Knapp neun Jahre hat Mamoru Oshii die Fans und den Rest der Welt auf eine Fortsetzung seines Meilensteins Ghost in the Shell warten lassen. Kaum ist Innocence fertig spaltet er die Kritiker im Gegensatz zu seinem Vorgänger in zwei unvereinbar erscheinende Lager, narkotisierendes pseudophilosophisches Geschwafel für die einen, ein tiefgründiges Meisterwerk für die anderen. Was ist dran und vor allem was steckt drin an Ghost in the Shell: Innocence?
Der Film ist eine direkte Fortsetzung des ersten Teils, Kenner des Serienablegers Stand Alone Complex können diesen für den Filmgenuss komplett aus dem Ghost in the Shell Universum ausblenden. Im Jahre 2036 sind kybernetische Körper allgegenwärtig. Die Welt besteht aus echten Menschen, deren Gedächtnis teilweise mit externen Datenbanken optimiert wird, Cyborgs mit menschlichen Gehirnen, Puppen, welche menschliche Gefühle entwickeln können und ganz normalen Robotern. Einige dieser Puppen ermorden nun unerklärlicherweise ihre Besitzer, die Cops Batou und Togusa ermitteln, kommen dabei einer mysteriösen Organisation auf die Schliche und lüften letztendlich das Geheimnis welches hinter der Entstehung der künstlichen Seelen in den Puppen, der so genannten Ghosts, steht.
Das Konzept ist eigentlich recht leicht zu durchschauen, Oshii geht es darum uns seine Zukunftsvision zu präsentieren. So verfolgt er recht lose den Plot, schweift aber immer wieder gerne und ausufernd in fantastisch gezeichnete oder gerenderte Details ab, die uns am Rande des Weges der Protagonisten begegnen. Zudem beschränkt sich der Film nicht allein darauf uns diese Welt nur zu zeigen, nein er hinterfragt auch deren Konsequenzen für die menschliche Gesellschaft, vor allem durch die ständigen Reflektionen der beiden Hauptfiguren Batou und Togusa. Leider springt Innocence hier so schnell von Themenkomplex zu Themenkomplex, dass es eigentlichen jeden Zuschauer der nicht gerade in Richtung Geisteswissenschaften studiert überfordern dürfte. Da waren wir wenn es um die Möglichkeiten der Seelenfindung von Maschinen geht noch bei den Grundzügen des Existenzialismus, schon reden die Protagonisten über Wahrnehmungspsychologie frei nach Humberto Maturana (Baum der Erkenntnis: findet man übrigens recht häufig in Animes). Bei einigen Szenen hab ich keine Ahnung was Oshii uns damit sagen will, bei einigen der Zitate mit denen sich die Cops ständig bewerfen ebenso wenig, aber es macht doch fast immer Spaß über das Gezeigte und Gesagte nachzudenken. Vor allem die visuelle Symbolik ist etwas leichter verständlich und wird Kennern des Vorgängers viel Freude machen. In einer der verzwicktesten Szenen des Films, wenn wir uns in einer kunterbunten Villa jenseits der Realität befinden, gönnt uns der Film ein gewisses Gefühl der Befriedigung wenn man die Einmischung von Major Kusanagi sofort entlarvt. Wozu man allerdings keine Chance hat, sollte man Ghost in the Shell nicht kennen. Etwas frech ist es schon vom Film, dem Zuschauer so wenige Strohhalme zu reichen, eine ähnlich komplexe Thematik hat Serial Experiment Lain schon mal wesentlich zuschauerfreundlicher präsentiert, hatte dafür durch das Serienformat aber auch bedeutend mehr Zeit.
Man mag den Film nun vorwerfen wenig Neues zu bieten, da dieses Konzept bereits im Vorgänger eingesetzt wurde und auch dort schon bestens funktioniert hat. Aber während Ghost in the Shell zu einer Zeit auf die Zuschauer losgelassen wurde, als das Internet gerade seinen Durchbruch feierte und in diesem Zusammenhang passender weise Themen wie die virtuelle Realität und den weltweiten Zugriff auf relevante und irrelevante Informationen, im Zusammenhang mit dessen Gefahren behandelte, ist Innocence auf das Hier und Jetzt zugeschnitten. Wieder denkt Oshii in Voraus und schaut sich das mögliche zusammenleben von Mensch und Maschine sowie deren Mischformen genauer an.
Wer Action sehen will, lässt es lieber gleich bleiben, Innocence bietet insgesamt zwei Actionszenen, die in ihrer Choreographie und Ästhetik den Rest des Films in nichts nach stehen, aber leider recht kurz ausgefallen sind. Wer Action im Ghost in the Shell Universum sehen will greift besser zu Stand Alone Complex. Ansonsten sollte jedem Menschen mit intaktem Augenlicht des Öfteren die Kinnlade runterfallen, denn eine so atemberaubende Symbiose aus computeranimierten Hintergründen und gezeichneten Charakteren hat es bisher noch nicht gegeben. Der Film ist richtiggehend verspielt was den Umgang mit Farben angeht. Seien es düsteren Grün- und Brauntöne in den Gassen der namenlosen (aber an Hongkong angelehnten) Metropole, der faszinierend orange Himmel um die Parade oder das kalte Blau in der Puppenfabrik, man braucht quasi nur ein Bild eines Settings zu sehen und schon erzeugt der Film die passende Stimmung. Selbiges gilt für die Kamera, teilweise ruhig und zentriert, teilweise völlig entfesselt, weit hinter dem was in einem Realfilm technisch möglich wäre, fängt sie das Geschehen stets im richtigen Winkel und vor allem Tempo ein. Die Musik wurde teilweise aus dem ersten Teil übernommen, teilweise neu komponiert, abgesehen von der Tatsache, dass sie jederzeit perfekt passt, kann man darüber nicht viel sagen, da aufgrund der fernöstlichen ungewöhnlichen Klänge wohl kaum Ohrwurmgefahr besteht.
Fazit: Die visuelle Schönheit von Innocence ist schlichtweg überwältigend, es gibt derzeit keinen Film, der hier auch nur annähernd mithalten kann. Selbst wenn man geistig auf Durchzug schaltet und sich mit dem Plot und den Gedankengängen dahinter keine Mühe gibt wird man daher von dem Film nicht enttäuscht werden. Wäre der Film ein wenig zuschauerfreundlicher und letztendlich weniger arrogant was die eigene Klasse (die er zweifelsfrei hat) angeht, wäre Innocence ein Meilenstein des Genres geworden. Nicht das er als Film dazu nicht gut genug wäre, aber ich denke er gräbt sich durch seine Unzugänglichkeit selbst das Publikum ab, dazu werden auch viele Fans des Vorgängers gehören. Ein Must-See ist Innocence dennoch.