Review

Mit "The Exorcist" hatte sich Friedkin seinerzeit gleich auf zwei Weisen in die Filmgeschichte eingeschrieben: zum einem galt er nun (nach dem beachtlichen Erfolg von "French Connection") vollends als versierter, sorgfältig arbeitender Regisseur, der mit gezielten Tricks genau den Nerv des Publikums treffen konnte, zum anderen legte ihn die Kritik nun auch auf die Rolle eines totalen Reaktionärs fest. Ging ihm der erste Ruf nach dem unerwarteten Debakel von "Sorcerer" - ein Remake von Clouzots "Le salaire de la peur" - gleich darauf wieder größtenteils abhanden, konnte er den Ruf eines Reaktionärs allerdings nicht so ohne weiteres abstreifen.

Umso verständlicher, dass zahlreiche Homosexuelle Sturm liefen, als ausgerechnet Friedkin sich daran machte, einen Serienkillerstoff im Schwulenmilieu zu inszenieren. Fernab des einschlägig vorbelasteten Regisseurs schien den meisten bereits der Plot ein Dorn im Auge zu sein: In "Cruising" ermittelt ein junger Undercover-Cop in der schwulen S/M-Szene, in welcher ein Angehöriger dieser Szene eine blutige Mordserie startet. Sowohl die Konzentration auf die homosexuelle S/M-Szene als auch die Präsentation eines homosexuellen Mörders lieferte den Grund der Erregung. In einer Zeit, in der homosexuelle Sympathieträger in massentauglichen Mainstream-Spielfilmen eine Rarität darstellten (eine der wenigen löblichen Ausnahmen ist sicherlich John "Midnight Cowboy" Schlesingers Streifen "Sunday, Bloody Sunday", der 1971 mit einer beiläufigen schwulen Liebesszene(1) Aufmerksamkeit erregte) und im Hollywoodfilm nahezu völlig ungenutzt blieben und in der sich die Homosexuellen gegenüber einer negativen öffentlichen Meinung stark machten, war dieses Bild einer homosexuellen Subkultur verständlicherweise unerwünscht und für die meisten zu einseitig.
Problematisch ist jedoch bereits die Empörung über die Verknüpfung von S/M- und schwuler Szene. Die Befürchtung vieler Homosexueller, die Zuschauer könnten ihre Abneigungen gegenüber einer S/M-Szene aufgrund der scheinbaren Gleichsetzung im Film auf die schwule Szene übertragen, setzt nämlich voraus, dass man kein Interesse daran zeigt, die S/M-Szene von ihrem anrüchigen Ruf reinzuwaschen, sondern bloß daran, nicht mit dieser anrüchigen Szene in Verbindung gebracht zu werden. Diese Haltung weist also selbst bereits intolerante Züge auf und die Proteste erweisen sich als verzweifelter Versuch einer Minderheitengruppe sich von einer anderen Minderheitengruppe abzugrenzen um sich nicht noch weiteren Vorurteilen aussetzen zu müssen. (Selbstverständlich stimmten auch heterosexuelle Kritiker ein Klagelied an und echauffierten sich über die scheinbare Gleichsetzung von Homosexualität und "abartigen Perversionen"; allerdings kamen - das liegt wohl in der Natur der Sache - von ihren Seiten keine vergleichbar großen Protestaktionen zustande, das überließ man freilich in erster Linie den "Betroffenen.")
Konsequenterweise waren es dann auch die Angehörigen der schwulen S/M-Szene, die sich für Friedkin im Film auch selbst darstellten (und dem Werk ein hohes Maß an Authentizität verleihen konnten, zumal Friedkin für Hollywood-Verhältnisse recht souverän mit Nacktheit, Erotik und Sexualität umgeht), welche die unproblematischste Forderung nach Gleichberechtigung stellten: Indem sie sich ganz offen präsentierten, warfen sie die Frage nach dem "Was ist schon dabei" auf. Ihre Offenheit lässt Homosexualität wie S/M-Erotik gleichermaßen zu "erlaubten" Formen der Sexualität werden und hier wird weder der S/M-Aspekt verschmäht in dem Glauben, die Homosexuellen dadurch "reinwaschen" zu müssen, und hier wird auch nicht die Homosexualität verschmäht um eine unverfängliche S/M-Szene zu präsentieren. Dass der eine wie der andere Aspekt den jeweils anderen beeinträchtigen und hinunterziehen könnte, ist nur annehmbar, wenn man bereits im Vorfeld einen Aspekt für verächtlich hält oder zumindest davon ausgeht, dass eine Allgemeinheit es so sehen wird und man keine Lust verspürt verteidigend dagegen anzugehen. Und so kam es dann zu vermeintlich politisch korrekten Ausbrüchen, die letztlich nur die eigenen Grenzen der Toleranz aufzeigten, die die S/M-Szene diffamierten um für die Homosexualität Partei zu ergreifen. Eine ähnliche Erfahrung hatte auch schon die lesbische S/M-Szene machen müssen, die sich von den wenigen Vertretern und den vielen Vertreterinnen feministischer Emanzipation im Stich gelassen und verraten fühlte, als im Zuge des Feminismus Sadomasochismus mitunter komplett abgelehnt und als ausschließlich männliche Phantasie verworfen wurde, da weder Gewaltausübung noch Erleiden von Gewalt im sexuellen Kontext mit genuin [sic!] weiblichen Sexualphantasien (worin auch immer diese bestehen sollen) übereinstimmen könne.
Gerade der Aspekt, dass sich die Gemüter bei Cruising vor allem an der S/M-Szene erhitz(t)en scheint mir da noch einiges an fruchtbarem Potential zu bergen, das in der Konzentration auf die Thematik der Homosexualität bislang zumeist übergangen worden ist.

