Unter den Starregisseuren im Horrorgenre ist Wes Craven sicher einer der umstrittensten, da er, wenn er nicht gerade irgendwelche Auftragsarbeiten herunterkurbeln musste, durchaus mit Mut für Variation Horrorstoffe drehte, die nicht ganz den Genrevorgaben entsprachen.
Eines seiner interessanten Nebenwerke, die es nicht zu Klassikerruhm brachten, ist „Deadly Friend“ aus dem Jahre 1986, eine Mischung aus Teeniehorror und Frankenstein-Story. Der mad scientist, der gar nicht so mad ist (eigentlich überhaupt nicht), ist in diesem Falle das jugendliche Genie Paul Conway (Matthew Labyorteaux), der mit seiner Mutter Jeannie (Anne Twomey), der in eine neue Stadt zieht, da er dort an der Uni lernen und arbeiten soll, während Gleichaltrige sich noch mit der Schule herumplagen. Tatsächlich ist Paul kein ehrgeiziger Fanatiker, sondern ein Teenager, der mit der Verantwortung, die er als Wissenschaftler trägt, nicht so recht umgehen kann.
Er freundet sich mit den gleichaltrigen Nachbarskindern Samantha Pringle (Kristy Swanson) und Tom Toomey (Michael Sharrett) an und findet in ihnen Freunde. Stolz präsentiert er BB, einen selbstgebauten, intelligenten Roboter. Doch zwei Ereignisse werfen Paul aus der Bahn: BB wird von der widerlichen Nachbarin Elvira Parker (Anne Ramsey) irreparabel zerstört. Kurz darauf stürzt Samantha nach einem Schlag von ihrem dauerbetrunkenen Vater Harry (Richard Marcus) die Treppe hinunter und liegt durch die Folgen des Sturzes im Koma. Dass der Vater die Tat als Unfall tarnen kann, das ist das schon in „Nightmare on Elm Street“ behandelte Thema der Elternschuld und der Vertuschung, und auch hier werden solche Sünden bestraft.
Als man die Maschinen der hirntoten Samantha abschalten will, stiehlt Paul die Leiche und setzt ihr BBs Intelligenzchip ein. Tatsächlich gelangt sie ins Leben zurück – scheinbar zumindest, denn die erweckte Samantha besitzt kaum menschliche Regungen und wendet sich gegen die ehemaligen Feinde von sich und BB…
Wer den Horrorfilm allein mit Morden, Splatter und Gewalt assoziiert, der wird mit „Deadly Friend“ kaum glücklich werden. Wenige Tote und kaum Gore gibt es zu sehen, auch wenn die Szene, in der die untote Samantha den Kopf eines Opfers durch einen Basketballwurf zum Platzen bringt, berühmt-berüchtigt ist. Tatsächlich stehen diese durchaus spannend gemachten, handwerklich soliden, aber auch nicht übermäßig kreativen Mordszenen nur bedingt im Zentrum von Cravens Horrordrama, das sich viel Zeit mit der Einführung seiner Figuren lässt.
Vor allem Paul als Genie im Teenie-Körper steht im Zentrum des Films, der das Seelenleben eines Jungen erforscht, der ganz normale Teenagersorgen hat, etwa wenn er sich in die unter der Fuchtel ihres fiesen Vaters stehende Samantha verliebt, auf der anderen Seite aber mit experimenteller, potentiell gefährlicher Technologie umgehen kann. Der schuldlos Schuldige ist in der zweiten Hälfte des Films zunehmend damit beschäftigt jene Misere zu beseitigen, die er ungewollt verursacht hat, was Craven für einen durchaus spannenden Wettlauf gegen die Zeit nutzt (bald wird klar, dass Samanthas Aggressionen nicht so einfach abzubauen sind), vor allem aber als Studie seiner sympathischen Hauptfigur.
Neben der recht einfachen Geschichte steht dem Film dabei vielleicht auch noch seine extrem starke Verortung im Teenfilm der 1980er leicht im Wege. Die wissenschaftlichen Aspekte wie der ins Hirn eingesetzte Chip sind heutzutage (und vermutlich auch schon zur Entstehungszeit) einfach als Mumpitz zu enttarnen und wenn die Kiddies als Freizeitaktivitäten wahlweise gemeinsames Lernen, Essen oder kreuzbraves Basketballspielen in bieder-amerikanischer Tradition wählen, dann wirkt „Der tödliche Freund“ etwas naiv und uninspiriert. Auch etwas gewollt und eher pflichtschuldig für Genrestandards eingefügt erscheint der letzte Schock vor den Credits, eine Art Variante des „Carrie“-Endes, auch wenn er ganz gut sitzt.
Matthew Labyorteaux, Kristy Swanson und Michael Sharrett wirken in den Alltagsszenen hin und wieder steif (gerade das Basketballspiel sieht so aus als würden 8jährige, keine 15jährigen spielen), überzeugen aber im späteren Verlauf: Labyorteaux als jugendliches Genie in (nicht nur) emotionalen Nöten, Swanson als untoter Roboter-Mensch-Hybrid mit steifen Bewegungen. Anne Ramsey und Richard Marcus spielen eindimensionale Fieslingsrollen, aber die dafür richtig hassenswert und dementsprechend überzeugend.
Insofern schwächelt Wes Cravens einfache, aber effektive Teenievariante von Frankenstein zwar hier und da in der Umsetzung, entpuppt sich aber als ungewöhnlicher Horrorfilm der Achtziger, der anderes versucht als Myriaden uninspirierter Slasher. Ein durchaus gelungenes Portrait eines jugendlichen Genies, das die Geister, die es rief, nicht so einfach los wird, und meist spannend, trotz einiger Schwächen und des langsamen Tempos.