Eine leere Hülle mit Allüren
2032: Eine beunruhigende Mordserie sucht Japan heim. Weibliche Lust-Cyborgs töten ihre Besitzer und begehen danach Selbstmord. Die Sektion 9, eine Abteilung des Innenministeriums, soll sich der Sache annehmen. Die Spezialagenten Batou (Akio Ôtsuka) und Togusa (Kôichi Yamadera) werden auf den Fall angesetzt. Sie vermuten, dass der Hersteller der Cyborgs – eine Firma mit dem Namen »Locus Solus« – Dreck am Stecken hat. Aber es ist nicht so leicht, an das Unternehmen heran zu kommen. Die beiden betreten die düsteren Ecken Japans. Dort müssen sie sich nicht nur physischer Gewalt stellen, sondern auch ihren existentiellen Ängsten.
Mamoru Oshii ist eine Wohltat für den japanischen Zeichentrickfilm. Er drehte einen der kunstvollsten Anime aller Zeiten: Tenshi no tamago (1985), eine religiöse Meditation von beispielloser ästhetischer Grösse. 2005 wagte er sich an die Verfilmung des überladenen Science-Fiction-Mangas Ghost in the Shell von Shirow Masamune. Er hat aus der unebenen Vorlage ein tief philosophisches Rätselspiel zum Leib-Seele-Problem gewoben. Ghost in the Shell gehört zu den Meisterwerken Sci-Fi-Anime, nur noch übertroffen von Katsuhiro Ôtomos Klassiker Akira (1988).
Und dann kam Ghost in the Shell 2: Innocence (2004), eine herbe Enttäuschung, die weder dem ersten Teil noch dem Regisseur Oshii gerecht wird. Was zunächst ins Auge fällt, ist der unschöne Mischmasch aus Zeichnungen und Computer-Animationen. Mit etwas Gnade könnte man einwenden, dass die Computer Generated Imagery das Künstliche der Roboter betone; in der Tat kommt die Technik vor allem bei Maschinen zum Einsatz. Aber das ändert nichts daran, dass es erdenhässlich aussieht. Schlimmer als das ist die Tatsache, dass sich Oshii in einer visuellen Opulenz verliert, die ihm gar nicht gut zu Gesicht steht. War der Originalfilm noch angenehm kontemplativ, geht es hier überschwänglich zu und her: riesige Industrietürme, endlose Hallen, ein verkitschter Umzug durch die Stadt.
Etwas Opulenz hat noch niemandem geschadet, und auch der erste Teil hat seine Allüren. Er kann es sich erlauben, denn der emotionale Kern stimmt, das Dilemma und die Faszination sind da. Und bei Innocence? Leerlauf. Das Drehbuch gibt Batou und Togusa kaum Eigenschaften. Sie sind genau so puppenhaft wie die Cyborgs, die sie jagen. Das wird Oshii bewusst so eingefädelt haben. In vielerlei Hinsicht ist Teil 2 sperriger als Teil 1 – er geht weniger auf die Erwartungen des Publikums ein. Das muss nicht schlecht sein. Aber man muss sich immer fragen, welchen Zweck eine solche emotionale Entleerung haben soll.
Gerechtfertigt werden die hölzernen Protagonisten durch die Hauptfrage des Filmes. Die lautet: »Wie lässt sich ein materieller Gegenstand von einem lebenden Wesen unterscheiden?« Weshalb ich das weiss? Weil es der Film selbst direkt offenlegt. Die Figuren sprechen fleissig über philosophische Themen, was Innocence eher wie einen Essayfilm wirken lässt. Aber die Erkenntnisse, die der Zuschauer aus diesem Essay ziehen kann, halten sich in Grenzen. Das Drehbuch verweist munter auf John Milton, Konfuzius, Charles Darwin, Jakob Grimm, und und und. (Mit dieser Zitate-Wut befindet sich der Film immerhin in guter Gesellschaft mit Shirow Masamunes Manga-Vorlage.) Auch René Descartes und das Alte Testament bemüht Oshii, aber viel Geistreiches kommt dabei nicht rum. All die Verweise wirken eher bemüht und prätentiös, als müsse man das Publikum über etwas aufklären. Als wolle sich Oshii rechtfertigen.
Viel Effekthascherei und Besserwisserei also, und dabei wenig Gefühl und Sinn. Ein Totalausfall ist Innocence dennoch nicht. Von Anfang an legt Oshii viel Wert auf Horror, was manchmal wahnsinnig gut gelingt. Puppen, die sich wie von Geisterhand bewegen, gehören zum Gruseligsten, was man sich vorstellen kann; denn sie führen uns vor Augen, dass das Menschliche und Künstliche näher beieinander sind, als wir zuzugeben bereit sind. Diesen Horror inszeniert der Regisseur mit sicherer Hand. Dass Oshii eine stilistische Kraft hat, beweist er, wenn er Batou bei ganz mondänen Handlungen zeigt. Diese Alltagsbilder sind äusserst subtil gezeichnet An anderen Stellen ist Oshii dann wieder seltsam plump: etwa beim Finale, das eine veritable Action-Gaudi ist, aber nicht viel aussagt. Ganz im Gegenteil zum kathartischen Krachen im ersten Teil.
Ich sage es nicht gerne, aber Ghost in the Shell 2: Innocence (2004) ist ein Reinfall. Der Film ist eine selbstverliebte Zitateschau, eine bedingt hübsche Hülle ohne Geist. Tiefe sieht anders aus. Mamoru Oshii hat in seinem Frühwerk vorgemacht, wie es geht. Hier ist die Tiefe lediglich eine Behauptung, die verkrampft da steht. Leer, wie eine Marionette ohne Meister.
3/10