Der zweite Punkt des Anstoßes, nämlich die Vorführung eines homosexuellen Mörders, ist da schon ernster zu nehmen. Und zwar nicht deshalb weil - was auch mehr als genug angenommen worden ist und angenommen wird - ein Vertreter einer Gruppierung gleich als Stellvertreter der ganzen Gruppierung aufgefasst werden kann, sondern [Achtung: Spoiler] weil hier nur bedingt von einem Täter die Rede sein kann. Tatsächlich werden hier verschiedene Darsteller genutzt, die in die jeweilige Täterrolle schlüpfen - mitunter auch Darsteller, die in chronologisch vorangegangenen Szenen ein Opfer verkörpert haben. Der Hauptverdächtige, den Uncover-Cop Al Pacino letztlich an einem Mordversuch hindert, beschwört seine Unschuld, stimmlich stimmt er mit jedem der Täter überein wie auch mit seinem distanzierten Vater (eine Rolle, die Parallelen zu "Psycho" aufwirft, da auch hier gemutmaßt wird, es mit einem schizophren veranlagten Täter zu tun zu haben, der bisweilen vom imaginierten Wille des Vaters getriebe wird), optisch jedoch gibt es Abweichungen, die allerdings erst beim zweiten Betrachten als solche erkennbar werden dürften, während sich bei der ersten Sichtung bloß ein Gefühl der Verunsicherung einstellt. Regisseur Friedkin sagt dazu in der Doku "Exorcising Cruising": "Das ist etwas, das rätselhaft genug ist, um das Publikum zu verunsichern. Das ist alles."(2) Mit dem ersten Satz behält er zumindest Recht und für Irritationsmomente sorgt dieses Verfahren tatsächlich; dass das alles sei, stimmt jedoch nicht so ganz. Denn damit wird - noch nicht beim ersten Betrachten mit den Irritationsmomenten, aber eben beim zweiten oder dritten, wachsam überprüfenden Betrachten - die Täterfigur letztlich entpersonalisiert und zu einer abstrakten Größe umgeformt, dis sich durch die homosexuelle Szene bewegt. Und damit kann tatsächlich in Richtung einer Stellvertreterfunktion des abstrakten Täters argumentiert werden, denn wenn er keine Person ist, sondern abstrakte kriminelle Gewalt in der schwulen S/M-Szene, dann wird diese Gewalt schon in einem Maß in dieser Szene verankert, das über ein "Mörder gibt es überall und immer" hinauszugehen droht. In diesem Punkt begibt sich Friedkin auf Glatteis, ganz egal wie dieser Kunstgriff intendiert war.
Allerdings ist festzusellen, dass es auch ganz deutlich positiv gezeichnete homosexuelle Charaktere gibt, die als Sympathieträger dienen - etwa der Freund von Al Pacino, zwei Transvestiten - und dass (nicht gerade subtil) eine Ausübung von Gewalt durch heterosexuelle Figuren (besonders Polizisten) und homoerotisch aufgeladene Figuren, die ihre homoerotische Seite verdrängen und an ihrer Heterosexualität festhalten - etwa Joe Spinell in einer passenden Rolle als schmieriger Cop, der gemäß des "Homos blasen Heteros"-Prinzips unter Missbrauch seines Amtes Oralverkehr erzwingt und sich in Privatgesprächen immer nur in machohaften Schmähungen seiner Expartnerin ergeht - was dieser Lesart nochmal minimal den Wind aus den Segeln nimmt.

