Es mag sein, dass ich nicht unbedingt der neutralste Rezensent bin, der von dieser Musikdokumentation über die wohl größte, traditionsreichste und bedeutendste Heavy Metal-Band aller Zeiten berichten kann. Ich kann aber mit ruhigem Gewissen behaupten, dass meine These auch in die objektive Sichtweise hinein verallgemeinert werden kann. Diese These lautet: „Some Kind of Monster“ ist ohne Zweifel eine der besten Musikdokumentationen überhaupt und geht damit über den Tellerrand der Zielgruppe „Metallica-Fan“ weit hinaus.
In gut 140 Minuten komprimierten Joe Berlinger und Bruce Sinofsky das Wichtigste aus hunderten von Stunden an Videomaterial, das im Konsens der Vorbereitungen für das bis dato letzte Album „St. Anger“ aufgenommen wurde. Die quasi durchgehende Begleitung von James Hetfield, Lars Ulrich und Kirk Hammett durch die Kameras ermöglichen einen tiefen, analytischen Blick in die Probleme rund um die Band, die ja der Kern des Inhalts sind. Angereichert werden die aktuellen Einblicke durch gelegentliche Einwürfe von Archivmaterial, bei denen bevorzugt auf den bei einem Autounfall verunglückten Ursprungsbassisten Cliff Burton eingegangen wird. Dazu aber später mehr.
Erwartungsgemäß bilden sich Frontmann James Hetfield und Drummer Lars Ulrich als Protagonisten heraus. Dreh- und Angelpunkt aller Probleme ist nämlich der Kampf um die Machtposition, um den goldenen Thron, von dem aus das Endresultat „Metallica“ entscheidend geprägt wird. Hetfields Alkoholprobleme, der Streit zwischen Hetfield und Ulrich, die Napster-Problematik, Jason Newstedts Ausstieg... all das lässt sich deduktiv aus eben diesem Streben nach dem entscheidenden Machtanteil ableiten.
Die Struktur der Dokumentation orientiert sich deshalb auch an eben diesem Kern. Einleitend mit einer Anhäufung von Interviewfragen (ohne Antwort) läuft dieser Interview-Zusammenschnitt letztendlich auf eine simple, an Hetfield gerichtete Frage hinaus: „Wie würdest du die gesamte Geschichte von Metallica mit einem Wort umschreiben?“ Hetfield lacht zuerst, dann versteinert sich sein Blick, gedankenverloren, nach Worten suchend... und keine Antwort findend.
Es folgen einige Informationen zur Bandgeschichte, dann steigen Berlinger und Sinofsky sofort drei Jahre vor dem Release von „St.Anger“ ein, gehen über Newstedts Ausstieg, Hetfields Auszeit bis hin zu seiner Rückkehr, wo sich dann die entscheidenden Ereignisse anhäufen. Produzent Bob Rock als provisorisches Bandmitglied, die „Ego-Collision“ zwischen Hetfield und Ulrich schließlich als Auslöser für das Hinzuziehen eines Psychologen, was von Ex-Bassist Jason Newstedt aus dem Hintergrund noch kritisch hinterfragt wird. Dann das emotionale Treffen mit Ex-Mitglied und Megadeth-Frontmann Dave Mustaine, schließlich die Napster-Klage, bevor sich die Arbeiten an „St. Anger“ intensivieren und in der Konsequenz verstärkt nach einem neuen Bassisten gesucht wird, den man in Robert Trujillo, ehemals Suicidal Tendencies und Ozzie Osbourne, findet. Abgeschlossen wird das emotionale Bilderfeuerwerk schließlich mit einem Höhepunkt in jeder Hinsicht: dem ersten Auftritt seit Jahren.
