Achtung: Enthält Spoiler!
„Durchgeknallt“ aus dem Jahre 1999 von US-Regisseur James Mangold und mit starker Schauspielbesetzung wirkt zunächst einmal wie eine Art „Einer flog über das Kuckucksnest“ mit Backfischen anstelle eines knarzigen Jack Nicholsons und schweigsamen Indianers. Winona Ryder nimmt die Rolle der nach einem von ihr abgestrittenen Selbstmordversuch unfreiwillig in der psychiatrischen Klinik gelandeten Susanna ein, die so ihre Probleme hat, im Leben Fuß zu fassen. Ihren Gegenpart als aufbrausende, extrovertierte, aufmüpfige Insassin Lisa mimt Angelina Jolie. Allen Gegensätzen zum Trotz entwickelt sich eine Freundschaft zwischen beiden Persönlichkeiten…
Über weite Strecken wirkt „Durchgeknallt“ sehr gelungen, mangelnder psychologischer Tiefgang wird mit den charismatischen Hauptdarstellerinnen, insbesondere von der zuckersüßen, rehäugigen Winona Ryder wettgemacht. Es wird Kritik deutlich am autoritären Umgang mit den Patientinnen, die, erst einmal eingewiesen, nicht mehr selbst bestimmen können, wann sie die Einrichtung wieder verlassen möchten und den subjektiven Einschätzungen des Personals ausgeliefert sind, das ebenfalls etwas neben der Spur wirkt. Nachdem man Susanna dazu gedrängt, ja geradezu genötigt hat, zu unterschreiben, dass sie sich freiwillig dort befindet, hat sie grundlegende Rechte abgetreten und ihr Schicksal in fremde Hände gegeben. Hineinzukommen ist einfach, wieder herauszukommen nicht, schließlich fußt eine ganze Branche auf psychisch labilen Menschen, die mit an Beliebigkeit grenzenden Diagnosen als Versuchskaninchen und Existenzberechtigung für das Konglomerat aus Pharmaindustrie und Kliniksystem dienen. All diese nicht gänzlich von der Hand zu weisenden Kritikpunkte werden anschaulich dargestellt und wirken intelligent und durchdacht auf den Zuschauer. Nach dem Ausbruch des ungleichen Paars hofft man auf einen ansprechenden Road-Movie und wird alsbald mit der selbstbetrügerischen Parallelwelt einer Ex-Patientin konfrontiert, bei der die beiden Unterschlupf suchen. Mit der zynischen, gefühlskalten Abrechnung mit der Scheinwelt der Gastgeberin durch Lisa erfährt der Film seinen Höhepunkt; es ist beeindruckend, wie Angelina Jolie verbal ohne Rücksicht auf Verluste und vollkommen desillusioniert die Dinge beim Namen nennt und für eine Überdosis Realität sorgt, an der die Angesprochene zugrunde geht. Doch, zur Hölle, was hat die Filmemacher geritten, die zweite Hälfte des Films zu so einem gefälligen Mist zu verschandeln, in dem Lisa plötzlich entgegen ihrer vorausgegangenen Charakterisierung zur abgrundtief Bösen und die Klapsmühle mit ihrer Whoopie Goldberg als Leiterin zu einer fähigen, sinnvollen Therapieeinrichtung gemacht wird, in der unsere kleine Winona dann doch gesundet und entlassen wird?! Wäre der Film, der sich nun plötzlich neben ärgerlichen, aber hollywood-typischen Gut/Böse-Schwarzweiß-Malereien auch einer gehörigen Portion Kitsches bedient und sich wie ein Kaugummi in die Länge der Bedeutungslosigkeit zieht, ansonsten zu untauglich für den Mainstream geworden? Hatte man sich festgefahren und wusste auf andere Weise nicht mehr weiter? Oder nimmt das autobiographische Buch, auf dem „Durchgeknallt“ basieren soll, etwa tatsächlich den gleichen Verlauf und lässt zwischen den Zeilen die schlichte Kapitulation der Patientin erkennen, um möglichst schnell wieder ins „normale Leben“ zurückzukommen und die Bekloppten hinter sich zu lassen? Ich weiß es nicht, wurde aber schwer enttäuscht. Sollte letzteres der Fall sein, hätte man sich besser nicht an die Vorlage gehalten, sondern sich lediglich inspirieren lassen, denn diese plötzliche Wendung zum Guten nimmt man der Geschichte einfach nicht ab. Glücklicherweise durchgehend positiv fiel lediglich der klasse Sixties-Soundtrack auf, der bisweilen den Film mehr trägt als die Handlung. Fazit: Orientierungslos und irgendwie verdächtig.
So, und nun lasse ich mich wegen ausgeprägter Hollywood-Paranoia in eine Mädelsklinik einweisen und singe mit Winona und Angelina „Downtown, things'll be great when you're Downtown, no finer place for sure, Downtown, everything's waiting for you…“