ecxtasy genommen hat noch passen, wirkt der Effekt an anderen Stellen einfach deplaziert und sieht mehr nach dem Versuch aus, dem Zuschauer zu zeigen, was man denn so alles kann.

Nichts zu meckern gibt es dafür bei den Darstellern. Natalie Portman ist hier so gut wie noch nie und verleiht der Figur der Sam nicht nur Ausstrahlung sondern auch die nötige Tiefe. Wirklich eine ganz große Vorstellung. Gleiches gilt auch für Ian Holm, der mit der Rolle von Stewards Vater eine der schwersten und undankbarsten des Films inne hat. Er hat nur wenige Momente, in denen er aber eindrucksvoll zeigt, warum er zurecht als einer der besten Charakterdarsteller gehandelt wird. Schade das im fertigen Film eine längere Szene mit ihm und Zach Braff rausgefallen ist, aber zumindest in den Deleted Scenes des DVD sollte man sich diese Leistung anschauen. Eine wirklich starke Szene. Damit wären die bekannten und großen Namen der Besetzungsliste auch schon abgearbeitet. Die restlichen Darsteller sind zumeist eher im Independentkino verwurzelt, schaffen es aber auch ohne weiteres in dieser „großen“ Produktion zu bestehen. Zach Braff selber spielt erfreulich zurückhaltend und gibt der Figur des Steward somit etwas leicht geheimnisvolles, das sich dem Zuschauer erst mit der Zeit erschließt. Wenn er auf diesem Level weiter bestehen kann, darf man sich noch auf einige tolle Filme mit ihm gefasst machen.

Ein großes Lob gebührt auch der Zusammenstellung des Soundtracks. Die Songs passen sich wundervoll in die Story und die Bilder ein und verstärken die Wirkung der Bilder und Dialoge. Von Simon & Garfunkel über Coldplay bis hin zu etlichen Bands und Songwritern aus der Independent Ecke reicht hier die Auswahl, die auch akustisch den Film von vielen anderen abhebt. Eindeutig ein Soundtrack zum immer wieder anhören und genießen.

Letztlich ist das Fazit eindeutig. Zach Braff ist mit „Garden State“ ein grandioses Debüt als Regisseur und Drehbuchautor gelungen. Wenn man zu dem noch im etwa im Alter der Figuren im Film ist und sich mit ihren Problemen und Situationen zumindest ein wenig identifizieren kann, bekommt man ein vergnügliches Filmerlebnis, das durchaus aber auch zum nachdenken über das eigene Leben anregt. Und so soll Kino ja im Idealfall sein, unterhaltsam und doch mit einem gewissen Anspruch. Ein Film den man nicht so schnell vergisst und sicherlich auch öfters sehen kann ohne gelangweilt zu werden. Dafür sorgen allein schon die Darsteller und der Soundtrack. 9 von 10 Punkten.

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