Review

New Jersey - der "Garden State". Der Arsch von New York und der gesamten USA.

In einem Song der "Bloodhound Gang" hieß es einst:
"We rock Philadelphia Baltimore Las Vegas Indianapolis
Louisville Atlanta New Orleans and Minneapolis
Houston Tucson Phoenix Buffalo
Tulsa Mobile Albuquerque Wichita and Orlando (...)
...But no where in New Jersey that's the only place we won't go."
Was um Himmels Willen verschlägt Zach Braff - den knuddeligen, auf sympathische Weise leicht spakigen Typen aus "Scrubs" - also in dieses Höllenkaff?

Hier die Story (tolle Überleitung, oder!?):
Der Tod seiner Mutter zwingt Zach, oder besser gesagt Large - so der Name seines Charakters hier – in sein Heimatnest zurück, welchem er vor knapp zehn Jahren den Rücken zugekehrt hat.
Doch irgendwie scheint in dem Einöd die Zeit stehen geblieben zu sein. Bereits auf der Trauerfeier läuft der Twen einem alten Schulfreund über den Weg, der sich heute wie damals die Zeit immer noch am liebsten mit Partys und Drogen vertreibt.
Nach einer durchzechten Nacht lernt Large die hübsche Sam (Natalie Portman) kennen und beide verbringen etwas Zeit miteinander. Sie reden, beerdigen gemeinsam einen Hamster… was man eben so macht, wenn man sich kennen lernt.
Je länger Large in dem miefigen Nest abhängt, desto mehr schließt er die verhasste Heimat (…und natürlich auch Sam) ins Herz. Doch der Zeitpunkt der Abreise rückt mit jedem verzauberten Moment ein kleines Stück näher…

Zach Braffs Kino-Debüt ist nicht nur eine dezent tragische Komödie voller Alltagspoesie und schmunzelfreudiger Situationskomik, sondern auch eine moderne, unfassbar bezaubernde Liebesgeschichte.
Large – ein melancholischer Einzelgänger, der sich seit seiner Jugend hauptsächlich von Psychopharmaka und Antidepressiva ernährt, und der mit der Ruhe eines Zen-Mönchs durch den Alltag schwebt –
trifft auf die bildhübsche Sam – eine vernarrte Tierliebhaberin und Epileptikerin, die in gewisser Weise auch irgendwie so was wie ein Freak is’ – und ab dem ersten Blickkontakt fliegen die Funken aufs heftigste.
Aber alles unter dem Deckmantel des verblümten „sich-Kennen-Lernen-Geschwafels“ versteht sich. Wobei… Smalltalk betreiben die beiden eigentlich zu keiner Sekunde. Beide offenbaren sich einander voll und ganz, tauschen Geheimnisse aus und es geht einem unweigerlich das Herz auf, wenn man dem Gesprächsfluss bzw. –verlauf ihrer heimlichen Liebelei lauscht.

Einfach traumhaft! Die anfängliche „Testphase“ einer Romanze wie aus dem Bilderbuch oder aus heimlichen Wunschvorstellungen: kennen lernen, sich verstehen, zusammen abhängen. Kein Küssen, kein Rummachen, kein Sex. Nur pure Verliebtheit. Einfach… ich muss es noch mal sagen… einfach traumhaft!
Und Natalie Portman – der Honigengel in Chucks und engen Jeans – mit dem Lächeln, das selbst Herzen aus Blei zum Schmelzen bringen kann, ist dann noch der Zuckerguss auf dem Lebkuchenherz.
Ohne Scheiß, vor diesem Film war mir die Portman relativ unsympathisch, da ich sie vorurteilsvoll in die Tussi-Schublade zu den ganzen anderen bildhübschen, makellosen und hochnäsigen Hollywood-Grazien Marke "Everybody’s Darlings" gesteckt hatte.
Hier muss ich aber zugeben, ist sie einfach zum Verlieben. Selbst den Ghosti, das alte Eisenherz, hat die rehäugige Schöne geknackt…

