Review

Ich würde jetzt nichts lieber tun, als in den Kritikerkanon einstimmen, daß „Garden State“ für mich die Offenbarung des Jahres in punkto Film gewesen ist, aber ich muß bei dem Urteil bleiben, daß ich zwar einen ganz starken und emotional stimulierenden Film gesehen habe, aber das letzte Quentchen Abgebrühtheit noch fehlt, um daraus einen wirklichen Klassiker zu machen..

Zach Braffs Skript- und Regiedebut ist allerdings eine wahre Fundgrube an Momenten, die man nicht so schnell wieder vergessen wird, ein kleines Schatzkästchen an Szenen, in der die Gefühle Achterbahn fahren, weil man nicht so recht weiß, welches man zuerst nach vorn lassen muß.
Braff selbst hat die Rolle des Andrew „Large“ Largeman übernommen, eines seit Jahren mit Medikamenten zugedrönten Kleinschauspielers, der zum Begräbnis seiner Mutter nach New Jersey zurückkehrt und dort so etwas wie ein Leben wiederfindet, indem er rumhängt, ein Mädchen kennenlernt und viele seltsame Leute trifft.

Das Besondere an diesem Film ist seine Darreichungsform.
Nichts wäre leichter gewesen, als ihn per Off-Kommentar zu einer humoristischen Tour-de-Force zu machen, stattdessen muß man sich das Schicksal des Protagonisten selbst erarbeiten wie in einer Psycho-Collage. Braff verläßt sich dabei auf seinen Einfallsreichtum, indem er immer wieder Bilder hervorzaubert, die vielleicht mit der Story nicht unbedingt etwas zu tun haben, aber wie Kontaktkleber am Zuschauer haften.

Dabei kommt eine lose Abfolge von Vignetten zustande, Bild- und Szenenfolgen ohne passende Anschlüsse, die Eindrücke und Aufschlüsse vermitteln, aber den Zuschauer in Andrew versetzen, während man gleichzeitig Gelegenheit hat, ihn von außen zu betrachten.

So beginnt alles mit Bildern eines Flugzeugabsturzes, an dem Large als Passagier versteinert teilnimmt, ein Traum, übergeleitet in sein eigenes Schlafzimmer, einen klinischen Traum in sterilem Weiß, sofort den Eindruck vermittelnd, daß hier jemand on the edge ist.
Über die Todesnachricht geraten wir in seinen Nebenjob als vietnamesischer Kellner, was uns die Depressionen vom Gesicht ablesen läßt. Wieder eine weiche Überblendung zur Beerdigung seiner Mutter, auf der das Klagelied auf unnachahmlich großmäulige Art und Weise gesungen wird. Auf der Trauerfeier hat er dann ein bizarres Gespräch über ein Hemd und ein Gästebadezimmer und schließlich sieht man ihn in einem Insert das Hemd zur Probe tragen, Ton in Ton mit der Tapete. Dazwischen ein nicht minder abstruses Gespräch mit ehemaligen Schulkollegen und jetzigen Totengräbern.

Die Szenen sind wie die wenigen klaren Momente des Lithium-Opfers, eines Mannes ohne Perspektive, aber mit persönlicher Tragödie, eines Betäubten ohne Lebenstraum, bzw. ohne Wahrnehmung desselben. Large verschmilzt mit dem Hintergrund, nimmt weder sich wahr, noch wird er von anderen richtig wahrgenommen – alle nehmen an, als Darsteller in Hollywood sei er etwas anderes oder besseres oder schrägeres – aber niemand fragt nach.

