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New York 70er Jahre, ein abgetrennter Männerarm wird im Hudson River entdeckt. Ein Schwulenkiller ist unterwegs und wütet in der SM Abteilung der lokalen Homoszene. Der junge Streifencop Burns bekommt unverhofft die Chance der Kripo beizutreten. Hauptgrund, er passt exakt vom Typ her ins Opferprofil. Jung, knackig, brünett und sportlich.
Burns ergreift die Gelegenheit, zieht bei YMCA ein, besucht Szeneschuppen, jagt und findet den Killer.
Soweit die Story von "Cruising", auf den ersten Blick ein normaler Krimi, wäre da nicht das Signum des Skandalfilms (Skandalfilme liebe Freunde weckten schon immer mein Interesse), William Friedkins famose Regie und das wunderbare Darstellerensemble. Bevor der Film seinen Weg in die Kinos fand, waren wieder mal diverse Kasperles in heller Aufregung, da der Film zum grossen Teil in Schwulenclubs spielt. Das Gequake, Schwule würden diskriminiert und es handele sich nur um eine kleine Gruppe von SM Schwulen und die meissten Gays sind ja gar nicht so und so weiter und sofort war damals nicht auszuhalten. Ich möchte hier mal kurz anmerken, dass die paar Hundert Homostatisten in "Cruising" nicht den Eindruck erwecken unter Zwang zu stehen. Ich sehe in Cruising nur selbstbewusste Kerle und keine verklemmten Feiglinge die ihr Schwulsein verstecken, sondern stolze durchtrainierte Ledermänner die zu ihrer Sexualität stehen. Mir kommt immer wieder pünktlich das Kotzen, wenn sich Moralisten oder ähnliches Gewürm auf von mir geliebte Kunstwerke stürzen. Ein paar Beispiele gefällig? "Maniac"(Feministinnen gehen auf die Strasse), "Im Jahr Des Drachen" ( die chinesische Gemeinde fühlt sich verunglimpft), oder "Goodfellas" (Italo Amerikaner drehen durch und werfen Martin Scorsese Anti Italo Tendenzen vor). Es gibt doch eine schwule SM Szene, Frauenmörder oder asiatische bzw. italienische Bandenkriminalität. Warum darf ein Ausnahmeregisseur also keinen Unterhaltungsstreifen über diese Themen abkurbeln? OK, ich schweife ab...tschuldigung. Kommen wir zu Friedkin. Der Meister litt nach seinem verdienten Welterfolg "Der Exorzist" an Grössenwahn und trieb die Geldgeber seines nächsten Films "Atemlos Vor Angst" mit Starallüren in den Irrsinn. Leider floppte dieser teure Klassefilm so gnadenlos, dass Friedkin als Kassengift gebranntmarkt wurde. Der gute Mann brauchte unbedingt einen erfolgreichen Film. Friedkin hat mit "Cruising" einen einzigartigen amerikanischen Kriminalfilm geschaffen. Die Atmosphäre ist einfach nur als elektrisierend zu beschreiben. Als ich das erste Mal als Heterozuschauer der ich bin, von Friedkin und Al Pacino (der damals noch seine Rollen sorgfällig aussuchte und nicht jede Grütze spielte) in die SM Clubs mitgenommen wurde stockte mir der Atem und das Kinn klappte mir runter. So ungefähr muss sich Luke Skywalker gefühlt haben, als er mit Obi Kenobi in der Alienbar vorbeigeschaut hat. In "Cruising" wimmelt es nur so von Kultszenen oder Kultdialogen. Bewundernswert finde ich beispielsweise wie einfach der Killer das Date für seinen ersten sichtbaren Mord klarmacht. Opfer findet Killer sympatisch und spricht ihn an : "Wo kommst Du denn her?" Killer : "Vom Mars" Opfer: "Klasse mit nem Marsmenschen hab ich's noch nie getrieben!" und ab gehts auf die Schlachtbank. Genial auch die Szene, in welcher der schüchterne Burnes erstmals Farbe bekennen muss und von einem Verehrer auf die Tanzfläche geführt wird. Zum harten Beat von Willy De Ville der "In The Heat Of The Moment" trällert, schnüffelt Al Schweisstücher und legt spastisch zuckend ne heisse Sohle aufs Parkett. Für Uma und John bleibt da leider nur Platz 2 in der ewigen Bestenliste der schönsten Tanzszenen. Ganz grosse Schauspielkunst von Al! Toll auch die Verhörmethoden des New Yorker Polizeiapparates. Mitten in der Befragung eines Verdächtigen und Burns, der nicht auffliegen darf, kommt ein fast splitternackter (bekleidet nur mit Sackschutz und nem Stetson auf der Birne) schwarzer Hühne ins Büro, gibt Al ne Schelle und verlässt wortlos die Räumlichkeiten. Grosses Kino, muss man gesehen haben. Neben Al Pacino überzeugen der grosse Joe Spinell als sadistischer Streifencop, der gerne mal nen Transi zum Oralverkehr zwingt, sein eigenes Schwulsein aber selbstverständlich ignoriert. Paul Sorvino ist Pacinos unter Erfolgsdruck stehender Vorgesetzter. Karen Allen, wunderbar in der Rolle von Pacinos Lebensgefährtin, die bei jeder Begegnung ertragen muss, wie Pacino ihr immer fremder wird. Friedkin inszeniert dies übrigens mit einem genialen musikalischen Kniff. In der Wohnung von Karen Allen wird ausschlieslich barockes Klassikgedudel gespielt. Die Musik steht für die Gemütsverfassung der jungen Dame. Als Al sie nach seinen ersten Tagen im Homomilieu rücksichtslos besteigt und hart rannimmt, wird die Klassikmusik immer leiser und die brutale Schwulenmucke bricht in Karens heile Welt ein. Nochmal kurz zur Besetzung. Es ist für mich sehr schön gewesen Leute wie die Walter Hill Stammgäste James Remar und Powers Boothe in "Cruising" zu sichten und zwar in absolut ungewöhnlichen Rollen. Remar bei Hill immer Obermacho, als eifersüchtige Schwuchtel und Booth, hier in seiner wohl ersten Rolle, als Homospielzeughändler(!). Pacino bekommt von Boothe ganz nebenbei Nachhilfe in farbiger Tuchkunde.
"Cruising" ist stark von der Persönlichkeit seines Regisseurs geprägt. Ein dynamischer, aber auch doppeldeutiger und verwirrender Film. Ein Meisterwerk! Friedkin schaffte einen ähnlichen künstlerischen Erfolg leider nur noch einmal. Fünf Jahre später mit "Leben und sterben in L.A.". Wie bei "Cruising" hat das aber leider auch so gut wie Niemand zur Kenntnis genommen.

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