„Die alten Häuser werden alle abgerissen!“
Regisseur Wolfgang Staudte („Die Mörder sind unter uns“, „Der Seewolf“) war ein guter Analytiker deutscher Befindlichkeiten und gesellschaftlicher Entwicklungen. Innerhalb der „Tatort“-Reihe debütierte er im Jahre 1973 mit dem dritten Fall des Münchner Kriminaloberinspektors Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer) nach einem Drehbuch Michael Molsners: „Tote brauchen keine Wohnung“, der erste von insgesamt sieben Staudte-Beiträgen zur Krimireihe. Der BR-Rundfunkrat war seinerzeit derart von den Inhalten entsetzt, dass die Episode im Giftschrank landete, aus dem sie erst 1992 ein neuer Intendant befreite.
„Das Gesetz ist auf meiner Seite!“ – „Immer auf der Seite, wo’s Geld ist!“
Das just aus einem norddeutschen Jugendknast entlassene ehemalige Heimkind Josef Bacher (Andreas Seyferth, „Oliver“) reist nach München zu seiner Mutter (Mady Rahl, „Venus im Pelz“) und der Familie, die diese mit ihrem neuen Lebensgefährten hat. Man lebt in beengten Verhältnissen und möchte Josef am liebsten schnellstmöglich wieder loswerden. Dieser sucht sich jedoch einen Job – ausgerechnet als Handlanger des Münchner Miethais Pröpper (Walter Sedlmayr, „Th. Hierneis oder: wie man ehem. Hofkoch wird“), der ihm auch ein Zimmer bei seiner renitenten Mieterin Frau Altmann (Herta Worell, „Hurra, unsere Eltern sind nicht da“) verschafft. Pröpper möchte seine Wohnhäuser am liebsten abreißen, um Raum für moderne, einträchtigere Bürogebäude zu schaffen. Für Pröpper macht Josef die Drecksarbeit, indem er vermeintliche Reparaturen durchführt, tatsächlich aber Sabotage verübt, um die Mieterinnen und Mieter zu vertreiben. Der Boxer und Kneipenwirt Rudi Mandl (Arthur Brauss, „Mädchen: Mit Gewalt“) haut ihm dafür auch schon mal aufs Maul. Und plötzlich ist Frau Altmann tot – vergiftet! Das Gift befand sich in ihrer Zuckerdose. Wer ist der oder die Täter(in) und was war das Motiv? Pröpper wollte die Rentnerin loswerden, der alte Herr Hallbaum (Wilhelm Zeno Diemer, „Alte Kameraden“) war zwischen ihr und seiner Haushälterin Frau Kreipl (Hanna Burgwitz, „O.K.“) hin- und hergerissen und Frau Altmanns Neffe scheint ihr Erbe gut gebrauchen zu können. Kriminaloberinspektor Veigl ermittelt im Viertel, in dem die Nerven insbesondere wegen Pröppers Umtrieben blankliegen. Und Frau Altmanns Vergiftung wird nicht der einzige Todesfall bleiben…
Authentische Bilder einer Demonstration gegen Mietenwucher eröffnen diesen „Tatort“ – und sofort fällt auf, wie skandalös wenig sich seit damals geändert hat. Das Leben in Großstädten wird immer mehr zum Luxus, Mieten explodieren und die Gentrifizierung vertreibt die Arbeiterklasse aus ihren Vierteln. Pröpper wird als unsympathischer Kleinbürger und skrupelloser Kapitalist charakterisiert, der seine eigentlichen Beweggründe hinter einer Scheintoleranz verschleiert: Ehemaligen Häftlingen solle man doch eine Chance geben (auch wenn er ihre Not ausnutzt, indem er sie für illegale Machenschaften einsetzt), Ausländer(innen) solle man doch willkommen heißen (auch wenn er einen ganzen „Negerstamm“ nur deshalb in eine seiner Wohnungen einquartiert, um die anderen Mieter(innen) zu vergraulen – eine Szene, die sowohl Xenophobie aufgreift als auch veranschaulicht, wie Ausländer(innen) zum Spielball fremder Interessen werden). Staudte überrascht mit der prominenten Platzierung des durchaus etwas verstörend aussehenden Leichnams im Bild, skizziert ein mit der vollen Breitseite Zeitkolorit ausgestattetes Münchner Wohnmilieu abseits jeglicher Schickeria und schafft ein Bewusstsein für miese Vermietertricks und die aus Privatbesitz von Wohnraum und Geldgier ihrer Besitzer(innen) resultierenden sozialen Spannungen.
All dies geht mit einer Vielzahl besonders unterhaltsam gestalteter und erinnerungswürdiger Szenen einher, sei es die Verfolgungsjagd des Neffens Frau Altmanns – er im Sportwagen, die Polizei im Helikopter –, sei es die Bürgerversammlung zur Stadtteilveränderung, in der spießige Alte („Ich war mein Leben lang Royalist!“) voller Angst vor „kommunistischen Wohngemeinschaften“ und Gruppensex auf progressivere Junge aber auch Alte (mit Lust auf Gruppensex…) treffen. In Kombination mit der Vielzahl Verdächtiger und der nur auf den ersten Blick köstlichen, vielmehr tragischen Dreiecksgeschichte um Herrn Hallbaum und seine Verehrerinnen bleibt da bei lediglich 77 Minuten Länge gar keine Zeit für etwaigen Leerlauf. Stattdessen wird über kapitalistische Wohnraumspekulation hinaus sogar noch der Umstand aufgegriffen, dass die Polizei die Kapitalist(inn)en schützt, was der gewohnt urbayrisch erscheinende Veigl mit Hallbaums kleinem Enkel Jürgen (Robert Seidl) diskutiert – wobei dieser einzig richtig reagiert, indem er den Exekutivbeamten beleidigt. Am Ende dieses schönen Zeitgeist- und Sittenporträts (interessant: jemanden mit einer ungeladenen Waffe zu bedrohen gilt bei den bayrischen Bullen als harmloser Scherz) ist es dann auch ausgerechnet Jürgen, der sich auf der Flucht befindet, bevor dieser „Tatort“ etwas arg überhastet und abrupt endet – was seine Qualitäten nur marginal schmälert.