Doch leider leider leider hat das ganze doch noch einen Haken und zwar ---ACHTUNG SPOILER--- das Happy End, denn dieses lässt die sympathische, zerbrechliche und fast schon authentische Liebelei voll und ganz im Kitsch baden gehen.
Ich mach’ mal einen kurzen Überflug über ein paar meiner Meinung nach herausragende Liebesgeschichten des modernen Kinos:
- „Reality Bites“: Hatte auch ein kitschiges Ende, doch die Akteure mussten den ganzen Film lang auch hart darum kämpfen.
- „True Romance“: Hatte auch ein Happy End, welches Clarence aber ein Auge gekostet hat.
- „Harold & Maude“ und „Sonatine“ (ich weiß, sehr weit hergeholt…): Kein Happy End, obwohl die Paare in beiden Filmen perfekt zusammen gepasst hätten => Brillant!
- "Before Sunrise": auch kein Happy End => auch sehr brillant!
Nennt mich herzlos oder neidisch, nennt mich einen Menschenhasser, beziehungsunfähig oder einen „Das Glas ist halb leer“-Typ … aber, wenn sich am Schluss beide glücklich und zufrieden in den Armen liegen, dann geht der anfängliche Zauber und die Zerbrechlichkeit ihres imaginären Bandes, die ja eigentlich der Reiz an der ganzen Sache war, irgendwie flöten.
Dass die beiden am Ende Hand in Hand die Bühne verlassen, ist irgendwie zu absehbar, zu logisch, zu harmonisch.
Schon traurig, aber mir hätte persönlich besser gefallen, wenn ihnen das Leben am Schluss doch noch einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte, und wenn ich ehrlich bin, hab' ich auch die ganze Zeit drauf gewartet, dass sich beispielsweise rausstellt, dass Sam todkrank ist, oder dass Large am Schluss mit dem Flugzeug abstürzt, oder so....
Aber lassen wir mal meine Gier nach Schmerz und dem Leid anderer außen vor: Der finale „Ich liebe dich! Und das ist das einzige, dessen ich mir wirklich sicher bin“ – Dialog würde wahrscheinlich auch gut ans Ende der nächsten Julia Roberts-Schnulze passen… ---SPOILER ENDE---
...Kitsch pur! Dieses bescheuerte Ende hat mir einen Film, dem ich 20 Minuten vor Zieleinlauf am liebsten noch mit der Höchstwertung rühmen wollte, echt zunichte gemacht...

Aber wisst ihr was: Ich verzeihe dem Film!!! Ich verzeihe ihm...
So krass, ich sag mal, „unrealistisch“ wird’s zum Glück erst ganz am Schluss. Ca. 80 Minuten lang ist „Garden State“ ein einfach bezauberndes Märchen über Freundschaft, Verliebtheit und die Definition des Begriffes „zu Hause“. Und ich schwör' euch, wenn ihr euch diesen Streifen mit einem angeknacksten Herzen reinzieht, wird er wie Balsam für euere geschundene Blutpumpe sein.
Selbst Tage später werdet ihr die wohltuende Wirkung des in diesem Film vermittelten Lebensgefühls noch in eurer Magengrube spüren...

Die besonderen Clous sind aber vor allem die Extra-Portion Melancholie, der Ballanceakt aus Schwermütigkeit und unerträglicher Leichtigkeit und der ultra-chillige, unheimlich eindringliche Soundtrack von Bands wie Coldplay ("Don't Panic") oder The Shins ("New Slang"), welche hier jeden Moment, jeden Atemzug und jeden Lidschlag in pures Gold verwandeln.

"Alles bestens - Sie leben!"

Tragikomödie, Liebesgeschichte und Kleinstadt-Märchen in einem!
Zach Braff liefert mit seinem herrlich schlichten, unreißerisch und ungeschminkt daherkommenden Regie-Debüt ein einfach herzerweichendes, auf ganzer Linie bezauberndes und erfrischend Hollywood-untypisches Filmchen ab, dessen minimalistisches, gefühlsbetontes Konzept voll und ganz aufgeht, und er und Natalie Portman sind schlicht und ergreifend ein Paar zum Verlieben.

Trotz einiger Mängel gegen Ende (welche aber wohl eher auf mein düsteres Wesen und meine pessimistische Grundhaltung zu Leben und Liebe zurückzuführen sind)
ist dieses dezente Filmchen über den Schwebezustand zwischen Jung- und Erwachsensein und junges Glück also schon verflucht sehenswert...
Weiter so Zach!!!

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