Review

Good luck exploring the infinite abyss!
Thank you. And hey: You too!

Der Twen ist eine ausgesprochen selten tragisch erfasste Gestalt in der demographischen Bevölkerungsordnung unserer Welt. Er ist nun einmal ökonomisch die relevanteste aller Zielgruppen. Er steht in der Blüte seines Lebens, ist aus der schwierigen Pubertät herausgewachsen und scheint generell vorerst alle Probleme beiseite geschoben zu haben. Denn er ist noch jung und das Leben hat so viel zu bieten. Wer macht sich sorgen um einen Twen? Die Zwanziger sind die beste Zeit unseres Lebens.

Wohl nur ein Twen hat die Tatsache voll und ganz in seinem Bewusstsein, dass auch seinesgleichen nicht vor Schicksalsschlägen gefeit ist. Möglicherweise - das werde ich persönlich mit meinen derzeit 25 Jahren aber noch selbst herausfinden müssen - hat man in dem Alter, in dem man einen Twen schon seinen Sohn oder seine Tochter nennen kann, vergessen, dass die Lebensqualität sich nicht unbedingt aus dem Alter ablesen lässt, weil jeder Mensch ein Individuum ist, dessen Leben auf eine andere Art und Weise verläuft. Die ökonomischste aller Altersklassen ist kein Garant für absolute Glückseligkeit, ebensowenig wie Ruhm oder Geld. Vielleicht bedurfte es eines Insiders, dies herauszustellen.

Zach Braff.

Dass der mit seinem Debüt allerdings ein so abgeklärtes, punktgenaues Charakterdiagramm eines jungen Menschen liefern könnte, ohne sich auch nur den geringsten erzählerischen Schnitzer zu erlauben, das konnte man so nicht erwarten.

“Garden State” entspricht Braffs Vorstellungen von seiner Tätigkeit als Schauspieler die Mischung von Komödie und Tragödie betreffend ziemlich genau. Unter dem Gesichtspunkt, dass “Scrubs”, die Serie, die ihn populär machte, keine reine Comedyshow ist, sondern über einen tiefsinnigen melancholischen Unterbau verfügte, der die Kritiker jubeln ließ, wagte er sich überhaupt erst in den Serienbereich. Sein Spielfilmdebüt als Regisseur und Autor trägt deutlich gekennzeichnete autobiografische Züge und vereint alle Anforderungen in sich, die der junge Filmemacher an sich stellte.

Bei diesen Ambitionen ist es kaum vorstellbar, mit welcher Übersicht er ein Werk stemmen konnte, das man einem erfahrenen Regisseur zutrauen würde. Betreffend Storybogen, Dramaturgie, Bildkomposition, Schauspielerei, Schnitt und Score ist diese Geschichte so sauber und geordnet erzählt, als sei dies ein Spätwerk in der Filmographie eines alten Hasen, mit dem Unterschied, dass der Ton, dass das Lebensgefühl erbarmungslos genau dasjenige eines gebürtigen Endsiebzigers im Jahre 2004 trifft. Dieses Nebeneinander von technischer Perfektion und mittig getroffenem Gefühl macht den Reiz von “Garden State” aus.

Sicher, das nackte Gerüst mag ein alter Bekannter sein, all das Abenteuer-Flair, das Unbekannte, die schicksalsgesteuerte Neuordnung des eigenen Lebens weit entfernt von den eigenen vier Wänden mit der Verarbeitung des Todes eines geliebten Menschen, Traumata aus der Vergangenheit und neue Bekanntschaften. Jedoch wird das Gerüst so geschickt mit Leben gefüllt, dass sich mit dem Abspann reine Zufriedenheit einsetzt.