Einer der roten Fäden, die das Geschehen durchziehen, geht von der Bassisten-Position aus. Cliff Burtons Tod kommt laufzeitmäßig eigentlich verhältnismäßig kurz; in einer anderen Dokumentation über die Band wird er weiter ausgeführt und untersucht. Dennoch spielt er hier eine nicht zu verachtende Rolle, stellt er sich doch bei näherem Hinsehen als entscheidender Baustein für den weiteren Verlauf heraus. Wir erfahren, dass nur einen Tag nach Burtons Beerdigung nach einem neuen Bassisten gesucht wurde. Überhaupt hatte Newstedt bei seinem Einstieg ein schweres Erbe zu tragen, denn die Band trauerte noch und verschloss sich dem Neuen, der sich zwar als technisch brillant herausstellte, sich jedoch trotz allem nicht in den Kreis eingliedern durfte. Nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten hatte sich Newstedt zwar lange als vollständiges Mitglied etablieren können, doch selbst hier war er nicht mehr vollkommen zufrieden, fühlte sich nicht ausgefüllt. So rief er diverse Nebenprojekte ins Leben, darunter die Combo „Echobrain“. Das wiederum konnte Hetfield nicht akzeptieren, weil er den Gedanken nicht ertragen konnte, dass sich eines der Bandmitglieder durch Metallica nicht vollkommen ausgelastet fühlen könnte und weil er niemanden verlieren wollte. Doch genau das passierte: Newstedt stieg aus, denn er fühlte sich eingeengt.
Ganz andere Voraussetzungen also als bei der Verpflichtung von Robert Trujillo. Hier musste der Neue auch zwischenmenschlich passen, was dann auch zu einem entscheidenden Kriterium bei der Auswahl wurde. Die Vorstellung des neuen Bassisten darf daher als positiver Neuanfang verstanden werden.
Doch so schnell ging es natürlich nicht. Die Zeit zwischen Newstedt und Trujillo war eine steinige. Hier wandelte man zeitweise bedrohlich nahe am Abgrund. Wie nahe das Aus wirklich war, wird auf bedrückende Art dargestellt. Ausgangslage nach Newstedts Ausstieg war – wie nicht zum ersten mal – der Alkohol. Nicht umsonst hat man sich während all der Jahre des Tourens und Saufens den Namen „Alcoholica“ erarbeitet. So gerät Hetfield bei einem Urlaub wieder in die Alkoholspirale und benötigt Hilfe, um ihr wieder zu entfliehen. Es ist eine Wanderung auf einem schmalen Grat, zwischen Familie (sowohl Hetfield als auch Ulrich sind Väter) und Depression. Die Auszeit verändert alles: Als Hetfield zurückkehrt, will nichts mehr funktionieren. Er erweist sich als Egozentriker, fordert ein Arbeitsende täglich um Punkt vier Uhr nachmittags, will aber unter keinen Umständen, dass die anderen noch weiterarbeiten, damit er selbst nicht vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Hier beginnt der Zweikampf, der mitunter an eine „King Kong vs. Godzilla“-Paarung erinnert. Zwei Minuspole, von denen keiner nachgeben will, und die positive Quintessenz will sich auch nicht herausstellen. Hatte sich das schon in der Auseinandersetzung zwischen Hetfield und Newstedt angedeutet, gibt es nun endgültig kein Zurück: Es gibt keine andere Wahl, will man das Monster namens „Metallica“ am Leben erhalten, darf man keinen Rückzieher machen.
Hetfield befindet sich also erneut in einer Endlosschleife, diesmal zusammen mit Kollege Ulrich. Beide stoßen gegen die Wand. Kirk Hammett versucht zu schlichten und will mit der Zurücknahme des eigenen Egos den anderen ein gutes Beispiel sein, doch es bedarf einer Kraft von außen. Also heuert man einen Psychologen an. Der Rest ist bekannt.
