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Michael Curtiz war der Meister aller Genres. In welches Genre immer er sich hineinbegab, man konnte davon ausgehen, er würde dort Klassiker erschaffen. Zu Oscarnominierungen brachte er es gleich in vier verschiedenen Bereichen; im Piratenfilm (“Unter Flagge”, 1935), im Liebesdrama (“Vater dirigiert”, 1938), im Gangsterfilm (“Chikago”, 1938) und im Musikfilm (“Yankee Doodle Dandy”, 1942). Für “Casablanca” schließlich gewann er den Oscar für die beste Regie.

Im Horrorgenre war Curtiz auch nicht untätig. Nach “Doktor X” (1932) und “Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts” (1933) führte es ihn schließlich im Jahr 1936 zur Kollaboration mit einer der ureigensten Horrorikonen seit Anbeginn der Geschichte des vertonten Films: Boris Karloff.
Dabei war Karloff in den Dreißigern keinesfalls ausschließlich auf Horrorgestalten abonniert. Bedingt durch gesellschaftliche Umstände zu Zeiten der Großen Depression verlangte das Publikum nach sozialkritischem Stoff, so dass Karloff öfter anspruchsvollere Rollen übernahm, die mit den Mad Scientist-Rollen, die er in den Vierzigern überwiegend annahm, nichts zu tun hatten. Doch die beiden “Frankenstein”-Filme von James Whale und “Die Mumie” gaben ihm letztendlich sein öffentliches Gesicht, nämlich das des “Karloff, the Uncanny”, des unheimlichen, mysteriösen Monsters.

Obwohl Karloff in “Die Rache des Toten” im Gegensatz zu anderen Filmen, die er in dieser Periode drehte, keinen Mad Scientist-Typus bedient, sondern die andere Seite der Medaille, also wieder den Frankenstein-Archetypen, kann der Film insgesamt als repräsentativ für die Epoche und die am Projekt Beteiligten gesehen werden. Curtiz inszeniert hier einen manchmal leider nicht ganz zusammenpassenden Genremix mit Schwerpunkten beim Gangster- und Horrorfilm und spielt dabei letztere Sparte betreffend effektiv mit den Spielzeugen aus Universals Monsterfilm-Baukasten. Dass die Horrorelemente ein wenig zu stark auf Karloff ausgerichtet erscheinen, dieser Gedanke lässt sich nicht so ganz aus dem Kopf vertreiben, aber der etwas zu phantastisch anmutende Plot gewinnt im Laufe der guten Stunde soweit an Substanz, dass sich “Die Rache des Toten” zu einer gelungenen Auseinandersetzung mit der Schuldfrage entwickelt.

Zwei grundverschiedene Filmhälften stehen sich gegenüber: Die erste endet und die zweite beginnt mit der Hinrichtung von John Ellman (Karloff). Damit findet zugleich ein fliegender Wechsel von Gangster- und Horrorfilm statt. Beginnend in einem Gerichtsgebäude, zieht Curtiz ein Geflecht aus Gerichtsdrama und Gangsterfilm mit wenigen Sprenklern Komödie und viel Drama auf. Das Dead Man Walking-Schema wird ausgereizt bis auf den Kern und durch teils unerträglichen Suspense angereichert, der seine Spannung durch die anstehende Hinrichtung und das Pärchen bezieht, das die Unschuld des Hinzurichtenden beweisen kann, sich durch Drohungen seitens der richtigen Mörder aber nicht entscheiden kann, ob es den Mann entlasten will. Die Situation spitzt sich durch bürokratische Schlendereien (Polizist muss erst noch ein wenig mit seinem Kollegen über Belanglosigkeiten plaudern, bis er den lebenswichtigen Anruf entgegennimmt) so weit zu, dass zeitweise der Gedanke an Hitchcocks “Sabotage” kaum noch zu verdrängen ist.

Problematisch ist der Knoten, mit dem diese Filmhälfte mit der folgenden zusammengebunden wird. Erfolgreiche Herztransplantation am Menschen war bis 1967 noch Fiktion, obwohl erste Tierversuche bereits Anfang des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurden. Die im Film dargestellte Operation ist alleine deswegen schon als phantastisches Element einzustufen, zumal das Versuchsobjekt hier bereits durch eine Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl tot ist. Dieser Ansatz riecht leider nach unmotiviertem Einbau der “Frankenstein”-Idee und lässt durch die Teilnahme Karloffs beinahe den Schluss zu, Drehbuchautor Joseph Fields habe da etwas auf seinen Star ausrichten wollen (ob dem tatsächlich so war, entzieht sich meiner Kenntnis). Fakt ist, genauso wirkt diese fiktionale Erklärung für die Wiederauferstehung Ellmans - als sei sie ein notwendiges Übel, das nun mal in den Film müsse, um den Toten zurückkehren zu lassen. Sicherlich sind positiverweise Bemühungen zu erkennen, die Transplantation wissenschaftlich-rational auszukleiden, denn nur so kann der Haken zu den realitätsnahen ersten 30 Minuten geschlagen werden. Für diesen Weg bleibt die Prämisse an sich aber einfach zu sehr im Bereich der Science Fiction. Bei “Frankenstein” war das ob der mythologischen Erzählweise Whales kein Problem; bei Curtiz ist es aber eins, weil er sich nicht gänzlich im Horrorbereich bewegt.

