Review

Unschuldige Untreue


Weiter als „The Bigamist“ kann man seiner Zeit kaum voraus sein. Von einer Frau, der großartigen Ida Lupino inszeniert, über einen Mann mit zwei Frauen, zwei Ehen, zwei Leben, zwei Lieben - und das Anfang der 50er. Das ist schon waghalsig und extrem fortschrittlich gewesen für die damalige Zeit und in einer im Kern schon oft zensierten US-Filmlandschaft. Aber „The Bigamist“ ist weit mehr als nur ein Tabubrecher, er ist auch ein verdammt guter, menschlicher Film!

Selbst heute sind in Hollywood Frauen auf dem Regiestuhl eher eine Ausnahme, erfolgreiche erst recht, Kathrin Bigelow noch als Vorreitern quasi. Aber vor 70 Jahren? Damn, es ist ein Wunder, warum der Name Lupino nicht viel bekannter und geachteter ist! Klar hat sie keinen riesigen Klassiker oder Kassenhit gelandet, aber ihr Einfluss und ihre Bedeutung als Vorreitern ist kaum hoch genug zu hängen. Und „The Bigamist“ ist ihr Höhepunkt. Eine einfühlsame Geschichte über Einsamkeit, viel mehr als über Betrügerei und Untreue. Über falsche Entscheidungen und aufrichtige Liebe, realistisch, nicht immer angenehm für alle Parteien, aber dafür umso eindringlicher und nachvollziehbarer für viele. Und trotz alledem noch mit genug romantischem Spielraum. Das alles klasse besetzt (u.a. mit Lupino selbst), nie vorhersehbar, auf knackige 80 Minuten konzentriert und zu einer Art Hollywood-Antithese kondensiert, immer wieder mit Seitenhieben und Augenzwinkern in Richtung Traumfabrik. Als ob sie sagen würde: „Seht her, so geht das, so läuft das, das ist the real deal.“ Und damit hätte sie gar nicht mal so unrecht... 

Fazit: ziemlich sicher Ida Lupinos Kronjuwel. Mutig, drastisch, echt, bravurös. Und doch voller (positivem) Melodrama, Kitsch und Gefühl. Ein Betrüger und Ehebrecher, dem man kaum böse sein kann... wow! Telenovela trifft Neorealismus, Mann trifft Monster, Held trifft Frauenheld, Schuld trifft Unschuld. Hollywoods klassische zweite Schiene auf großen Spuren. „Casablanca“ meets „Journey to Italy“ und „Brief Encounter“ - nur eben Lupino-Style. Und der ist höllisch unterschätzt! 

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