Auch wenn der Film das äußerst dramatisch-chaotische Ende vorweg nimmt, beginnt "Crimson Gold" dann zunächst in einer großen Rückblende ganz gemächlich, so wie es die Art des Hauptakteurs ist. Der wortkarge Hussein, ein Mann von ausnehmender Statur und verquollenem Gesicht, ist gemeinsam mit seinem Kumpan Ali ein alles andere als beneidenswerter Spielball im täglichen Trubel Teherans und unser Fixpunkt auf unserer Entdeckungsreise durch eine fremde Stadt und Begleitung seiner traurigen Seele, auf die uns Regisseur Jafar Panahi scheucht.
"Eine Stadt voller Wahnsinniger!"
Um sich finanziell über Wasser zu halten, begehen unsere traurigen Alltagsgestalten Taschendiebstähle und liefern bis spät in die Nacht Pizzen aus. Letzteres hat in einer Stadt wie Teheran teils etwas von einem Spießrutenlauf, dann wieder verlangt es elendiges Warten wenn die Staatsgewalt in scheinbarer Willkür am Ausüben des Jobs hinderlich ist und wiederum der nächste Kunde kann mit Frauen-Problemen und einem Luxuspalast aufwarten. Und zwischen all dem unser so schweigsamer Hussein, der alles in sich hinein frisst. Und damit ist nicht nur die kalt zu werden drohende Pizza gemeint. Nicht gerade stimmungsfördernd ist da, wenn Hussein und Ali als Kunden in einem Juweliergeschäft ob ihres nicht elitären Aussehens der Eintritt verwehrt wird und sie mit ihrem Anliegen an den Basar im billigeren Stadtviertel verwiesen werden. Und auch später, in feinem Anzug, rät man dort eher zur Investition in Schmuck, den man schnell wieder los werden kann. Ganz so, als lese der Inhaber ihnen von der Nasenspitze ab, dass Geld nicht unbedingt zu dem gehört, was sie im Überfluss besitzen. Niemand wird gerne gedemütigt. Der Frust staut sich an.
"Wie kann man nur in dieser Stadt leben?"
Fragt sich das der Regisseur? Oder fragt er das die Bevölkerung? In jedem Fall kommuniziert er dies im Film ausgerechnet durch einen schwerreichen Exil-Iraner, der scheinbar zwischen der westlichen und dieser Welt pendelt, teilweise seine Landsleute nicht mehr versteht und so die Fragen aufwirft, die den Regisseur zu beschäftigen und auch unseren Hussein zu quälen scheinen, wenn auch aus einem komplett anderen Blickwinkel unter den Vorzeichen des "arm seins". Jedenfalls nimmt er, als sich bei besagtem reichen Kunden der Frauenbesuch, für den die Pizzen bestimmt waren, aus dem Staub gemacht hat, die Einladung in sein Luxusapartment an und lässt die Zügel schleifen. Fast erinnert so manche sich jetzt ereignende Szene an "Lost in Translation" oder andere Selbstfindungsdramen in Großstädten. Nur dass dieses kein glückliches Ende finden wird und ihn diese Nacht in dem Luxusapartment erst recht darin bestärkt, wie unfair und wie wenig sozial diese Gesellschaft Irans doch ist. Und Hussein flüchtet. Jedoch tritt er nicht die Flucht nach vorn an, sondern flüchtet sich in seine wütende Verzweiflung und lässt ihr freien Lauf.
"Die sind alle krank im Kopf. Alle krank im Kopf."
Ist es die Stadt, respektive der Staat, und ihre Menschen die Hussein haben krank werden lassen? Oder Ist er einfach nur eine gestörte Persönlichkeit, die auch an jedem anderen Ort der Welt einfach hätte ausrasten können? Wohl kaum. Er antwortet nie auf die Fragen von Ali, seinem Kumpel, oder auf die Fragen seiner Verlobten, was nicht in Ordnung sei. Vielleicht kann er es nicht genau benennen. Oder falls ja, will er seine Mitmenschen damit nicht belasten, zumal es für ihn auch nicht vorteilhaft ist, in aller Öffentlichkeit zu kritisch zu sein. Es wäre nichts, brummt er also jedesmal vor sich hin - bis sich seine Trauer und Ohnmacht im uns schon bekannten fatalen Schluss entlädt. Nach misslungenem Raub beim Juwelier, durch den Sicherheitsmechanismus eingesperrt und am Ende der Möglichkeiten angelangt, richtet Hussein sich selbst. Allerdings nicht ohne vorher seinen Beitrag zur Sinnlosigkeit des Systems zu leisten indem er den Juwelier auf seiner Flucht mitreißt. (7,5/10)