In den Auseinandersetzungen zwischen Hetfield und Ulrich findet man ein Stilelement, das neuerdings sehr gerne vor allem in Filmbiographien angewandt wird (sei es in „Aviator“ oder in „Ray“), und nun scheinbar auch in Realdokumentationen: die Selbstkritik. In einer offiziell beglaubigten Dokumentation sollte man davon ausgehen, dass die Betroffenen den Inhalt gutheißen. Oftmals war dies in der Vergangenheit ein Problem, Objektivität zu bewahren, denn in der Regel will niemand schlecht aussehen, so dass immer die Schokoladenseite betont wurde. Nun springt das Publikum aber offenbar besonders auf Ehrlichkeit an, was auf das Gesamtwerk natürlich den positiven Effekt hat, dass gnadenlose Unverblümtheit und Unverfälschtheit gewährleistet werden kann. Natürlich muss man nun aufpassen, dass dieses Stilmittel nicht zum Selbstzweck verkommt, dass man also negative Charaktereigenschaften um des Ehrlichkeitseffektes Willen einbaut. Allerdings kann davon in „Some Kind of Monster“ keine Rede sein. Die Offenheit wirkt in keiner Einstellung gekünstelt, ganz im Gegenteil lernt man die Menschen James, Lars und Kirk viel besser und vollständiger kennen. Psychische Beweggründe werden deutlich, Entscheidungen nachvollziehbarer. Auch hieraus schöpft das Werk von Berlinger und Sinofsky eine Tiefe, die vielen anderen Dokumentationen einfach fehlt: Die Subjekte werden in ihrer Vollständigkeit gezeigt, nichts wird dem Zuschauer vorenthalten.
Das neue Album „St. Anger“ dient währenddessen als Kulisse, die Arbeit daran als Vorwand für die Aufeinandertreffen der Protagonisten. Vielmehr darf der Titel aber auch als Metapher auf das fragile Bandgerüst und den Befreiungsschlag verstanden werden, der das schon zerbrochen geglaubte Fundament wieder mit einem einzigen Knall aufrichtete.
Interessanterweise wurde das Album bei Erscheinen von vielen Fans und Kritikern trotz guter Verkaufszahlen eher verhalten aufgenommen. Vielleicht fehlte einfach das erklärende Gegenstück, das nun mit „Some Kind of Monster“ nachgereicht wurde. Denn Vieles, was missverstanden oder übersehen wurde, klärt sich hiermit auf. Prägnante Textzeilen wie „All The Shots I Take, I Spit Back At You“ werden in ihrer Entstehung gezeigt und daher um so nachvollziehbarer, zumal man sich durch Parallelen zu gezeigten realen Geschehnissen selbst noch weiter ein Bild von der Bedeutung aufbauen kann.
So, wie also die Probleme rund um die Band das Album beeinflusst haben, dient dieses Album also auch wieder als Reflexion dieser Probleme. Fast stellt sich die berühmte Frage, ob nun das Huhn oder das Ei eher da war.
Eine gewisse Aussage ist auch herauszufiltern. Bei aller Selbstkritik ist man letztendlich doch der Meinung, richtig gehandelt zu haben. Newstedts Äußerung, es sei unverständlich, die Probleme durch fremde Hilfe lösen zu wollen, wird negiert: Der Psychologe führt die Band wieder ins Licht; einmal dort angekommen, nimmt sie das Zepter wieder gemeinsam in die Hand, diesmal vereint, verstärkt und mit einer durch die adrenalingetriebene Gangart des neuen Albums symbolisierten positiven Kraft versehen. Jeder geht seinen Weg. Ob die Richtung, die Metallica eingeschlagen haben, wirklich so sinnvoll war, wie es dargestellt wird, lässt sich zum derzeitigen Stand der Dinge noch nicht sagen. Fakt ist aber, dass alles wieder gesünder erscheint als noch vor zwei, drei Jahren.
Fazit: Der Titel ist Programm. Das Phänomen Metallica ist eine Art Monster, bestehend aus zusammengefügten Teilen, die für sich alleinestehend nicht existieren können und nur zusammen einen Sinn ergeben. Der schmale Grat zwischen Leben und Tod ist dabei präsenter, der Lebensfaden dünner gewesen, als man es als Außenstehender je für möglich gehalten hätte. Immer wiederkehrende Schicksalsschläge wie Cliff Burtons Tod oder Jason Newstedts Ausstieg bohrten tiefe Wunden in das Fleisch, die nun mit dem Einstieg von Rob Trujillo und der schieren Wucht von „St.Anger“ wieder geheilt werden sollen. Joe Berlinger und Bruce Sinofsky schaffen es, diese Thematik technisch und inhaltlich geradezu perfekt in Szene zu setzen und verzichten dabei auch nicht auf Tiefgang und Vielschichtigkeit. Ein wahres Monster unter den Dokumentationen.
9/10