Ist der holprige Übergang aber einmal geschafft, gelingt dem Regisseur die Wende. Stilsicher führt er sein Werk einem befriedigenden Ende entgegen, ohne dabei technisch neue Wege zu erschließen, doch im Diskurs um die Schuldfrage öffnen sich unerwartete Abgründe, die man ausgehend vom Titel nicht erwartet hätte.
Seinem Hauptdarsteller Karloff läuft die Entwicklung gen Finale zugegen. Make Up und Frisur lassen zwar nun zu viele Vergleiche zu “Frankenstein” zu (im Seitenprofil ähnelt Karloff hier seiner Lebensrolle tatsächlich verblüffend stark), aber kombiniert mit der ersten Hälfte wird ihm die Möglichkeit geboten, sein ganzes Repertoire als Schauspieler abzurufen. Karloff versucht sich an einer zunächst katatonischen Ausrichtung seiner wiedergeborenen Figur, die irgendwann zum Racheengel wird. Der Umstand, dass Karloff in der ersten Hälfte einen (verängstigten, hilflosen) Menschen spielen durfte, verschafft ihm eine Gelegenheit, die er bei “Frankenstein” und der “Mumie” nicht bekam, nämlich durch den Kontrast zwischen Mensch und Monster seine dunkle Seite noch stärker zu betonen. Karloff spielt beileibe nicht besser als in seinen Paraderollen, aber Curtiz setzt ihn durchaus effektiv ein.

Und das nicht nur durch den Storybogen, denn geschickt bedient er sich allerlei technischer Möglichkeiten, Karloff wahrhaftig wie einen Rächer aus der Unterwelt in Szene zu setzen. Unverhohlen stiehlt er Close Up der hasserfüllten Augen Karloffs und Schattierung seiner Haut bei Karl Freunds “Mumie”, die Lichtspiegelungen auf den Gesichtern seiner mentalen Opfer bei Tod Brownings “Dracula”, hier mit dem umgekehrten Effekt, keine hypnotisierenden Augen zu unterstreichen, sondern hypnotisierte Augen.

Mögen die Techniken entliehen sein, die Zwecke, zu denen er sie einsetzt, sind es allenfalls in Archetypen der Menschlichkeit. Denn äußerst raffiniert inszeniert Curtiz unter den Mechanismen des Horrorfilms ein richtendes Stück über Schuld und das universelle Gleichgewicht des Rechts. Nacheinander werden die Mörder des Richters und die Mitschuldigen an der Hinrichtung des unschuldigen John Ellman von ebenjenem Ellman als dunkler Engel ihrer gerechten Strafe zugewiesen - ein uraltes Motiv in der Geschichte des Films und der Literatur. Oberflächlich betrachtet bahnt sich ein Untoter den blutigen Weg durch seine Henker, wobei alle Förmlichkeiten des standardisierten Horrorfilms eingehalten werden. Schaut man aber genau hin, so legt Ellman nicht einmal Hand an seine Opfer; er hält ihnen lediglich einen Spiegel der Moral vor und konfrontiert sie mit ihrem eigenen Gewissen. Der Regisseur operiert hier auf hohem Niveau, bietet seinem oberflächlich schematischen Grusler eine subliminale Lesart.

Problematisch bleibt es also einzig im Übergang zwischen dem an Suspense reichhaltigen Beginn und der Subtilität des Ausgangs. Im Grunde ist “Die Rache des Toten” ein über die komplette Stunde fesselndes Werk, das sich niemals den Luxus erlaubt, in die Langeweile abzudriften. Mit dem Genremix hat sich Curtiz leider etwas verhoben, wenngleich vor allem Karloffs Wandel vom eingeschüchterten Ex-Sträfling zum düsteren Rächer übergreifend überzeugt. Der Genrewechsel ist per se auch weniger problematisch als der bemühte Switch im Mittelteil, der nun mal für den Fortlauf der Story leider obligatorisch ist und so hingenommen werden muss, auch wenn er ansonsten nicht in das Filmgerüst passen mag.

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