Die US-TV Szene, soweit man sie von hier beurteilen kann, wird in den letzten Jahren von reichlich schwerer Kost dominiert, bedeutungsschwangeren Profiler-Serien etwa oder humorfreien Spurensuchern mit der wundersamen Lizenz, ganze Mordserien im Alleingang zu klären. Vorbei sind anscheinend die Zeiten für leicht kindischen, aber unterhaltsamen Unfug a la Buffy oder Xena; keine Überraschung, dass auch der Wilde Westen, wenn er denn doch noch mal auf der Mattscheibe auftaucht, nur die Kulisse für ein psychologisch vertieftes und historisch superkorrektes Drama wie jetzt "Deadwood" bildet.
Titelgebend ist ein kleines Kaff im Indianergebiet um das Jahr 1876, das von neumodischen Errungenschaften a la Recht und Ordnung noch weitgehend verschont ist. Historische Figuren wie der legendäre Wild Bill Hickock oder Seth Bullock tummeln sich hier (wenn auch, wie der Kenner weiß, zum Teil nur kurz). Währenddessen versuchen skrupellose Geschäftsleute ihre Claims auf den verschiedenen Zukunftsmärkten wie Prostitution und Glückspiel abzustecken.
Klare Ansage gleich zu Beginn: Ich bin von Deadwood enttäuscht; es ist zugegeben eine Enttäuschung auf hohem Niveau. Für letzteres sorgen zum Teil wirklich exzellente Schauspieler in einer ungemein authentisch wirkenden Kulisse, und ein Blick auf die amerikanische Vergangenheit, der ernüchternd und lehrreich zugleich ist (wer sich für den historischen Hintergrund interessiert: es gibt eine tolle Seite auf der amerikanischen Wikipedia, da erfährt man u.a., wer die Vorbilder der diversen Figuren waren und dass die Serie in vielen Details wirklich genau ist). Dort kann man auch lesen, dass der Serie bisweilen Frauenfeindlichkeit vorgeworfen wird; ohne hier den Al Bundy zu geben (frauenfeindlich ? Wo ist das Problem ?) muss man allerdings auch sagen, dass die Macher sich hier nicht zu weit von den Tatsachen entfernt haben dürften; und bitte: letztlich ist der Film mindestens genauso männerfeindlich, denn die sind es ja, die fast alle weiblichen Filmfiguren z.T. gewaltsam in der Prostitution halten.
Trotz dieser Stärken: Auf der Suche nach spannender oder von mir aus auch entspannender Abendunterhaltung wird man in Deadwood nur mühsam fündig, und dafür sehe ich mal wenigstens zwei Hauptursachen. Zum einen irrt man lange und verzweifelt durch die Handlung auf der Suche nach einer sympathischen Figur - selbst der hierfür wohl vorgesehene Seth Bullock taugt da nur bedingt, hängt der in der Pilotfolge doch gleich mal eigenhändig einen Mann auf, bevor der Lynchmob es tut. Bösewichter - von denen es fast schon ein paar zu viele gibt - sind da kein wirklicher Ersatz, zumal das Serienkonzept es kaum zulässt, dass die irgendwann mal für ihre Schandtaten wirklich zur Rechenschaft gezogen werden.
Zum anderen: Das Tempo der Serie ist wirklich elefantös langsam, in einigen Folgen (etwa der 9.) passiert selbst bei wohlwollender Betrachtung eigentlich gar nichts. Während in den ersten Episoden noch einige Handlungsstränge aufbaut werden, die so etwas wie Spannung versprechen, werden diese später nur noch zentimeterweise vorangetrieben. Dass dabei so etwas wie Action eigentlich gar nicht vorkommt, sei hier nur am Rande erwähnt - na gut, damals hat es vermutlich wirklich nicht jeden Tag irgendwo geknallt, aber so eine kleine Schiesserei erwartet man halt irgendwie von einem echten Western, etwa dem ja auch recht authentisch daherkommenden "Open Range". Wenn es in Deadwood dann doch mal zur Sache geht, ist das kein wirklicher Schauwert, sondern reine Gewalt, wie der ziemlich schockierende Tod eines jungen Ganovenpaares.
Und wo wir gerade beim Thema Schauwerte sind: Weil die Zuschauer des US-Pay-TV Senders HBO für ihre Bucks vermutlich irgend etwas "Mehr" erwarten als im normalen TV, entschied man halt sich statt harter Action für die Schiene "Nudity and Language", um es mal in den Worten der MPAA zu sagen. Und so gibt es eine reichlich derbe Sprache (da würde ich echt mal gerne einen Sprachforscher hören, ob man sich damals wirklich permanent als S....lutscher tituliert hat), und in den meisten Folgen tauchen auch ein oder zwei "Damen" oben ohne auf. Ein bisschen spekulativ erscheint mir das schon, obwohl: Wirklich erotisch sind die nackten Ladies auch nicht, als ob man dem zahlenden Zuschauer seinen Voyeurismus unangenehm vor Augen führen möchte.
Zumindest die erste Staffel, auf die sich dieses Review bezieht, ist also eher ein Minderheitenprogramm für westernhistorisch Interssierte. Handwerklich sorgfältig gemacht, um mal den seligen Katholischen Filmdienst zu zitieren, aber mangels Action, Tempo und sympathischen Figuren kein wirklich schönes Western-Revival. Wenn RTL das tatsächlich ins Nachtprogramm nehmen sollten, wird die "Zielgruppe" wohl arg überschaubar bleiben.