Gänzlich unbedenkliche Mittel, eine Atmosphäre der Unsicherheit zu erzeugen, bietet der Umgang mit kühlen Farben (Blautöne dominieren den Film), das Ins-Leere-laufen-Lassen von vereinzelten Szenen (das offene Ende ist besonders konsequent durchgezogen worden), die immer nur angedeuteten (etwa in seinen berufsbedingten Annäherungsversuchen oder in den Sequenzen, in denen er mit seiner Freundin beisammen ist und ihr Sexualakt von Klängen aus dem Gayclub übertönt wird) homoerotischen Regungen bei Al Pacino, die jedoch niemals eine fassbare Entäußerung erleben und fest abgesteckt werden können...

Inmitten all dieser Irritationen & Uneindeutigkeiten und des Bemühens aller Rezensenten um politische Korrektheit lieferte Friedkins Film mehr als genug Angriffsflächen und wurde auch prompt dreimal für eine Goldene Himbeere nominiert. (Und zwar in den Kategorien Schlechtester Film, schlechteste Regie und schlechtestes Drehbuch.)
Dabei wurde übersehen, dass der Film mehr als genug großartige Elemente zu bieten hat: Neben der äußerst sorgfältigen handwerklichen Arbeit (Schnitt und Farbdramaturgie sind besonders interessant und auffällig, aber auch der Einsatz der Tonspur verläuft ebenso effektiv wie geistreich) präsentiert Friedkin hier auf recht ungeschönte und realitätsnahe Weise seine Gewaltakte, die schwer im Magen liegen dürften ohne dass er Unmengen an Blut oder auch nur eine lange Zeitspanne der Mordszenen nutzen müsste. Die recht stimmige und relativ unverklemmte Schilderung der S/M-Gay-Szene (inklusive Schilderung des titelgebenden Cruisings) ist sehr sinnlich und erotisch geraten - vorausgesetzt man hat damit nicht so seine Probleme und sieht darin ein Sündenbabel oder "Inferno"(3) wie es beim wie fast immer bedenklichen Filmdienst der Fall war. Und inmitten immer gleich ablaufender Thrillerkost ist dieser Film, der wie die Realität auch viele Fragen offen lässt und seiner Hauptfigur ein herausragendes Maß an Tiefe verleiht, ein wirklich erfrischendes Erlebnis. Und wer Al Pacino und Joe "Maniac" Spinell verehrt, bekommt beide in Rollen geboten, die zu den interessantesten ihrer so verschiedenen Karrieren gehören - wenngleich Spinells Nebenrolle natürlich nur einen Bruchteil der Laufzeit einnimmt.

Satte 8/10.

(1) Schlesinger (selbst homosexuell) über diese Szene: "Ich wollte, dass sie [Peter Finch und Murray Head] sich als Liebhaber sehr leidenschaftlich umarmen und küssen, aber ohne viel Aufsehen. Es sollte so aussehen, als täten sie es jedesmal, wenn sie sich sehen. Es war nicht wie: ,Hier sind diese lichtscheuen Menschen, die ein unersättlicher Hunger aufeinander zutreibt, den sie mit ihren schmutzigen Lippen stillen', sondern es war wie: ,Hi, Schatz, was gibt's heute zu essen?'" (Zitiert nach: Douglas Keesey, Paul Duncan (Hg.): Erotic Cinema. Taschen 2005. S. 66.)
(2) Exorcising Cruising. In: Cruising Special Edition. Warner 2007. (00:12:25).
(3) Lexikon des internationalen Films. Rowohlt 1987. S. 583.

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