(Ansatzweise Spoiler!)
"Es gibt nur eine Bezeichnung für jemanden wie Dich. Ein grundschlechter Mensch. Grundschlecht. So ist es. Und zutiefst böse. Das einzige was Du brauchst... ist eine Tracht Prügel!"
Mit diesen Worten wird der 16-jährige Rebell Erik Ponti (Andreas Wilson) nach einer Schlägerei von der Schule verwiesen. Kaum zu fassen, das sie gerade aus dem Mund eines Pädagogen, obendrein dem des Schuldirektors, stammen - gleichzeitig aber auch schon zu Beginn ein Zeichen für den Zuschauer: Das kann ja heiter werden... und soviel sei vorweggesagt: das wird es auch!
Aufgewachsen bei seinem tyrannischen Stiefvater, der Kleinigkeiten mit Prügel bestraft, und seiner diesem alltäglichen Zustand hilflos gegenüberstehenden Mutter, nimmt Erik die letzte Chance auf einen Schulabschluss wahr und wechselt auf das Internat Stjärnsberg.
Dort kann er zumindestens seinem Stiefvater aus dem Weg gehen, so scheint es, doch die vornehme und zunächst beeindruckende Schule entpuppt sich bald als hierarchisch strukturierte Institution, in der Peinigungen und Demütigungen durch die Oberschüler an der Tagesordnung sind.
Erik, selbst in einem Zustand der Misshandlung aufgewachsen und diesem langsam überdrüssig, nimmt diese Unterdrückung nicht hin und schafft sich in dem versnobbten Oberschüler Otto einen Feind, der mit aller Gewalt und mit immer sadistischeren Mitteln den Willen von Erik zu brechen versucht.
Erik erweist sich als willensstark und verzichtet auf Gewalt, um nicht von der Schule zu fliegen, doch als sein Zimmerfreund Pierre hineingezogen und die verbotene Liebe zur Schulkellnerin Marja gegen ihn benutzt wird, droht auch Erik, die Regeln zu brechen. Auf seine Weise - und das ein für allemal...
Was zunächst nach einem durchschnittlichen Thriller klingt, erweist sich als gekonnt umgesetztes und nachdenklich stimmendes Drama, das dem Zuschauer ein von Ignoranz geführtes System schonungslos vor die Augen führt.
Ansatz dafür wird in "Evil" genug geboten, zum Einen wäre da das Elternhaus von Erik zu erwähnen und im Besonderen natürlich sein Stiefvater, der seine Frustration bei jeder sich bietenden Kleinigkeit durch Prügel ablässt.
Auch seine Mutter kann Erik kaum Beistand geben - sie schließt selbst die Augen vor der bitteren Realität und setzt sich, sobald der Stiefvater seine Prügeleien in die Tat umsetzt, ans Klavier, um die Qualen und Foltereien sinnbildlich zu "überspielen".
So wächst Erik in einem erdrückendem Elternhaus und selbst zu einem gewaltausübenden Menschen heran, der die Konsequenzen einer Schlägerei schließlich bitter zu spüren bekommt.
Da wirkt der oben zitierte Satz schon wie ein Paradoxon, wenn der Schuldirektor als einzigen Ausweg nur "eine Tracht Prügel" nennen kann, die ja eigentlich das Ventil für Erik´s Gewaltausbrüche ist. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Oder vielleicht doch nicht?!
Diese Antwort geben uns die Geschehnisse auf dem Internat, in dem sich die Misshandlungen fortsetzen - in der die Oberschüler die unteren Jahrgänge ebenfalls peinigen, da dies ja "Tradition" sei.
Mit Erik, der sich diesem menschenverachtenden System nicht unterwerfen will, fühlen sich die Oberschüler provoziert und herausgefordert, vermutlich deswegen, weil er ihnen genau das vorführt, was sie eigentlich selbst in der Unterstufe gerne getan hätten: nicht blind zu folgen, sondern sich zur Wehr zu setzen!
Sein Zimmerkumpane Pierre, der sich selbst als "intellektuellen Feigling" einstuft, wirkt dabei schon wie ein Gegensatz zu Erik. Er passt sich möglichst an und versucht nicht aufzufallen, rät Erik sogar dazu, dasselbige zu tun.
Andererseits wiederrum ist Pierre selbst von Erik´s Widerwehr und starkem Willen fasziniert und so wundert es kaum, dass ein Entwicklungsprozess beider Protagonisten stattfindet, in dem beide zu einem Weg zwischen Pazifismus und Gewalt finden.
Erik wächst an den Konflikten, lernt sie friedvoll zu lösen und beweist enorme Charakterstärke. Er entwickelt darüberhinaus eine ihm zuvor nicht gekannte, jedoch verbotene Liebe zur Schulkellnerin Marja, die ihm den emotionalen Halt gibt, nach dem er sich immer sehnte.
Die Geschichte spielt sich Mitte der 50er Jahre in Schweden ab - also zu einer Zeit, in der Persönlichkeitsrechte nicht so selbstverständlich waren, wie es heutzutage der Fall ist - oder sagen wir besser sein sollte. Dennoch ist die Geschichte zeitlos, morgen wie gestern präsent und darüberhinaus auch sehr interpretierfähig. Was der Zuschauer dabei mitnehmen und/oder wie er das Geschehen für sich deuten will, das bleibt jedem selbst überlassen.
Nun aber noch ein Wort zu den Schauspielern, vielleicht aber auch zwei ;)
Sie agieren allesamt auf höchstem Niveau. Selten war ein Fiesling so fies wie Gustaf Skarsgård, der Otto in diesem Film einfach nur unsympathisch, versnobbt, böse, vor allem aber auch glaubwürdig rüberbringt!
Das gleiche zählt auch für die anderen Schauspieler, allen voran natürlich Erik, der sehr stark von Andreas Wilson verkörpert wird.
Verantwortlich für die Charakterzeichnung ist die Handlung, die auf Begebenheiten basiert, die der Autor von "Ondskan", selbst erlebte, was das Ganze nur umso bitterer und erschreckender macht.
So bleibt "Evil" nicht nur ein sehenswerter und mitreißender - sondern in erster Linie ein wichtiger Film, der unglaublich viel Tiefgang besitzt und fast uneingeschränkt zu empfehlen ist!
10 / 10