Obwohl im Gesamtbild vier flüssig erzählte Tage unter Wolken der Tristesse mit ein paar Strahlen Sonnenschein erzählt werden, zeigen sich innerhalb der einzelnen Szenen jene Skurrilitäten, die einem aufstrebenden Regie-Neuling traditionell zu eigen sind - Skurrilitäten, die in den jeweiligen Szenen die Regentschaft übernehmen, sich im Gesamten aber dem Gefühl unterwerfen. Da sind solche Momente des Absurden wie derjenige, als Andrew Largeman (Braff) nach einer Nacht mit Alkohol und Drogen aufwacht und das erste, was er am Morgen sieht, ein Ritter ist, der ihn von der Küche aus anstarrt und sich dann Cornflakes macht. Ein Hemd, das noch auf der Trauerfeier nach der Beerdigung seiner Mutter anprobiert werden muss und das ihn mit dem Hintergrund verschmelzt. Oder ein Hamster, der in einer Situation voller Missverständnisse begraben wird. Die Dialoge sind dabei gut, die Ausdrücke der Gesichter aber besser. Die Begeisterung für das Normale in einer etwas ungewöhnlichen Situation steigt. Diese Menschen verhalten sich allesamt menschlich. Was sie sagen, was sie tun, ist nicht theatralisch für das Kino aufgeplustert mit exzellentem Wortwitz oder schrägen Aktionen - es sind Szenen des Lebens, Szenen, die man ähnlich (aber nie exakt genauso) vielleicht selbst schon erlebt hat.

Braff stellt die Individualität einer jeden Figur dezent heraus, seine eigene allen voran, gleich dahinter die direkte Sam (Natalie Portman), die mit einer erfrischenden Ehrlichkeit in Andrews Leben eindringt, eine Ehrlichkeit jedoch, die sich nicht über die semantische Richtigkeit ihrer Äußerungen definiert - sie ist eine notorische Lügnerin - sondern über ihre Menschlichkeit, ihre Fehlbarkeit. Geschickt, weil unbemerkt, spannt Braff langsam ein Netz der Bekanntschaft bis hin zur Freundschaft und Liebe und zeigt, wie seine Hauptfigur den Tunnel aus seinem Gefängnis in die Freiheit betritt. Frei von Psychologie, rein über die Verhaltensstudie, befreit Braff seine Rolle von den Fesseln der Vergangenheit und spricht sich mit seinem Vater und Psychologen (verbittert gespielt von Ian Holm) aus. Ein schmaler Grat zwischen Komödie und Tragödie wird beschritten, den Braff mit Grazilität zu beschreiten weiß.

Herrliche Bilder voller Melancholie unterstützen das Gefühl eines Meilensteins in der Lebensepoche des Andrew Largeman, einmalige Kompositionen verschmelzen unter einem graublauen Himmel. Die Kamera lässt sich Zeit, um die Gesichter zu erfassen, deren Ausdrücke ein Sinnbild ihres Inneren sind. Eine langsame Rückwärtsbewegung, und aus einem abstrakten Detailausschnitt wird ein Gemälde aus Herbstlaub und Stein. Ein Schrei dreier Menschen, die sich damit auf dem höchsten Punkt des Geländes gleich neben einem Abgrund von all ihrer Last befreien, die Kamera eilt dem Schall mit Windeseile hinterher. Dazu der stimmungsvolle Score, manchmal in den Handlungsrahmen eingebunden, manchmal sensibel darüber hinweggespielt. Das ist eine Melancholie, die dem klischeehaft von der Gesellschaft vorgezeichneten Lebensgefühl für diese Gruppe von Menschen empfindlich zuwiderläuft.

“Garden State” ist nicht nur ambitioniertes, es ist weiter auch kongenial umgesetztes Dramakino, das mit seiner Feinfühligkeit für die Individualität seiner Zielgruppe zu begeistern weiß. Die Emotionalität des Gezeigten wirkt echt, weil nie überspielt und treffend mit Komödie abgeschmeckt. Braff gelang es, ein natürliches Stück Leben wiederzugeben, auch wenn der Erzählgegenstand an sich nicht mehr neu ist. Im wahrsten Sinne des Wortes einzigartige Szenen entschädigen aber dafür, denn niemand mehr wird exakt genau diese Wirkung nochmal jemals wieder erreichen. Eine andere, gleichwertige, emotionalere... mag sein. Aber niemals mehr exakt die gleiche. “Garden State” ist einzigartig.

Details
Ähnliche Filme