Es ist müßig, diese Abfolge nachzuerzählen, jedes Bild hat seinen Sinn und viele davon bleiben nachdrücklich hängen, sei es nun durch Momente erdfernen Humors oder durch eine sedierende Langsamkeit in den bemühten Gesprächen der Charaktere, nur unterbrochen von der Energie Nathalie Portmans.
Tatsächlich gehen einem die magic moments hier reihenweise nicht aus dem Gedächtnis: ein abgerissener Tankstutzen, der noch im Tank steckt; ein Neurologenzimmer, gepflastert mit Diplomen, so daß das Letzte unter die Decke genagelt wurde; ein Röhrensystem für die zahlreichen Hamster in Sams Haus, die Komisches-Geräusch-Idee zur Aufmunterung; die Erkundung einer riesigen Untiefe mitten in New Jersey, an deren Rand ein Schiff steht; die Abfolge einer wirren Drogenparty unter dem Einfluß von Extasy; der magische Einsatz von Licht in einem Swimming Pool für die Annäherung von Portman und Braff; eine ähnliche Szene vor einem gigantischen Kamin; das Tapetenhemd; Nathalie Portmans Motorradhelm; ein Blindenhund, der sich wie der weiße Hai an Andrew anschleicht, um dann sein Bein zu begatten, mit ihrem Portmans wiederholtem Hinweis, dem Tier in die Eier zu treten, man könnte die Kette schier endlos weiterführen.

Das Problem ist, daß der Film mittels seiner Bilder zwar diagnostiziert, aber den Gesundungsverlauf der Vorstellung der Zuschauer überläßt. Man kann das Erwachen Andrews nur langsam an seinem Gesicht ablesen, während Nathalie Portman als notorische Lügnerin und ständig lachende Quasselstrippe gleichzeitig ihn und die Zuschauer anwärmt, als ginge es um eine Massenheilung.

Portman ist (wie im latent ähnlich gelagerten „Beautiful Girls“) das emotionale und energetische Zentrum, ein Gefühlskatalysator und es ist schwer vorstellbar, daß der Film ohne sie ähnlich wirksam gewesen wäre. Braff spielt routiniert und unaufdringlich, aber seinen Zustand kann er brauchbar transportieren, wenn er auch manchmal in Scrubs-Manierismen verfällt (warum man ihm nicht seine wesentlich charismatischere TV-Stimme verliehen hat, ist ein trauriger Tiefpunkt).
Peter Sarsgaard gibt Andrews „Kumpel“ Mark, eine kaum entschlüsselbare Figur, weniger ein Freund, mehr ein Begleiter mit einem ähnlichen Problem, der seine Beweggründe auch am Ende kaum erklärt und beweist, daß Freunde nicht immer das sind, was wir uns gemeinhin unter ihnen vorstellen.

Was dann noch fehlt, ist die Pointe und genau da verliert „Garden State“ den Boden unter den Füßen. Larges Erkenntnisse aus den drei Tagen, in denen er sich in Sam verliebt hat, sind nämlich das Offensichtlichste unter dem Flachen, ein Plädoyer für persönliches Glück, daß mehr oder weniger in kleinstädtischer Familienidylle mündet. Sein Versuch, mit dieser Erkenntnis, sein Hollywoodleben zu ordnen, ist ein dramatischer Schlenker vom Überflüssigsten, um ein emotionale Abschiedsszene zu provozieren.
Praktisch dieselbe Erkenntnis noch einmal bringt Large dazu, am Ende umzukehren, aber sein gefühlsgeladener Monolog ist leider eine klischeehafte Plattheit und hat nicht den entscheidenden Hauch von künstlerischer und persönlicher Individualität, der dem Film wie eine Parfümwolke anhängt.
Ich könnte jetzt sagen, hier ist jemandem am Schluß nichts mehr eingefallen, aber das wäre unverantwortliche Bosheit. Nur sollte Zach Braff jemand sagen, daß auf eine Reihe von brillianten Augenblicken am Ende ein Brilliantfeuerwerk folgen muß und nicht ein geschwenktes Feuerzeug.

Dennoch hat der Film so viel für Herz und Augen zu bieten, daß ich mich immer liebevoll erinnern werde. Und dann mache ich ein Geräusch, daß an diesem Ort noch niemand gehört hat und fühle mich als etwas Besonderes. (8/10)

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