Vorsicht, Spoiler!
"Leben bedeutet, 190 auf dem Tacho zu haben und 60 fahren zu dürfen."
Eine deprimierende Erkenntnis für Julien, der just an diesem Tag seine grosse Liebe Sophie genau 10 Jahre nicht gesehen hat.
Warum ? Wegen einer Wette!
Nicht weil sie ihm die Hochzeit vermiest hat oder weil er sie danach fast von einem Zug hat überrollen lassen. Nein, wegen einem Spiel - Top oder Flop! Ich habe die Dose - du machst , was ich sage! Jeux d`Enfants eben. Dumm nur, das die beiden mittlerweile zumindest körperlich erwachsen sind - oder wenigstens so tun. Und die Welt der Erwachsenen ist kein Spiel, sondern bitterere Realität, ganz besonders, wenn es um die Liebe geht. Oder etwa doch nicht ? Kann die kindliche Unbeschwertheit über den Ernst des Lebens obsiegen ?
"Jeux d`Enfants" ist eine Tragikomödie der besonderen Art und eine der skurrillsten Liebesgeschichten aller Zeiten: Sophie und Julien sind Träumer, Aussenseiter, einfach anders - kurzum: Sie gehören zusammen und der Zuschauer weiss das von Anfang an: Er sieht zwei Kinder, die eine ungewöhnliche Freundschaft aufbauen, indem sie sich gegenseitig zu immer fieseren Aktionen anstacheln, die ihre Eltern, insbesondere Juliens Vater, der nie über den Tod seiner Frau hinwegkommen soll, schier zur Verzweiflung bringen und die Lehrer ratlos zurücklassen.
Im jugendlichen Alter entdecken sie schliesslich ihre Zuneigung füreinander - und wissen damit nichts anzufangen. Insgesamt 14 Jahre vergehen, bis ihre Beziehung in Zement gegossen ist - im wahrsten Sinne des Wortes.
Bis dahin vergehen für den Zuschauer neunzig zauberhafte Filmminuten, die gespickt sind mit surrealen Bildern, grotesken Spielchen, die von augenzwinkernd bis sadistisch reichen, und einer grossen Portion Romantik, die am Ende ihre endgültigste Ausdrucksform findet.
Man darf lachen, geschockt sein, wieder lachen, eine Träne verdrücken - ein grosses Wechselbad der Gefühle.
Regiedebütant Yann Samuell schuf mit "Jeux D`Enfants" ein kleines Meisterwerk, dass seine Charaktere auch dank bestens aufgelegter Akteure dem Zuschauer von Anfang an näher bringt und trotz (oder gerade wegen) ihrer Andersartigkeit sehr sympatisch macht. Ganz besonders die beiden Kinderdarsteller wurden sehr glaubwürdig in Szene gesetzt und können vollauf überzeugen - die beiden Protagonisten sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben.
Kritikpunkte gibt es im Grunde keine - ein Independentstreifen der Extraklasse und zu unrecht im Kino kaum beachtet.
Tragikomödie in surrealen Bildern über zwei verwandte Seelen, die zusammengehören, aber im Trubel des Erwachsenwerdens ein halbes Leben brauchen, dies zu begreifen. Bezaubernd!
9/10